Es gehört zu den Phänomenen unserer Zeit, dass trotz all der Möglichkeiten, Errungenschaften und Reichtümer viele Menschen in den westlichen Industrienationen eine mysteriöse Leere erfahren. Etwas fehlt. Eine tiefe Sehnsucht bleibt unerfüllt. Es ist, als ob eine wesentliche Lebenserfahrung nicht (mehr) möglich ist. Nicht alle empfinden das so. Ich wende mich hier aber ausdrücklich an die Suchenden. An die vielen »armen Waisenkinder im spirituellen Sinn«, wie es ein alter Indianer aus den USA einmal über jene Suchenden sagte, die in die Reservate kamen. Ohne Verbindung zur eigenen spirituellen Tradition. Hungernd und dürstend nach Weisheit, Klarheit und etwas, worauf sie ihr Leben bauen können.

Es gehört ebenso zu den Phänomenen unserer Zeit, dass wir diese spirituelle Verwaisung meist nur als individuelles Problem betrachten, rein innerlich, aber nicht als ein politisches Problem. Wir suchen nach »inneren« Lösungen. Deshalb verkauft sich auf den Märkten jede Medizin, die verspricht, die Leere im Herzen zu füllen und zu beseitigen. Spirituelle Wellnessprodukte lindern Symptome. Aber Symptombekämpfung greift bekanntlich nicht an die Ursache eines Problems. Was wäre, wenn wir die spirituelle Leere im Herzen auch als Ausdruck eines politischen Problems betrachten würden? Könnten wir z.B. von der Kirche in Lateinamerika, von Theologen wie dem gerade heilig gesprochenen Oscar Romero oder auch Papst Franziskus lernen?

Armut, Unterdrückung, Versklavung, Krieg, Zerstörung werden in den Theologien der Befreiung, die aus Lateinamerika kommen, auch nicht rein äußerlich, sondern von ihrem spirituellen Kern her, d.h. als Ausdruck einer bestimmten Geisteshaltung betrachtet. Was also, wenn wir unsere spirituellen Probleme von der politischen Seite her wahrnehmen würden. Dann müssten wir fragen, wer oder was unsere Herzen besetzt hat. Welche Macht uns innere Freiheit und Lebenslust gestohlen und uns zu Gefangenen einer seltsamen Hoffnungslosigkeit gemacht hat.

Jesus fragt die Jünger im Evangelium: »Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?« (Mk 10,38). Es ist seine Antwort auf ihren Wunsch, doch bitte die besten Plätze in der kommenden Welt für sie zu reservieren: »Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.« (Mk 10,37). Diese Szene ist geradezu ein Symbol für die verbreitete Art, wie wir in der westlichen Kultur auf die Welt schauen und wie und was wir glauben: Hierarchie des Himmels. Ganz oben Gott. Dann kommt Jesus. Und dann kommen wir. So funktioniert die Welt.

Selbst wenn wir das nicht mehr mit der Bibel und mit christlichen Symbolen zum Ausdruck bringen, so leben wir doch in einer Kultur, in der sich fast alles um die Karriere auf dieser »Himmelsleiter« dreht. Da rütteln Politiker am Zaun des Bundeskanzleramtes: »Ich will hier rein«. Da werden Milliardäre Präsident. Da verdienen Manager locker mehr als das 20fache derer, die in ihrem Unternehmen die Arbeit machen, und das wird für völlig korrekt gehalten, weil die Manager zwar nicht die Arbeit machen, aber ja die Verantwortung tragen. Da häufen sich Fälle, wo die Führungskräfte einander noch saftige Boni auszahlen, obwohl sie zugleich hunderte und tausende von Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen.

Es geht wohlgemerkt nicht nur ums Geld und wer wieviel zur Verfügung hat. Kein Arbeitsloser in Deutschland, nicht einmal die Obdachlosen, müssen hungern, heißt es ja auch immer wieder aus der Politik. Was natürlich zynisch ist. Denn wir wissen, dass Geld allein niemandem hilft. Wer nämlich seine Arbeit oder seine Wohnung verliert, verliert in Wahrheit seine Würde. Und verlieren wir nicht im Grunde diese Würde schon, wenn wir nur beginnen, aufsteigen zu wollen? Dann beginnen wir nämlich insgeheim schon zu glauben, unsere Existenz sei erst dann etwas wert oder entsprechend mehr wert, wenn wir es nach »oben« schaffen. Dann brauchen wir auch spirituelle Übungen gegen Stress und Depression für mehr Leistungsfähigkeit. Das befreit aber tatsächlich niemanden von Hoffnungslosigkeit und Herzensleere, sondern vergrößert sie noch, weil es im Grunde doch die Überzeugung noch nährt, wir seien erst fähig zum Glück, wenn wir es nach oben schaffen.

Der tiefste Ausdruck von Hoffnungslosigkeit und Herzensleere bei uns ist der verbreitete Spruch »Bin ich Jesus?«. Das mag witzig gemeint sein und doch ist es Ausdruck eines tiefsitzenden Zynismus, der sich breit macht. Bin ich Jesus? Kann ich etwas ändern an den Dingen, wie sie sich darstellen? Kann ich Armut, Unterdrückung, Versklavung, Krieg, Zerstörung in der Welt etwas entgegensetzen? Kann ich etwas ändern an Ausgrenzung, Mobbing, Shaming, Bashing, Diskriminierung, Rufmord, Degradierung, Vertröstung, Pathologisierung in unserer Gesellschaft (und auch in Kirche)? Dorothee Sölle hat schon vor langer Zeit genau darauf aufmerksam gemacht: »Dieser Satz: ‚Was kann ich als einzelne denn tun?‘ ist für mein Verständnis der krasseste Atheismus, den es gibt. Weiter kann man sich von Gott gar nicht entfernen. mehr kann man Gott nicht leugnen, als durch diesen Standpunkt. Radikaler kann man Gott gar nicht ausschließen aus seinem Leben, ganz gleich, ob man theoretisch die Existenz eines höheren Wesens anerkennt oder nicht.«*

So müssten wir jede Theologie in Frage stellen und ablegen, die uns weismachen will, wir sollten Jesus nur anbeten, statt Jesus zu SEIN. Wir müssten jede Spiritualität ablehnen, die uns dazu bringt, uns als »einzelne« zu sehen, die uns die tiefe Verbindung mit der Mitwelt und den Mitmenschen immer weiter vergessen lässt und die uns glauben macht, wir müssten unseren Platz nicht nur finden, sondern auch verdienen. Wir müssen mit Dorothee Sölle zugeben, dass die bürgerliche Auslegung des Christentums in den vergangenen Jahrhunderten genau von dieser Spiritualität geprägt war. Es ist genau diese Verbindung mit allem und in allem, die Papst Franziskus im zweiten Kapitel seiner Öko-Enzyklika „Laudato Sii“ hervorhebt und es wundert nicht, dass erst ein Papst »von unten«, aus Lateinamerika kommen muss, um in klaren Worten auf diesen blinden Fleck aufmerksam zu machen.

Es braucht eine Befreiung der Herzen. Eine »Entkolonisierung der Seelen«, wenn man so will. Das ist nebenbei bemerkt auch das Ziel dieser Lebensschule. Keine mächtige Massenbewegung, von der evangelikal angehauchte Gruppen immer wieder träumen, nicht Tausende, die öffentlich Jesus anbeten, sondern kleine Gruppen, in denen der Geist Jesu lebendig ist: »Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10,42-43).

Wir brauchen Räume, in denen dieser Entkolonisierungsprozess vollzogen und gelebt werden kann. Allein dazu dienen Auszeiten und Exerzitien. Es geht nicht um Wellness, sondern um Befreiung der Herzen. Die wilde Natur ist der beste Ort, um den Herzensgrund zu berühren und die zarten Bande einer tiefen Beziehung wieder aufzunehmen und weiter zu knüpfen, die zwischen allen und allem besteht in Christus, wie wir es in unserer Tradition ausdrücken. So können wir wieder eine Weltanschauung, eine Kosmologie entwickeln, die uns nicht abtrennt von allem, sondern mit allem verbindet. Und wir werden befähigt unseren Platz einzunehmen und jenen zu essen geben, die hungern, jene aufzunehmen, die anklopfen, jene zu besuchen, die gefangen sind. Es braucht nicht Ehrgeiz und Leistungsorientierung, sondern die Bereitschaft, ganz nach unten zu gehen, und den Kelch Jesu zu trinken und seine Taufe auf sich zu nehmen.

Es gibt eine Geschichte aus der franziskanischen Tradition, die diese Befreiung des Herzens mit einem fröhlichen Augenzwinkern zum Ausdruck bringt. Franziskus, der dem bürgerlichen Leben den Rücken zugewandt hatte, lebte mit den ersten Brüdern in einem alten Schuppen in Rivotorto, in den die Gruppe gerade so hineinpasste. Das Leben bestand aus einfacher Handarbeit und Gebet. Es heißt, Franziskus lehrte die Brüder, die Begierden des Fleisches unterdrücken. In der bürgerlichen Perspektive denken wir dabei vorrangig an die Sexualität. Das greift aber zu kurz. »Fleischlich« bezieht den ganzen Menschen ein und wir kommen der Bedeutung am nächsten, wenn wir darunter das verstehen, was man heute in der Psychologie »Ego« nennt. Es ging also darum, so können wir den Text von Thomas von Celano, interpretieren, das Ego, durch das »der Tod in die Seele eingeht« (1Cel 43,1), zu zähmen und durchlässig zu machen, um dem wahren Selbst Raum zu geben. Und das ist nichts anderes, als die Befreiung des Herzens und die Entkolonisierung der Seele, von der die Rede war. Der Rest der Geschichte spricht für sich: »Zu jener Zeit zog gerade Kaiser Otto mit viel Getöse und Pomp durch jene Gegend, um sich die Krone des irdischen Reiches zu holen; doch weder der heilige Vater [Franziskus] selbst, der mit den Übrigen in der oben genannten Hütte wohnte, die nahe am Wege war, wo Otto vorbeizog, ging hin, um den Zug anzuschauen, noch ließ er einen Bruder hingehen. Nur einer musste dem Kaiser eindringlichst ankündigen, dass sein Ruhm nur kurze Zeit dauern werde. – Der glorreiche Heilige [Franziskus] war in sich versunken, wandelte in der Weite seines Herzens und bereitete Gott in sich eine würdige Wohnung. Darum achtete er nicht auf den von außen kommenden Lärm, und kein Wort konnte ihn erschüttern oder unterbrechen in der gewaltigen Aufgabe, die er in Händen hatte. Apostolischer Auftrag lebte in ihm, und deshalb weigerte er sich entschieden, Königen und Fürsten zu schmeicheln« (1Cel 43).

[Hinweis in eigener Sache: Mit diesem Beitrag gehen die Seelenpfade in die Winterpause. Deshalb sei verziehen, dass dieser Text so lang geworden ist. Und es gäbe noch so viel zu sagen. Die Winterruhe dient als Verschnaufpause und zur inneren Erneuerung. Wie der Bär ab und zu aus dem Winterschlaf erwacht, kann es sein, dass auch hier ab und zu noch ein Beitrag auftaucht. Dann ist es so. Oder eben nicht. Kommt gut ins neue Jahr. Auf Wiedersehen im Frühjahr 2019!]

*Sölle, Dorothee, Theologie der Befreiung für uns in Europa. Aus dem Dialog mit Eugen Drewermann »Theologie der Befreiung für Europa und die Entkolonisierung der Seelen« beim Lateinamerikaforum des 25. Deutschen Evangelischen Kirchentags in München am 10. Juni 1993, S. 41, in: Dies., Träume mich, Gott. Geistliche Texte mit lästigen politischen Fragen, Wuppertal 1994.

»Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein …«
Markus 10,44
29. Sonntag im Jahreskreis B

7 Kommentare

  1. Martina

    Vielen, vielen Dank für die Worte in den Newslettern, so auch in diesem! Ich freue mich schon aufs Frühjahr und wünsche eine gute Winterruhe.

    Martina

    Antworten
  2. Imke

    Lieber Ja, das hast du mal wieder sehr treffend auf den Punkt gebracht…woran es krankt, was die wirkliche Sehnsucht ist….und die wunderbate Dorothee Sölle zu zitieren, fein! ;-)! Danke dir dafür!!!
    Ich wünsche dir und allen, die das lesen eine gute Winter-Ruhe-Zeit….und einen guten und segensreichen Übergang in ein neues Jahr!
    Herzliche Grüsse von Imke

    Antworten
  3. Hedi

    Ja, wie schön wäre es, wenn alle so denken und fühlen könnten! – Da Eugen Drewermann erwähnt wird, möchte ich euch zur Winterpause ein sehr gutes Buch empfehlen, das ich gerade lese: “GESTALTEN DES BÖSEN Der Teufel – ein theologisches Relikt” von Eugen Drewermann.
    Euch allen liebe Grüße von Hedi

    Antworten
  4. Matthias

    Hallo Jan,
    auch meinerseits vielen, vielen Dank für Deine inspirierenden Impulse, sie tun einfach meiner Seele gut. Schön finde ich auch, dass Du Deinem Innersten treu bleibst und Dich zur Erneuerung zurückziehst.
    Dem eigenen Herzen Raum geben, dass es atmen und Purzelbäume schlagen kann. Und dass durch dieses bewegen, Lebendigkeit erblühen darf. Dass ist schön zu erfahren. Es benötigt aber ein hindurchgehen. Durch Trauer, Tränen und Schmerz. Durch Leere, Unruhe, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Ich durfte es die vergangenen Jahre lernen, dies immer wieder neu erfahren. Und mit jeder Träne und mit jedem Loslassen und Gott hinhalten, durfte ein Stück weit mehr Freiheit erwachsen. Dass empfinde ich wirklich als Gnade und großes Geschenk.
    Ich kenne Sie auch die Ablenkungen und falschen Versprechungen. Um den Schmerz nicht spüren zu müssen, oder es selber machen zu können. Manchmal falle ich noch darauf rein. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Wahrnehmen der Selbstverantwortung und dem Vertrauen in das Verantwortung abgeben, dass vieles nicht in unserer Hand liegt.
    Es war wahrlich kein einfacher Weg. Aber ich bin sehr froh, dass ich ihn gehen durfte und weiterhin gehen darf. Die Angst schwindet vor der Dunkelheit. Zu Grunde und zum Grunde gehen ist notwendig, dass das Herz neu auftauchen kann. Es lohnt sich diesen Weg zu gehen. In intimer Gemeinschaft mit Gott und in menschlicher Gemeinschaft mit Euch. Beides empfinde ich als wichtig. Wir sind ja Menschen.
    Ich freue mich darauf diesen Weg barfuss und achtsam mit Euch weiterzugehen und in Kontakt zu kommen mit der Wildheit des Lebens. Euch allen einen stimmigen RAum des Rückzugs und der inneren Einkehr in den langen Nächten. Und eine gesegnete Erneuerung.

    buen camino
    Matthias

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  5. Hermann Bayer

    Herzlichen Dank und eine inspirierende Winterruhe wünsche ich

    Antworten
  6. Brigitte Heller

    ich wünsche eine erholsame Winter Ruhe

    Antworten
  7. Pit

    Wow, was für ein gewaltiger Text. Er hat mich tief berührt und trifft den Punkt an dem ich stehe.

    Ja unsere Seelen verarmen immer mehr und die Gesellschaft wird immer kränker in ihrem Wahn nach Wohlstand, den wir, so wird uns eingeredet, nur durch materiellen Wachstum erreichen oder sichern können. Dies bedeutet zum einen Ausbeuten der Länder, die wir seit vielen Jahrzehnten oder teilweise schon seit über 100 Jahren knechten, und Ausbeutung unserer eigenen Seele.
    Nirgends in der Natur ist Wachstum unendlich und so kann auch unser materieller Wachstum nicht unendlich sein. Unser Wohlsatnd geht außerdem auf Kosten anderer und auf Kosten unserer Kinder. Die spirituelle Verwaisung, von der Du redest, ist in meinen Augen ein gewolltes Mittel der politisch und wirtschaftlich Mächtigen, um uns an unser gesellschaftliches Modell zu binden.
    Die lateinamerikanische Theologie ist für mich ein hoffnungsvoller Weg, um endlich umzudenken und umzufühlen. Es reicht nicht, in Predigen Bibeltexte nur interpretiert zu bekommen. Diese verkopfte Kirche erreicht nur selten meine Seele. Ich möchte Spiritualität spüren und teilen können. Zur Zeit habe ich den Eindruck, dass es immer mehr Menschen gibt, die ihre Spiritualität leben und zusammen erleben möchten, mitteilen möchten. Ich hoffe für mich, diese Menschne auch in meinem Umfeld zu finden.

    Antworten

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