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Die großen Kirchen in Deutschland mögen in einer Krise stecken, eines aber läuft erstaunlicherweise richtig gut: Die Caritas, die Diakonie, die Nächstenliebe. Wir sind großartig darin, uns um Kranke, Arme und Ausgestoßene zu kümmern. Doch wir tappen in eine Falle, wenn wir jenem Machbarkeitswahn verfallen, der uns glauben lässt, wir könnten jegliches Leid beseitigen oder unter Kontrolle bringen. Der Westen im Lebensrad konfrontiert uns mit der Untröstlichkeit. Wie aber damit umgehen?

Den Aussätzigen küssen

Ich gehöre zur franziskanischen Familie. Die erste Geschichte, die ein angehender Franziskaner kennenlernt, handelt von der Begegnung des Heiligen Franziskus mit dem Aussätzigen. Das waren Leprakranke, die man im 13. Jahrhundert aus Sicherheitsgründen und aus Angst vor Ansteckung nach draußen vor die Stadttore verbannte, wo sie mit einem Glöckchen auf sich aufmerksam machen mussten. Der reiche Kaufmannssohn Franziskus steigt also vom Pferd herab, umarmt den Leprösen und küsst ihn.

Diese beeindruckende und auch provokante Geschichte ist zum Kernmotiv franziskanischer Nächstenliebe geworden. Das ist zunächst einmal auch in Ordnung so. Denn wie sich Franz von Assisi den Armen, Kranken und Ausgestoßenen zuwandte, tun es franziskanisch Gesinnte überall auf der Welt. Das ist allerdings nur die Außenseite der Geschichte. Franz von Assisi ging es nicht ausschließlich darum, zu helfen. Die Hilfe ergab sich aus einer Augenhöhe, die er suchte. Die Begegnung veränderte ihn selbst auf radikale Weise. Er wechselte sogar die soziale Schicht, entschied sich für ein Leben in Armut, d.h. er teilte das Leben des Aussätzigen, weil er in ihm Christus begegnet war, wie er später herausfand.

Diese Innensicht haben wir in unserer Praxis fast vollständig ausgeblendet. Deshalb laufen die Engagierten Gefahr, sich über jene zu stellen, denen sie helfen wollen, was völlig im Widerspruch zur franziskanischen und damit auch zur christlichen Idee steht. Damit zementieren sie die Rollen: Ich, der gute Helfer, du, das Opfer, das Hilfe braucht. Was bedeutet es dann noch, dass Armut in der christlichen Tradition immer auch eine »geistliche« Dimension hatte? Jede Form von Armut, Krankheit oder Leid, welcher Art auch immer, konfrontiert uns mit dem Schatten, mit all dem, was wir meiden wie die Pest.

Der Westen im Lebensrad

Der Westen im Lebensrad steht für diesen Schattenbereich und gibt ihm einen Namen. Wenn wir in Wahrhaftigkeit dessen gewahr werden, was wir nicht kontrollieren, nicht auflösen, nicht heilen, nicht beseitigen und wieder gut machen können – und vielleicht genau deshalb meiden -, werden wir fähig, die Möglichkeiten zu erkennen, die wir jetzt in dieser Situation haben.

In Visionssuchen geschieht es oft, dass ein Quester oder eine Questerin, händeringend nach einem Ausweg aus einer belastenden Lebenslage sucht. Es zeigt sich aber meistens schnell, dass es gar nichts bringt, irgendwelche Lösungen zu beschwören. Wenn wir unsere Idee davon, wie etwas sein könnte, vor uns her tragen, bringt das keine Erfüllung. Und es bringt auch wenig inneren Ertrag, anderen ein Schild hinzuhalten und von ihnen irgendeine Veränderung einzufordern (Wenn meine Eltern dies und das gemacht hätten, dann wäre ich heute nicht … erst wenn mein Mann sich ändert, kann ich … usw.).

Die Würde der Untröstlichkeit

Wenn es gut läuft, kommen Quester im Westen an den Punkt einer wahrhaftigen Untröstlichkeit: Ich bin ratlos und ich erkenne das jetzt an. Den Aussätzigen zu küssen heißt auch, das Aussätzige in uns und in unserem Leben anzunehmen, anzuschauen, zu akzeptieren, und zwar ohne Bedingungen. Die Erfahrung zeigt, dass das der Ausgangspunkt einer echten und befreienden und auch kreativen Bewegung ist.

Es gibt eine »Würde der Untröstlichkeit«, wie es Fulbert Steffensky einmal formulierte. Eine Würde, die sich eben nicht so einfach hinwegtrösten lässt. Die die Frage offen hält, die am Grund jeder Form von Leid oder Schmerz verborgen ist. Wir wissen letztlich nicht, warum es so ist. Wir wissen letztlich nur, dass es jetzt so ist. Wir dürfen klagen. Wir dürfen trauern. Wir dürfen zweifeln. Und wir können nur durch allen Schmerz hindurch hoffen, dass Gott mit uns ist, wenn wir auch nicht wissen, ob und wie. Das Gebet »Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Ps 22,2; Mt 27,46; Mk 15,34) ist ein Ausdruck dieser Würde der Untröstlichkeit.

Die Erfahrung ist auch, dass wir in einer lösungsversessenen Gesellschaft Gefahr laufen, den Leidenden durch unsere Hilfe erst recht die Würde zu nehmen. So hegen zum Beispiel viele Menschen, vor allem auch Politiker, die Vorstellung, eines Tages müssten alle Obdachlosen ein bürgerliches Leben in einer Wohnung beginnen können. Die Wahrheit ist, dass viele Obdachlose von ihren psychischen und physischen Voraussetzungen dazu gar nicht (mehr) in der Lage sind. Was sie tatsächlich brauchen, sind Orte, an denen sie in ihrer Art zu leben respektiert werden, ihr Schmerz gelindert werden kann und sie ohne Scham sein können. Die Suppenküche in Pankow ist zum Beispiel so ein Ort.

Den Drachen zähmen

Die Lösungsversessenheit ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Die Vorstellung vom Drachentöter in Mythen und Märchen ist ein Symbol dafür. Aber ein verbissener Kampf gegen das vermeintliche Übel birgt die Gefahr, am Ende das Böse noch zu vergrößern. Wenn wir der Hydra nämlich den Kopf abschlagen, wachsen an der gleichen Stelle gleich zwei neue nach.

Der kluge Held tötet den Drachen nicht, er zähmt ihn. Dann verwandelt er sich in einen goldenen Drachen der Weisheit, wie die Frau Mahlzahn in Michael Endes Geschichte von Jim Knopf. Auch Franz von Assisi war so ein »Drachenzähmer«, wenn er der Legende nach im Wald mutig dem Wolf gegenüber tritt, der den Menschen Angst eingejagt hatte, so dass sie nicht mehr wagten, die Stadt zu verlassen. Franziskus fand heraus, dass der Wolf in Wahrheit einsam und hungrig war.

Die Geschichten von der Drachen- oder Wolfszähmung sind Seelenbilder dafür, dass unser Leben eng und einseitig werden kann, wenn wir den Schatten bekämpfen und ausklammern. Wir verlieren unsere Lebendigkeit und die Angst nimmt dem Leben die Leichtigkeit.

Die enge Tür

Der Westen im Lebensrad ist die »enge Tür«, von der Jesus im Evangelium spricht. Wenn wir bereit sind, die Wirklichkeit anzuschauen, können wir auch anderen helfen, ohne ihnen die Würde zu nehmen, und Konflikte ohne Gewalt lösen. Richard Rohr hat das einmal so formuliert:

»Wenn wir es noch nicht fertig gebracht haben, etliche Aussätzige zu küssen und etliche Wölfe zu zähmen, dann wahrscheinlich deshalb, weil wir noch nicht den Aussätzigen und den Wolf in uns selbst wahrgenommen haben. Schau dich heute genau an und entdecke, dass du selbst der arme Aussätzige bist. Pflege und verbinde seine Wunden. Entdecke den Wolf in dir. Zähme ihn, indem du ihm gütig verzeihst.«

Welchen Platz hat das Untröstliche in deinem Leben?
Was ist die »enge Tür« deines Lebens?
Welche Wunden wollen versorgt, welcher Wolf will gezähmt werden?

»Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.«
Lukas 13,24
21. Sonntag im Jahreskreis C

2 Kommentare

  1. Irmgard Nowak

    Lieber Jan , deine Worte haben mich tief bewegt und mir geholfen, mein Leben neu zu betrachten. Ich danke dir dafür.

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  2. Hermann J. Bay

    Herzlichen Dank. Staunend lausche ich den Worten im Spiegel meiner Seele.

    Antworten

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