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Wenn ich der Teufel wäre und das Christentum zerstören wollte, würde ich Christen dazu bringen, ihre Körper zu hassen und zu fürchten – sagte Richard Rohr einmal. Und ich füge hinzu: Der Teufel hat ganze Arbeit geleistet. Der größte Irrweg des real-existierenden Christentums ist seine weit verbreitete und tiefsitzende Körperfeindlichkeit. Solange sie nicht überwunden wird, erleben wir nur ein beschränktes, blutleeres und menschenfeindliches Christentum.

Tiefsitzende Körperfeindlichkeit

Es gibt zahllose Beispiele dafür, wie tief die Körperfeindlichkeit in christlichen Kreisen verbreitet ist. Kürzlich geschah dies: Im Zusammenhang mit der Aktion »Maria 2.0« hatten Studierende der Theologie an der Uni Freiburg ein Banner aufgehängt mit einer mandelförmigen Darstellung der Mutter Gottes. Bei genauer Betrachtung, entpuppte sich da ein Bild im Bild: Die Darstellung der Gottesmutter in Form einer Vulva. Das löste einen Mega-Shitstorm aus.

Man kann sicher darüber streiten, ob das Bild dem Anliegen gedient hat, denn de facto hat es die Gemüter erhitzt und Spaltungen vertieft. Aber kann man über das Bild selbst streiten? Ist es tatsächlich unangemessen und gar »blasphemisch«, wie einige Kommentare verlauten ließen, eine solche Darstellung für die Heilige Mutter Gottes, die Gottesgebärerin, zu wählen?

Das »Fleisch« ist der Ort der Gottesoffenbarung

Tatsache ist, dass alle Christen doch dieses ganz und gar »fleischliche« Bekenntnis vereinen müsste: Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden und hat das Licht der Welt genauso erblickt wie wir. Jesus ist nicht vom Himmel gefallen, sondern leibhaftig wie wir alle durch das weibliche Geschlechtsorgan seiner Mutter Maria hindurch in die Welt gekommen. Müssten also nicht gerade Christen das hochschätzen, statt Geschlechtsorgane – und man hat den Eindruck insbesondere die weiblichen – für schmutzig zu erklären und regelrecht zu verdammen ins Reich des Dämonischen und Bösen? Was ist die Ursache für diese Körperfeindlichkeit?

Für mich wird an diesem Beispiel sehr deutlich, dass viele Christen nicht wirklich für wahr halten, was allerdings uralter Glaube der Kirche ist: »Das Wort ist Fleisch geworden« (Joh 1,14). Gott »hat Fleisch angenommen« heißt es entsprechend im Glaubensbekenntnis und das bedeutet nicht nur, dass Gott das Fleisch angenommen hat, sondern dass es DER Ort ist, an dem sich das Heil Gottes verwirklicht. Es gibt kein anderes Medium!

»Das Fleisch begehrt gegen den Geist«

Hätte der Apostel Paulus geahnt, was aus seinen Worten einmal gemacht wird, wäre er vielleicht vorsichtiger bei der Verwendung des Wortes »Fleisch« gewesen. So heißt es zum Beispiel in der Lesung aus dem Brief an die Galater:

»Wandelt im Geist,
 dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen!
 Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist,
 der Geist gegen das Fleisch,
 denn diese sind einander entgegengesetzt, 
damit ihr nicht tut, was ihr wollt.«
Gal 5,16-17 (vgl. Rom 8,4)

Viele glauben wahrscheinlich, Paulus spreche von etwas Verbotenem und Verwerflichen, wenn er vom »Begehren des Fleisches« spricht. Also: sexuelle Ausschweifungen, Unzucht usw. Der Punkt ist: Paulus meint viel mehr als das und durch die verbreitete Fixierung auf die Körperlichkeit übersehen wir das gerne. Zorn, Eifersucht, Hader, Neid usw. haben ja nicht nur etwas mit dem Körper zu tun (vgl. Gal 5,19-21). Vielmehr geht es offenbar um Beziehungen und die Ausrichtung unseres ganzen Lebens.

Fleisch und Geist sind eine Einheit

Es ist ziemlich sicher, dass Paulus hier also keinen Graben zwischen Fleisch und Geist, Körper und Seele reißen wollte. Aber genau das ist passiert. Später. Die christliche Körperfeindlichkeit wurzelt im griechischen Platonismus der ersten Jahrhunderte, der Leib und Seele trennt und die Welt in ein niederes Diesseits und ein höheres Jenseits aufteilt. Die Neuplatoniker lesen diesen Dualismus folglich in die Texte des Apostels hinein. Aber für Paulus gibt es einen solchen Dualismus nicht.

Wenn Paulus das Wort »Fleisch« verwendet, spricht er von dem, was wir heute als Ego bezeichnen können: Unser kleines Selbst, das sich als getrennt von allem erfährt und daher müht, aus eigener Kraft in Verbindung zu kommen. Das kleine, gefangene Selbst, das beim Versuch, sich aus dem eigenen Gefängnis zu befreien und die Verbindung zum Ganzen, zur Gemeinschaft, zu Gott usw. herzustellen, den Graben tatsächlich aber nur noch vertieft.

Das Problem ist nicht der Körper

Wahrscheinlich würde Paulus bedauern, dass er ausgerechnet das Wort »Fleisch« verwendet hat, um uns mitzuteilen, dass es notwendig ist, in unser wahres Selbst hinein zu wachsen. Das alte Ich sterben zu lassen und ganz »in Christus zu sein«, bedeutet nicht, den Körper zu verdammen. Den Körper verdammen ist in Wahrheit das Gegenteil von »in Christus sein«. Wir sollen also keineswegs unsere Körperlichkeit überwinden, denn das wäre gänzlich unchristlich und völlig widersprüchlich, sondern unser Gefangensein in Vorurteilen, alten Mustern und Beschränkungen, in Süchten und Abhängigkeiten usw.

Ich bin sicher, die meisten, die sich vom Christentum abwenden, fliehen in Wahrheit seine Körperfeindlichkeit – und das ist gut so. Es ist eine gesunde Bewegung, denn ein solches Christentum ist geradezu teuflisch und hat sowieso keine Zukunft. Wir werden noch lange brauchen, um die Wunden, die ein körperfeindliches Christentum geschlagen hat in den Seelen und Körpern unzähliger Opfer, zu betrauern und um Verzeihung zu bitten.

Der Körper im Lebensrad

Das Lebensrad erinnert mit der Qualität des Südens daran, dass die Körperlichkeit eine feste und unbestreitbare Qualität unserer Existenz ist. Gleichwertig mit der Seele im Westen, der Vernunft im Norden und dem Geist im Osten. Es bringt nichts, diese Qualitäten gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, sie miteinander in Bewegung und Balance zu bringen. Das Geheimnis lautet: Die Körperlichkeit ist ein Teil unserer Existenz, so wie der Sommer ein Teil des Jahres ist. Und im selben Maß wie wir den Sommer genießen, dürfen wir auch die Körperlichkeit genießen.

Welche Art von »Körperlichkeit« hast du als Kind gelernt bzw. übernommen?
Wie hat das dein heutiges Körperempfinden geprägt?
Was bedeutet für dich das Bekenntnis »Gott ist Mensch geworden«?

»Freude in Fülle … Wonnen für alle Zeit«
Ps 16,11
13. Sonntag im Jahreskreis

3 Kommentare

  1. Markus

    Danke, danke für diesen klaren und wohltuenden Worte !!
    (Zu) wenig körperliche Zuwendung als Kleinstkind, in der Folge tiefe Scham, Beziehungsangst und unbewusst aktive Beziehungsverweigerung, selbst später unter dem “Deckmantel” einer eingegangenen Ehe. Da spür ich, was Du meinst und kann dieses körperfeindliche Milieu nun auch glaubensmäßig noch besser einordnen.
    In der gängigen Seelsorge und in Sonntagspredigten wird das Thema ja gerne umschifft.
    Um so wertvoller Dein Beitrag!

    Antworten
  2. Petra

    DANKE Jan. Das ist befreiende frohe Botschaft, die wir in die Gemeinschaften tragen dürfen (geradezu müssen). Weil ich diese Scham und diesen “teuflischen” Hass selbst immer wieder gespürt und erlebt habe, weiß ich, wovon du sprichst. Wir sind un-verschämt auf diese Welt gekommen und dürfen sie un-verschämt wieder verlassen”. Wir dürfen die Wunder der Natur lieben (lernen) und heil(ig)en – wir sind Natur.

    Antworten
  3. Dagmar

    Hier wird gesagt, dass Jesus “leibhaftig wie wir alle durch das weibliche Geschlechtsorgan seiner Mutter Maria hindurch in die Welt gekommen” ist. Doch gerade das wird ja im Christentum eben NICHT gelehrt. Maria war, ist und blieb jungfräulich. Für mich steht außer Frage, dass Jesus ganz normal und natürlich geboren wurde und dass unser Körper, wie unser Geist zu uns gehört und gut und wichtig und richtig und gewollt ist. Doch gerade die Traditionalisten lehren etwas anderes und würden solche Aussagen als falsch wegwischen.

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