Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. In fünf Jahren werden weniger als die Hälfte aller Deutschen einer Kirche angehören. 1990 waren es noch 70%. Auch finanziell sind die fetten Jahre bald endgültig vorbei. Die Institution Kirche wird sich radikal verändern. Und verändern müssen. Solange ich zu denen gehöre, die bleiben, kann mir das nicht egal sein. Worauf kommt es also jetzt an?

Die Frage Jesu »Wollt auch ihr weggehen?« (Joh 6,67) scheint da ja wunderbar zu passen. Er stellt diese Frage aber nicht denen, die gerade gehen wollen, um sie verzweifelt zurückzuhalten. Die Frage geht an die Zwölf, die bei ihm bleiben und könnte auch so verstanden werden: »Seid ihr ganz sicher, dass ihr bleiben wollt?«. Es ist bedauerlich oder bezeichnend, dass die Leseordnung mit der frommen Antwort aus dem Munde Petri endet: Zu wem sollen wir gehen? »Du bist der Heilige Gottes« (Joh 6,69).

Wer nämlich die Fortsetzung liest, wird daran erinnert: Nicht jene, die gehen, sind die Verräter. Ganz im Gegenteil. Der »Teufel« (Joh 6,70) gehört zum engsten Kreis. Judas ist einer der Zwölf. Er wird Jesus später zur Hinrichtung ausliefern. Es ist also möglich – das will der Evangelist Johannes seinen Lesern sagen – Jesus zu verraten, auch wenn man ihm engstens verbunden ist.

Vielleicht ist es sogar ehrlicher, zu gehen, als ohne lebendigen Glauben zu bleiben. Denn »der Geist ist es, der lebendig macht. Das Fleisch nützt nichts.« (Joh 6,63). Kurz vorher hatte Jesus zwar noch gesagt: »Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.« (Joh 6,51-53). Aber es genügt eben nicht, die Dogmen und Rituale (wie in diesem Fall die Eucharistie) rein äußerlich zu bewahren und alles »richtig« zu machen. Dadurch wird gar nichts lebendig. Auf die innere Haltung und Wahrhaftigkeit kommt es an.

Eugen Drewermann, der Theologe und Psychoanalytiker, erzählt dazu die Geschichte einer Frau, die seit fast 20 Jahren verheiratet ist. Ihr Gatte besteht darauf, dass sie an den Hochzeitstagen immer jenen Ort aufsuchen, an dem sie sich kennengelernt haben: Im selben Restaurant essen, zur selben Zeit auf denselben Wegen gehen und im selben Hotel übernachten. In diesem Ritual will ihr Mann sozusagen die Liebe bewahren, indem er alles so bewahrt, wie es war. Die Frau aber fühlt sich gar nicht geliebt, sondern eingeengt und nicht gesehen*.

Die Liebe, der Geist und auch Gott sind eben nicht verfügbar. Der Versuch, sie »verfügbar« zu machen oder über sie zu verfügen, führt genau zum Gegenteil. Das ist der Verrat des Judas. Es geht dabei um Angst, Macht und Kontrolle (das muss es sein, was Kirchenmenschen dazu bringen konnte, Missbrauchsverbrechen zu vertuschen und damit alle und sich selbst zu belügen: Es kann dann einfach nicht sein, was nicht sein darf.) Die Herausforderung ist hingegen, Raum zu schaffen für Gott. Das heißt auch und insbesondere: Nicht schon Bescheid wissen, sondern geschehen lassen, entdecken, sich der Wirklichkeit stellen.

Franz von Assisi verkörpert diese Spiritualität vielleicht am überzeugendsten. Er könnte als Vorbild dienen, wenn er paradoxerweise begierig ist, allen Menschen »untertan und unterworfen« (GrTug 16) zu sein. Und es verwundert nicht, dass der Papst, der sich nach dem Heiligen aus Assisi nennt, sich einen missionarischen Aufbruch in einer ähnlichen Haltung wünscht: »Mir ist eine »verbeulte« Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein.« (EG 49)

Alle, die bleiben, sind also gewarnt: Wir laufen Gefahr, Jesus und Gott und letztlich auch die Kirche zu verraten, indem wir all das »sichern« wollen. Wie also könnte ein missionarischer Weg heute im Geist des Evangeliums aussehen? Inspiriert vom »Mission Manifest«**, das derzeit ja in aller Munde ist, habe ich auch einmal einen Versuch gewagt. Hier meine Thesen:

1. Mich bewegt die Sehnsucht, dass alle Menschen das volle Potenzial ihres Menschseins entfalten können. Denn Gott ist Mensch geworden.

2. Ich will, dass Seelsorge Priorität Nummer eins wird. [Konkret: Die Institution Kirche sollte ihre finanziellen und personellen Ressourcen dafür einsetzen, vor Ort präsent zu sein als »Berghütte« (Herbert Haslinger) für Menschen, die gerade auf ihrem Lebensweg eines solchen Dienstes bedürfen.]

3. Ich glaube, dass es nicht darum geht, Antworten zu geben, sondern die Fragen ernst zu nehmen.

4. Ich bin parteiisch, indem ich mich an die Seite der Schwächsten in der Gesellschaft stelle, um die Welt und alle Dinge aus dieser Perspektive sehen und beurteilen und aus dieser Wahrheit heraus handeln zu können. Das ist die Perspektive Gottes (Mt 25,31-46).

5. Ich glaube, dass meine Mission so kraftvoll sein wird, wie es meine Bereitschaft zum Zuhören ist. Gott spricht durch seine ganze Schöpfung.

6. Ich erlaube mir Zweifel und halte mich fern von Menschen in und außerhalb der (katholischen) Kirche, die glauben, sie hätten Wahrheit und Weisheit sicher (mit Löffeln gefressen).

7. Gott offenbart sich stets neu. Ich will daher nicht das Alte immer wieder neu sagen. Um das Neue, das ich erfahre, auszudrücken, schöpfe ich aus dem großen Schatz des Alten.

8. Ich lebe so, dass ich gefragt werde. Ich stelle mich über niemanden und dränge mich nicht auf. Ich begleite nur, wenn es jemand wünscht.

9. Wir brauchen Menschen, die ihren Glauben dort leben, wo sie sind: Vor Ort in Taten, ohne Trara und Triumphalismus, und wenn nötig auch in Worten.

10. Ich bin selbst ein Suchender und brauche Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten.

* Drewermann, E., Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Erster Teil, Ostfildern 2003, 296-297.
** https://www.missionmanifest.online/

Wollt auch ihr weggehen?
Joh 6,67
21. Sonntag im Jahreskreis B

2 Kommentare

  1. Imke

    Hej Jan, ich hab zwar noch zuvor nix von dieser “Mission manifest” gehört gehabt…aber deine Thesen gefallen mir und finde ich nachvollziehbar und inspirierend! kennst du schon die Aktion/das Bündnis SEEBRÜCKE…gegen das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer? Es gibt jetzt immer mehr Demos in verschiedenen Städten…ich werde morgen voraussichtlich hier in Lübeck mitgehen!
    Herzliche Grüße an den Rhein an dich!!!

    Antworten
  2. Kathy

    Das kann ich so unterschreiben. Es spricht mir aus der Seele und hinterfragt mich selbst immer wieder aufs Neue. Danke dafür.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr entdecken ...

In der Wüste

In der Bibel heißt die Wüste »eremos«. Wir übersetzen das meist mit »einsamer Ort«. Es ist jener Ort, wo Johannes der Täufer auftritt. Jener Ort, an den sich Jesus immer wieder zurückzieht und wohin ihm die Menschen folgen. Was wir brauchen könnten, ist ein neuer Aufbruch in den Eremos: Stadteremiten und Gottsucherinnen, die in den Wüsten dieser Welt Manna-Gruppen bilden und die Utopie vom Reich Gottes leben …

mehr lesen

Realität

Eine facebook-Freundin, Franziskanerin im OFS wie ich, jubelt auf ihrer Seite über den neuen brasilianischen Präsidenten. Wie aber kann ein Christ jemandem applaudieren, der abfällig über Frauen, Schwarze und Schwule spricht und zugleich an den Gott Jesu glauben? Was soll das für ein Gott sein, der Sexismus, Rassismus und Ausgrenzung befürwortet? Es gibt eine Erklärung dafür …

mehr lesen

Entkolonisierung der Seelen

Wir betrachten Spiritualität als reine Privatsache. Etwas Individuelles. Und suchen nach »inneren« Lösungen für Probleme wie Stress, Depression usw. Deshalb verkaufen sich spirituelle Wellnessprodukte wunderbar. Sie lindern die Symptome. Aber Symptombekämpfung greift bekanntlich nicht an die Ursache eines Problems.

mehr lesen

Spiritualität nach unten

Wie komme ich zu Reichtum, Gesundheit und glücklichen Beziehungen? Viele Regalmeter füllen die Ratgeberbücher, die den Weg dorthin weisen. Die meisten vertreten eine »Spiritualität nach oben«, die in der Überzeugung wurzelt, wir könnten »es« machen. Aber es gibt einen anderen Weg …

mehr lesen

Intimität

Dass wir sexuelle Wesen sind, bedeutet im Kern, dass wir uns als ergänzungsbedürftig erfahren. Daher übt die Sexualität eine solche Faszination aus. Sie verheißt und ermöglicht, die ersehnte Ganzheit zu erreichen. Gesetze helfen dabei wenig.

mehr lesen

Haben oder Sein

Nur wer nichts besitzt, dem kann alles geschenkt werden. Das ist die Armut Jesu und die Armut, die Franz von Assisi suchte. Es geht dabei allerdings nicht darum, möglichst alles »Materielle« oder »Weltliche« zu meiden. Es geht darum, jeglichen »Besitzanspruch« loszulassen.

mehr lesen

Das Herz aller Dinge

Die franziskanische Spiritualität sieht Christus in allem Lebendigen. Das stellt das herrschende materialistische Paradigma radikal in Frage. Was wäre heute anders, wenn Flüsse, Berge, Wälder, die ganze Erde nicht als Objekt, sondern als Subjekt betrachtet würden und folglich als »juristische Person«, wie der Whanganui-Fluss in Neuseeland?

mehr lesen

Freimut

Kürzlich fiel mir ein altes Buch in die Hände mit dem Titel »Die Lügner«. Der Psychiater M. Scott Peck schildert darin einige erschütternde Fälle aus seiner Praxis, die alle eines gemeinsam haben: Die Menschen, um die es geht, beschreibt er als »bösartig«. Was ihnen fehlt, ist Freimut. Die Frage ist, wann und warum diese Fähigkeit verloren gegangen ist. Und was für Menschen gilt, gilt auch für Institutionen.

mehr lesen

Innere Gehörlosigkeit

Wenn es keine Verbindung mehr gibt von äußerer und innerer Wirklichkeit. Wenn wir innerlich ganz anders fühlen, als es uns nach außen auszudrücken möglich ist. Das ist innere Gehörlosigkeit. Und wenn wir nicht mehr von Herzen hören und sprechen können, bringen wir über kurz oder lang auch andere Herzen zum Schweigen. Unsere ganze Welt wird dann taub und stumm.

mehr lesen

Nicht(s) ausschließen

Früher oder später geht es in Gruppen darum, wer dazugehört und wer nicht. Wir können uns besser fühlen als andere, weil wir den Rasen in unserem Vorgarten kurz halten oder weil wir vegan essen. Genau diesen Mechanismus aber will Jesus aufbrechen.

mehr lesen

Voneinander leben

Ist das Universum ein freundlicher Ort? Laut Albert Einstein ist das die wichtigste Frage, die sich ein Mensch im Leben stellen kann. Dass die Antwort bei Jesus etwas mit »Essen und Trinken« zu tun hat, verwundert nicht.

mehr lesen

Lebendiges Brot

Brot ist ein uraltes Symbol für das Leben. Es hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben. Unser kulinarischer Kosmos in Europa und aller europäisch geprägten Kulturkreise ist ohne Brot nicht vorstellbar.

mehr lesen

Den Hunger stillen

Wenn es das Brot an sich wäre, das uns glücklich machte, dann müssten wir im Westen die glücklichsten Menschen der Welt sein. Denn nie zuvor stand so viel Nahrung zur Verfügung. Wir werfen sogar weg, was zu viel ist. Und dennoch gelingt es nicht, alle satt zu machen. So hungern die einen seelisch und die anderen körperlich.

mehr lesen

Wunder der Solidarität

Es braucht kein übernatürliches Wunder, um die Brotvermehrung zu erklären. Wenn alle dem Beispiel Jesu und seiner Jünger folgen und das zur Verfügung stellen, was sie als Vorrat mitgenommen haben, so gibt es mehr als genug für alle. Die wundersame Brotvermehrung ist ein Wunder der Solidarität.

mehr lesen

Schafe und Hirten

Was wir brauchen, sind Hirten, die uns in die Selbstverantwortung führen. Wer lehrt uns, unsere individuelle Gabe zu unterscheiden und einzubringen? Wer bringt uns dahin, unser Potenzial zu entfalten? Wer sind die Menschen, die die Gemeinschaft halten und uns lehren, ein Teil zu sein?

mehr lesen

Barfuß im Herzen

Barfüßigkeit als spirituelle Haltung: Die Jünger Jesu sollten keine Kleidung zum Wechseln mitnehmen und »an den Füßen nur Sandalen« (Markus 6,9). Sie sollten also gehen ohne Absicherung, Vorratstaschen oder Geldbeutel, also: ohne Netz und doppelten Boden.

mehr lesen

Die Gaben strahlen lassen

Jesus konnte in seiner Heimat kein Wunder wirken, weil er nicht akzeptiert wurde. Diese Geschichte spiegelt, was viele Menschen in ihrem Leben erfahren: Die Familie – oder etwas weiter gefasst: der Clan – hilft nicht, die eigene Berufung zu finden und zu leben, sondern hindert eher noch daran.

mehr lesen

Gottes Kinder

Die Beschäftigung mit dem inneren Kind ist eine wichtige Arbeit. Denn nur wer innerlich klar ist, kreist nicht mehr pausenlos um sich selbst und seine Minderwertigkeits- oder Allmachtsvorstellungen, die beide Ausdruck der eigenen (kindlichen) Bedürftigkeit sind.

mehr lesen