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Jesus hat Feindesliebe gepredigt, aber es wäre ein Missverständnis, anzunehmen, er habe damit sagen wollen, dass Feindschaft per se um jeden Preis zu meiden sei. Jesus war nicht naiv. Und es wäre einfach dumm, jenen, die einem an den Kragen wollen, diesen einfach nur unterwürfig hinzuhalten. So kommen wir nicht weiter.

Wohlgemerkt: Ich will hier nicht Feindseligkeit schüren oder meinerseits Feindschaft säen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass Jesus eben keineswegs Harmonie gepredigt hat, sondern Gewaltlosigkeit und Liebe. Das macht einen Unterschied. Es geht nicht darum, Feindschaft zu vermeiden, sondern ihr auf eine bestimmte Weise zu begegnen.

Stellen wir die Beispiele Jesu in den Kontext seiner Zeit. Es ist die Situation der Besatzung Palästinas durch römische Legionen. Dann wird deutlich, was Jesus hier eigentlich vor Augen hat: Soldaten, die jederzeit und völlig willkürlich jeden beliebigen Passanten zur Sklavenarbeit zwingen konnten, werden einigermaßen überrascht gewesen sein, wenn diese nicht nur eine Meile, sondern gleich zwei mitlaufen und das Gepäck tragen, wie es bei Matthäus (5,41) heißt.

Wenn Jesus also dazu aufruft, die andere Wange hinzuhalten, oder nicht nur den Mantel, sondern auch das Hemd zu geben (Lk 6,29), dann sind das keineswegs Gesten der Unterwürfigkeit. Im Gegenteil. Man könnte das einen Überraschungsangriff nennen bzw. noch treffender: eine Überraschungsverteidigung. Psychologen sprechen von »paradoxer Intervention«. Und die kann nur aus innerer Freiheit entstehen.

Jesus tritt auf wie ein weiser Krieger. Die Traditionen des Ostens haben uns zuletzt besser gelehrt, was das bedeutet. Eine Geschichte erzählt, wie ein junger Krieger einen Mönch fragt, ob er denn nicht wisse, dass er in der Lage sei ihn – ohne mit der Wimper zu zucken – zu töten. Darauf erwidert der Mönch lächelnd, ob denn der junge Krieger nicht wisse, dass er in der Lage sei, das – ohne mit der Wimper zu zucken – zuzulassen. Jesus will den Krieger und den Mönch in uns zusammen bringen.

Der Apostel Paulus formuliert es so: »Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark« (2Kor 12,10). Gerade unsere Feinde können uns lehren, unser Selbstverständnis, unsere Freiheit, Integrität und Liebesfähigkeit zu vertiefen. Die Auseinandersetzung mit Feindschaft kann uns helfen, unsere Vorstellungen, Vorurteile und Projektionen zu überprüfen. Mehr als, wenn wir uns nur bei jenen Menschen in Sicherheit bringen, die uns »Gutes tun« (Lk 6,33).

Wer diesen Weg nicht beschreitet, bekommt früher oder später ein Problem mit Aggression: Wer Konflikte scheut, Auseinandersetzungen meidet und um der Harmonie willen nicht wagt, die eigene Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, unterdrückt die aggressiven Anteile der Persönlichkeit. Wahrscheinlich, weil es irgendwann einmal so gerlernt und nun für die beste Möglichkeit gehalten wird, mit Konflikten umzugehen.

Immer wenn wir einen Teil unseres Selbst – egal welchen – unterdrücken, dann verhindern wir Transformation. Und früher oder später geben wir das, was wir unterdrücken, doch an andere weiter. Das Pulverfass explodiert irgendwann und dann gibt es Verletzte. Wer den Weg der Gewaltfreiheit und der Liebe gehen will, der muss den Weg der Transformation gehen und sich konfrontieren. Es bleibt nichts anderes übrig, als die »schmutzigen« und »verbotenen« Anteile hervorzuholen. Deshalb macht es Sinn, wenn uns Paulus in der Lesung heute erinnert: »Zuerst kommt das Irdische, dann das Überirdische« (1Kor 15,46).

Der Aufruf zur Feindesliebe soll uns also gerade nicht befreien von allem »Irdischen«, von Gefühlen wie Wut, Hass, jeglicher Aggression. Er soll uns vielmehr erden, wenn man so will: Jesus fordert uns auf, nicht nur unsere Freundschaften, sondern auch die Feindschaften »zu pflegen«. Er lädt ein, in den Spiegel zu schauen, den unsere Feinde uns vorhalten. Und ihnen unseren Spiegel vorzuhalten. Das ist ein Schlüssel zur Gnade (charis).

»Liebt Eure Feinde!«
Lukas 6,27
7. Sonntag im Jahreskreis C

10 Kommentare

  1. Annette Renner

    Danke für die Übermittlung des E-Mails. Es bringt mir einen geistigen Schub.
    Die Franziskanische Lebenschule habe ich seit 2018 auf dem Schirm… und behalte sie auch – bis ich irgendwann einmal teilnehmen kann.

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  2. Ilona S

    Danke, lieber Jan, für deine Worte. Gingen heute den ganzen Tag mit mir mit. Es ist richtig: meine ‘Harmoniesucht’ bewegt nicht viel, aber manche Streitgespräche legen Dinge offen, wirklich gute Ansätze, über die man ganz neu nachdenkt. Der Text ‘arbeitet’ noch in mir… Danke. Pace&Bene.

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  3. Gisela Engels

    Hallo Jan, mit manchen Feinden ist wirklich gar nicht gut Kirschen essen, und es ist besser, still für sie zu beten als sich ihrem schädlichen Einfluss auszusetzen. Neid , Missgunst und Lügen – das kann die Seele vergiften.
    Alles Liebe Gisela

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    • Jan Frerichs

      Das kann ein Weg sein, liebe Gisela. Vielleicht der, der sie am meisten überrascht, weil sie erwarten, dass man die Messer wetzt oder ähnliches. Was ich sagen wollte: Es gibt nicht DEN einen richtigen Weg. Und so mag es Situationen geben, in denen auch Jesus nicht still gebetet hätte. Entscheidend könnte sein, ob ich wirklich frei bin, oder ob ich doch die ganze Wut nur in mich hineinfresse, denn auch das Insichhineinfressen kann die Seele vergiften und meistens ist es doch so: Wenn wir die Seele um jeden Preis “rein” halten wollen, beschmutzen wir sie am Ende womöglich noch mehr.

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  4. Doris

    Danke für diesen Hinweis – den Krieger und den Mönch – in mir zusammenzubringen. Dieses Bild kann ich gut mitnehmen und damit “gehen”.
    “Feindesliebe” geht auch mit mir!! Was und wer ist mein Feind? Ich mir manchmal auch selbst?
    Auf jeden Fall wieder etwas zum Bewegen in mir!! Danke dafür.

    Antworten
  5. Ingeborg Eder

    Freue mich immer riesig, wenn wieder ein E-Mail von ” barfuß und wild” kommt. Kanns kaum erwarten und tip mich gleich rein. So eine schöne, gesunde und tiefgehende Spiritualität sollten unsere Pfarrer predigen. Eines Tages werde ich bei Euch in Deutschland mit dabei sein. Bis dahin wünsche ich eine schöne Zeit und liebe Grüße Ingeborg

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  6. Brigitte Heller

    ich gebe Ihnen recht. Aber aus lauter “Gewohnheit” hält man still bis es zur Explosion kommt. Ja und dann werden manchmal Sachen gesagt oder getan die kontra produktiv sind. Es schwer den Freund und Feind in sich zu tragen…

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