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In den 1960er Jahren machte der amerikanische Psychologe Martin Seligman ein Experiment mit Hunden. Er versetzte ihnen kurze Elektroschocks. Ein Teil der Hunde konnte die Schocks mit einem Knopf abstellen. Die anderen nicht. Dieser zweiten Gruppe blieb nichts anderes übrig, als die Situation auszuhalten, ohne daran etwas ändern zu können.

Im Laufe der Zeit gewöhnten sich diese Hunde der zweiten Gruppe daran, die Elektroschocks über sich ergehen zu lassen. Sie blieben einfach passiv und lethargisch. Die Überraschung: Als sie später ebenfalls die Möglichkeit bekamen, die Schocks abzustellen, machten sie keinen Gebrauch davon. Sie behielten ihre passive Haltung bei.

Martin Seligman nennt das Phänomen »erlernte Hilflosigkeit« und überträgt es auf menschliches Verhalten: Er erklärt damit depressive Muster, die uns daran hindern, die Wirklichkeit und unsere Möglichkeiten wahrzunehmen.

Was sind die »Elektroschocks«, die wir über uns ergehen lassen? Glaubenssätze wie »du bist nicht ok so«, »du musst dich ändern«, »du musst das schaffen«, »du darfst nicht aufgeben«, »du schaffst das nicht« usw. Es geht uns wie den armen Hunden von Seligman, wenn wir diese Sätze irgendwann einfach nur noch glauben (»ich muss mich ändern«, »ich bin nicht ok so«, »ich muss das schaffen«) und sie nicht mehr in Frage stellen können.

In den mystischen Traditionen gibt es viele Bilder für diese erlernte Hilflosigkeit. Zum Beispiel das Gefängnis ohne Schloss. Unsere Tür in die Freiheit ist gar nicht verschlossen. Die Aufgabe spiritueller Lehrer ist es, uns zu dieser Erkenntnis zu begleiten. Aber nur wir selbst können die Tür öffnen. Dieser Schritt von der Unfreiheit in die Freiheit setzt voraus, dass wir einen Blick dafür bekommen, was wirklich und was nur eingebildet ist. In der Mystik heißt das »Erwachen«.

»Warum, wenn Gottes Welt doch so groß ist, bist du ausgerechnet in einem Gefängnis eingeschlafen?«, fragt der große Sufi-Meister Rumi. Vermutlich, weil uns das Gefängnis sicherer erscheint. Wir ertragen lieber die gewohnte Unfreiheit, als die Türe zu öffnen und hinauszugehen.

Vermutlich ist es daher kein Zufall, dass Religion in ihrer mystisch-kontemplativen Ausprägung immer irgendeine Technik lehrt, die erlernte Hilflosigkeit wieder zu verlernen und die Blindheit für die eigenen Möglichkeiten zu überwinden.

“Erwachen” geht nicht ganz von selbst, es bedarf der Einweihung bzw. Initiation. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, der eigenen Hilflosigkeit einmal gegenüber zu treten. In einer Visionssuche zum Beispiel. Oder in intensiven und wahrhaftigen Exerzitien. Die Taufe ist ursprünglich ein solcher Initiationsritus, eine Erfahrung des “wahren Selbst“.

So betrachtet ist auch die Taufe Jesu nicht bloß eine religiöse »Show« für die anderen. Der Himmel öffnet sich, der Geist schwebt theatralisch als Taube herab. Das sind Symbolbilder einer inneren Erfahrung. Freiheit kommt von innen.

Die Stimme Gottes spricht: »Ich habe Gefallen gefunden an Dir« und wir können auch übersetzen: Ich sage Ja zu Dir! (Lk 3,21-22). Jesus steht hier stellvertretend für alle Menschen, für alle geliebten Söhne und Töchter Gottes.

Wir brauchen diese Art von Taufe. Wir brauchen die Erfahrung, dass wir bedingungslos bejaht und angenommen sind, um zu erkennen, wer wir jenseits unserer Hilflosigkeitsmuster sein können. Das ermöglicht uns, selbst zu strahlen und etwas für die Welt zu tun.

»Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit
Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen von uns,
sie ist in jedem Menschen.
Und wenn wir unser eigenes Licht
erstrahlen lassen,
geben wir unbewusst anderen Menschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Wenn wir uns von unserer eigenen
Angst befreit haben,
wird unsere Gegenwart,
ohne unser Zutun, andere befreien.«

Nelson Mandela (nach Marianne Williamson)
in seiner Antrittsrede 1994

»Ich sage Ja zu dir!«
Lukas 3,22
Taufe des Herrn C

4 Kommentare

  1. Hedi

    Das gilt nicht nur für die eigene Person eines jeden, denn “im Gefängnis” sitzen wir auch, wenn uns die Politiker angeblich zwingen, bei der Umweltzerstörung in jeglicher Form mitzumachen, oder wenn uns das Riesenangebot der Waren angeblich zwingt, zu kaufen, oder wenn wir es ruhig mit ansehen, wir unsere Kinder durch die Digitalisierung verdummen. Immer können wir die Tür einen Spalt öffnen, dann immer mehr, und schließlich können wir das Gefängnis sogar verlassen. Dazu aber sind Fantasie und Mut nötig. Also dann: Laufen wir gemeinsam los in die Freiheit!

    Antworten
  2. Pit

    Hallo Hedi, wie ich finde, ein wichtiger Gedanke von Dir. Ich möchte die Gedanken noch weiter fassen. Die Politiker zwingen uns nicht. Da gibt es noch die Lobby der Industrie und unsere eigene Gier und Bequemlichkeit. Es gibt die Wirtschaftswissenschaft, die uns glauben macht, dass nur materieller Wachstum die Gesellschaft weiter entwickeln lässt…..
    Wir müssen den Mut zusammen bringen, neue Wege aus dem derzeitigen Wahn – nur Besitz macht glücklich – finden. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung sondern ein Teil von ihr und wir sind dabei die Schöpfung, die uns Gott anvertraut hat, zu zerstören.
    Vorgestern haben unsere Kinder die Schule geschwänzt, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir auf Kosten der Schöpfung, der Zukunft unserer Kinder leben. Wir sollten uns unseren Kindern ganz schnell anschließen, wenn wir verantwortungsvolle Eltern bleiben wollen.

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  3. christine plängsken

    Hallo zusammen. Ich weiß aus eigener schmerzhafter Erfahrung wie schwer es ist das bequeme Elend zu verlassen. Wir Menschen sind auf Sicherheit ausgerichtet und nichts erscheint sicherer als das was wir kennen. Auch wenn es das Gegenteil ist. Deshalb ist es umso wichtiger bei sich selbst ehrlich hinzuschauen und dann ein Vorbild zu werden. Wahrhaftig und offen. Jesus zeigt es uns. Jeden Tag
    Herzliche Grüße Christine

    Antworten

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