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»Wir leben in einem Babychristentum«, sagte Richard Rohr einmal. Das Christentum steckt auch nach 2000 Jahren noch in den Kinderschuhen, denn sehr oft ist die Radikalität und Universalität seiner Botschaft entweder nicht verstanden oder schlimmstenfalls sogar verfälscht worden.

Das Pfingstfest ist ein gutes Beispiel dafür. Es ist Ausdruck eines erwachsenen Christentums und wahrscheinlich spielt es genau deshalb de facto (nicht nur in den Supermärkten) eine kleine oder sogar gar keine Rolle. Pfingsten ist nichts für den Kindergarten, wo die Gläubigen immer genau wissen, was sie zu glauben und zu tun haben, damit sie auf der »richtigen« Seite stehen (an Jesus glauben, Jesus anbeten, Sonntags in die Kirche gehen etc.).

Pfingsten ist kein Kinderfest

Die Botschaft an Pfingsten dagegen ist radikal anders. Sie lautet: »Du BIST Christus«. Deshalb sagt Jesus bei Johannes ganz deutlich: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21). Paulus drückt das so aus:

»Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.»
1Kor 12,7,12-13

Christus: radikal anti-hierarchisch

Wie konnte jemand auf die Idee kommen, die Inkarnation, die Fleischwerdung Gottes, sei auf ein einmaliges Ereignis vor 2000 Jahren beschränkt. Wie konnte jemand auf die Idee kommen, das universale Christus-Mysterium sei beschränkt oder eingegrenzt auf eine bestimmte Gruppe, Institution, Hautfarbe, Status, Geschlecht etc. Wie konnte jemand auf die Idee kommen, den Zugang zu Christus regulieren zu wollen, statt allen Menschen zu helfen, die Herausforderung dieses Mysteriums anzunehmen und darin – und das heißt: im Leben – zu wachsen.

Ich möchte behaupten: Viele Christen glauben in Wahrheit gar nicht an Christus, sondern an »die Kirche«, eine bestimmte Tradition oder was auch immer. Christentum ist für sie mehr eine Art von Folklore. Und wenn man ihnen sagt, dass sie Christus SIND und SEIN sollen, halten sie es vermutlich sogar für Blasphemie. Oder glauben, das sei Sache von einigen wenigen Spezialisten oder Heiligen – eben wie Franz von Assisi, der deshalb ja auch als alter christus, zweiter Christus bezeichnet wird.

Nein, Christus lässt sich nicht beschränken oder eingrenzen. Christus ist außerdem radikal anti-hierarchisch. Pfingsten ist somit das Fest einer heiligen und heilsamen Anarchie, die den Blick frei macht für das Wesentliche.

Das Rad als Symbol der Inkarnation

»Christus sein« kann ich nur, wenn ich die Inkarnation wirklich ernst nehme: »Inkarnation ist die älteste Erzählung des Christentums. Durch Christus gießt Gott sein Selbst in die gesamte Schöpfung hinein. Christlich zu sein heißt, Christus in allem zu sehen«, sagt Richard Rohr*.

Das Lebensrad ist – wie in den vergangenen Wochen hier im Blog schon deutlich geworden ist – nichts anderes als ein Symbol für diese Inkarnation. Vermutlich konnten unsere »heidnischen«** Vorfahren das Christentum überhaupt nur annehmen, weil sie genau das verstanden haben: Christus ist im Rad und Christus IST das Rad. Wahres Christentum ist keine Ersatzreligion, sprich: Christus ersetzt nicht vorchristliche Vorstellungen vom All, die sich unter anderem im Rad als Lebens- und Seelenkompass ausdrücken, sondern Christus IST das All und damit »ein anderes Wort für Alles«, wie es Richard Rohr formuliert.

Christus ist also nichts »Übernatürliches«, sondern ist unsere ursprüngliche Natur. Das Geheimnis lautet: Es ist immer Sommer, es ist immer Herbst, es ist immer Winter und es ist immer Frühling. Das Leben bewegt sich in diesen Kreisen. Diese Qualitäten verwirklichen sich in jeder und jedem von uns immerzu. Und sie sind in Christus geheiligt, sprich: Es kann aus christlicher Sicht überhaupt nichts »Profanes« mehr geben.

»Ganz sein« heißt »im Fluss sein«

»Christus sein« ist gleichbedeutend mit »ganz sein«. Das hebräische Wort für Frieden – shalom – erinnert daran, denn es bedeutet genau das: Umfassend, vollständig, ursprünglich sein. Das ist der Frieden Christi, den er als Auferstandener den Jüngern bringt. Dieser Frieden bedeutet nicht, dass es keine Schwierigkeiten mehr gibt. Wie heißt es so treffend: Das Leben ist schön, nur von einfach war nie die Rede.

Das Rad kann sichtbar machen, wo genau wir aus der Balance geraten sind. Wer z.B. im Norden feststeckt, klagt vielleicht über Stress und Überforderung. Die Sonne scheint nicht mehr, weil so viel getan werden muss. Der Weg in den Süden aber führt über den Osten und konfrontiert mit der Frage: »Was muss ich loslassen, damit es wieder Sommer werden kann?«

Als Prozessmodell lehrt uns das Rad, dass es nicht darum geht, alles perfekt oder richtig zu machen, sondern vielmehr darum, im Fluss zu bleiben. Nichts ist perfekt. Und es gehört zu einer reifen Spiritualität, das zu wissen und anzuerkennen. Es geht darum, nicht stehen- oder besser: nicht steckenzubleiben.

So lehrt das Rad also eine Spiritualität der Transformation, in der jedes Ende immer auch ein Anfang werden kann, jede Krise eine Chance auf Wachstum birgt, jeder Fehler uns lernen lässt, jede Unvollkommenheit uns vor jenem Absolutismus und Perfektionismus schützt, der das Leben letztlich verhindert, statt ihm Raum zu schaffen.

Wer bist du?
Was ist Deine Berufung/Sendung/Gabe für die Welt?

* Das neue Buch von Richard Rohr »The universal Christ« erscheint im November in Deutschland unter dem Titel »Alles trägt den einen Namen. Die Wiederentdeckung des universalen Christus«.
** Der Begriff »heidnisch« wird meist dazu verwendet, das vermeintlich Nicht-Christliche vom Christlichen zu unterscheiden. Wer das tut, verkehrt den universalen Charakter des Christentums in eine Art provinzielles Sippendenken. Aus neutestamentlicher Sicht macht das keinen Sinn, denn da beschreibt der Begriff »heidnisch« das, was Nicht-Jüdisch ist. Die allermeisten Christen sind also sowieso Heiden. Es ist gut, sich manchmal daran zu erinnern.

»Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch«
Joh 20,21
Pfingsten

10 Kommentare

  1. Carsten Stralucke

    Lieber Jan,
    ein wunderschöner Impuls, den ich mir jeden Tag durchlesen könnte und an dem ich ein Leben lang lernen könnte.
    Danke
    Carsten

    Antworten
  2. Joachim

    Lieber Jan,
    Danke das du diese Passagen von Richard Rohrer übersetzt. Ja, bisher war sein Buch ausschließlich auf Englisch zu lesen, bald freuen sich auch viele deutsche Leser an der deutschen Übersetzung. Aber er wird angegriffen werden! Wer es genau liest, wird gepackt werden!

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Lieber Joachim, dieser Text geht auf meine Kappe. Ich zitiere Richard Rohr an einer Stelle (die ist gekennzeichnet) und weise generell auf das Buch hin. Aber wenn es so ist, wie Du prophezeist, dann ist es ja gut, dass mich kaum jemand kennt. Denn dann werde ich wohl nicht angegriffen, schätze ich. Aber vielleicht kann ich mithelfen, den ein- oder anderen zu “packen”, wie Du es nennst. Und für ein Christentum aus Fleisch und Blut zu werben ;-)) – Übrigens geht es in dieser Reihe um das Lebensrad und das stammt nicht von Richard Rohr und er verwendet es auch nicht. Also bitte nicht verwechseln. LGJ

      Antworten
  3. Petra

    D A N K E !
    Christus – unsere ursprüngliche Natur !

    Ich höre: Sei du Weg, sei du Wahrheit, sei du Leben !
    Wir sind Kirche !

    D A N K E an das Leben !

    Antworten
  4. Adrian

    Stark!

    Antworten
  5. Monika Brücker

    Lieber Jan,
    ich wünsche dir von ganzem Herzen froh machende, ansteckende, begeisterte und begeisternde Pfingsten!
    Im Herzen und in Gedanken mit dir und den anderen im Morbachtal!

    Alles Liebe
    Monika

    Antworten
  6. Anneli

    Vielen, vielen Dank, lieber Jan!

    Ich habe diesen Beitrag erst heute lesen können und fühle mich geistdurchflutet davon.

    Ich habe an vielen Stellen tief durchgeatmet und be-geist-ert zugestimmt.
    Besonders gefällt mir der Satz: “Das Leben ist schön, nur von einfach war nie die Rede”.

    Genau so ist’s

    Danke!

    Antworten
  7. Mark David Vinzens

    „Christus“ ist ein anderes Wort für unser wahres Selbst, die universelle göttliche Gegenwart im tiefsten Inneren eines jeden Menschen. In „Das Wahre Selbst“ schrieb Richard Rohr: „Ihr Wahres Selbst ist jener Teil, der ewig lebt und wahrhaftig sieht. Es ist der göttliche Atem, der durch Sie hindurchgeht.“ – in Indien sagt man „Namaste“ das bedeutet „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in Dir“. In unsre „christliche“ Gedankenwelt übersetzt, können wir sagen: „Ich grüße den Christus in Dir!“ 🙂

    Antworten

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