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Kürzlich fiel mir ein altes Buch in die Hände mit dem Titel »Die Lügner«. Der Psychiater M. Scott Peck schildert darin einige erschütternde Fälle aus seiner Praxis, die alle eines gemeinsam haben: Die Menschen, um die es geht, beschreibt er als »bösartig«. Nicht, weil sie Schlechtes getan haben, das tun wir alle irgendwann. Sondern weil sie sich mit raffinierter Hartnäckigkeit und Stetigkeit weigern, das Schlechte im eigenen Handeln zu sehen.

Der Autor beginnt mit einer Warnung: »Dieses Buch ist gefährlich.« Und der Übersetzer, Andreas Ebert, schreibt am Ende, er habe genau das am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren. Nicht nur, dass die andauernde Beschäftigung mit der Energie des Bösen die eigene Seele beschmutze und nach unten ziehe, er sei auch zuweilen der Gefahr erlegen, andere zu dämonisieren und plötzlich überall »böse« Menschen zu entdecken.

Hier ein Beispiel zu nennen, ist tatsächlich schwer. Denn es wäre wahrscheinlich nötig, eine der Geschichten vollständig wiederzugeben, deren einzelne Handlungen und Aussagen äußerlich harmlos erscheinen. Erst im Ganzen betrachtet zeigt sich, dass da zum Beispiel ganz bürgerliche und »normale« Eltern ihre Kinder offenbar emotional verletzen und sogar psychisch zerstören. Oder: Scheinbar liebevoll umeinander besorgte Ehepartner haben sich in abgründige Abhängigkeit verstrickt, in der ein subtil wirkender Cocktail aus unterdrückter Wut und vergiftendem Hass entstanden ist. Warum? Weil sie sich und andere de facto belügen, sagt Peck, und die ganze Energie in die Wahrung eines äußerlich makellosen Scheins stecken. Irgendwann wird es dann unerträglich, der Wahrheit des eigenen Schattens ins Auge zu sehen, sei es Lieblosigkeit, Trägheit, Rechthaberei, Eitelkeit oder anderes mehr. Die Lüge verselbständigt sich. Und an diesem Punkt der Leugnung beginnt das, was Peck »böse« nennt.

Ich erinnere mich an dieses »gefährliche« Buch angesichts der heftigen Auseinandersetzung zwischen Jesus und Petrus im Evangelium: »Weg mit dir, Satan!« (Mk 8,33) herrscht Jesus seinen engen Vertrauten an. Und Satan ist der Inbegriff des Bösen. Auf den ersten Blick ist überhaupt nicht ersichtlich, was Petrus da eigentlich »Böses« getan haben soll. Im Gegenteil: Jesus prophezeit den eigenen gewaltsamen Tod und es sieht doch so aus, als reagiere Petrus nur emotional und besorgt. Warum also diese heftige Reaktion?

Tatsächlich ist Petrus aber gar nicht besorgt, sondern wütend. Er hatte Jesus seinerseits »angeherrscht«. Und Markus verwendet hier tatsächlich das gleiche Wort. Zuvor war es in einem Gespräch darum gegangen, für wen Jesus gehalten werde. Einerseits für Johannes den Täufer, berühmt für seine Askeseleistungen und den moralischen Zeigefinger, mit dem andere zur Umkehr rief. Oder Elija, ein großer Prophet, der für die wahre Lehre glühte. Und für Petrus ist klar: Jesus ist der Christus, der Messias, der Retter.

Und dann kommt Jesus und macht allen großen Fantasien einen Strich durch die Rechnung. Er bezeichnet sich nur als »Menschensohn« und kündigt keinen triumphalen Showdown oder ähnliches, sondern sein Leiden an. Wir haben uns in 2000 Jahren vielleicht zu sehr daran gewöhnt, dass Jesus am Kreuz stirbt. Wir ahnen kaum mehr die Provokation, die in dieser Ankündigung des Leidens steckt. In den Ohren der griechischen Leser und Hörer des Markusevangeliums muss das absolut skandalös geklungen haben: Ein Gesalbter, ein Retter, ein Gottessohn kann nicht in Schande sterben.

Jesus aber ruft alle zusammen und unterstreicht es noch dick und fett: »Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mk 8,34). Und bevor wir uns vorschnell in Überlegungen ergießen, was es spirituell bedeuten könnte, sich »selbst zu verleugnen«, möchte ich daran erinnern, dass sich das zunächst einfach nur ganz praktisch auf Petrus bezieht, der später nach der Kreuzigung leugnet, Jesus zu kennen (Mk 14,53-72).

Petrus erträgt es offenbar nicht, diesen Schatten des Leidens und des Kreuzes in den Blick zu nehmen. Das Scheitern Jesu passt wohl nicht in sein Bild. Und vielleicht ist es Angst, die ihn zum Lügner werden lässt. Die Schattenseite der Wirklichkeit leugnen zu wollen, ist aber die Wurzel des Bösen, sagt M. Scott Peck. Und Jesus »herrscht« Petrus an, wie er an anderen Stellen Dämonen »anherrscht«. Er will den Dämon der Lüge vertreiben.

Wie aktuell diese Thematik ist, zeigt das erschreckende Ausmaß des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. Aber nicht die Zahlen von Opfern oder Tätern sind entscheidend. Es geht um das System der Lüge dahinter. Die bis heute andauernde Vertuschung oder gar Leugnung (auch jegliche Art von Umdeutung der Zahlen: »Es sind so viele Priester, die haben gar keinen Missbrauch begangen« und ähnliches) – all das hat nur eines zum Ziel: Vom Schatten des Missbrauchs abzulenken und die Schande zu verbergen.

Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist in jedem einzelnen Opfer Gott selbst missbraucht worden. Nur aus Perspektive der Opfer ist es möglich, das ganze System zu verändern. Und an dieser Veränderung kommt niemand vorbei: »Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten« (Mk 8,35). Heißt übersetzt: Wer nur um sich kreist, ist verloren. Wer bereit ist, das makellose Selbstbild aufzugeben zugunsten der ganzen Wahrheit, vor allem der der Opfer und Leidenden, ist schon gerettet.

Der Schlüssel liegt in der Haltung Jesu. Da heißt es ganz lapidar: »Er redete offen« (Mk 8,32) und wörtlich steht da »in Freimut« oder eben freimütig. Das scheint mir das ganz unspektakuläre, aber durchaus anspruchsvolle Mittel gegen den Virus der Bosheit zu sein, das der Evangelist Markus hier empfiehlt. Und an der Freimütigkeit muss sich nicht nur die Kirche als Institution messen lassen. Wir brauchen überall in der Gesellschaft und in der Welt Orte, an denen freimütig – und das bedeutet nichts anderes als »von Herzen« – gesprochen werden kann. Es braucht die Fähigkeit der »Selbstanklage« und die Einübung in selbige, bevor mit dem Finger auf andere gezeigt wird. Es braucht überall eine radikale Option für die Leidenden und Schwachen.

Die Tragik besteht darin, dass die Institution Kirche genau so ein Ort sein könnte und müsste, wo diese Qualität des Freimuts gepflegt und eingeübt wird. Im Moment allerdings und schon seit vielen Jahrzehnten und vielleicht Jahrhunderten, zerstören Täter und jene, die sie decken, ihre Taten vertuschen und damit die Opfer verhöhnen und noch einmal verletzen, jegliche Glaubwürdigkeit der Kirche Jesu, der einst freimütig und offen die Dinge beim Namen nannte. Jenen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen und die schlicht nicht die Macht hatten, irgendetwas zu ändern, bleibt fast nichts mehr übrig, als der Exodus aus dieser Kirche, um neue Räume zu erschließen, wo Freimut geübt werden kann und es möglich ist, offen zu reden, und wo jegliches Leid gesehen und gehört und nicht vertuscht wird.

»Und er redete ganz offen …«
Markus 8,32
24. Sonntag im Jahreskreis B

6 Kommentare

  1. Martina Isabelle

    Das ist leider eine ganz präzise Beschreibung der Kirche und des Gewissenskonfliktes, in dem wir uns befinden.

    Antworten
  2. Kathy

    Die Lüge vergiftet uns alle. Wenn wir unseren Alltag einmal knallhart ehrlich reflektieren und unsere eigenen Verfehlungen (“das Ziel verfehlen” ist wohl eine gute Übersetzung von Sünde) aushalten, ansehen und freimütig bekennen könnten, welche Kraft könnte daraus erwachsen, welche Räume würden sich auftun?!?

    Vielen Dank für diesen radikalen Text.

    Antworten
  3. Carmen

    lieber Jan,
    das berührt mich sehr. Danke!
    Bringt was zum Klingen: vielleicht liegt in der Bereitschaft zur Wahrheit im Umgang mit sich und anderen ja das, was Jesus meinte, als er sagte, die Wahrheit werde uns frei machen. Kostet Mut. Vielleicht auch manche schräge Beziehung. Aber führt zu mehr Liebe in der Welt.
    Grüße aus der Vergangenheit (Ordination James)
    Carmen

    Antworten
  4. Eva

    Danke für diesen schönen Text. Ich selbst habe mich schon länger von der Institution Kirche irgendwie abgestossen gefühlt. Bei mir war es vor allem der Umgang mit Frauen und das ewig gestrige, was mich “vertrieben” hat. Ich arbeite gerne mit Kräutern und bin in einem Bereich aktiv, wo früher das Feuer der Inquisition nicht weit gewesen wäre. Über diesen Newsletter bin ich ein Stück weit dem Glauben wieder verbunden. Wie es mit der Kirch weitergeht wird sich zeigen müssen. Vielen Dank für diesen Teil Wahrheit.
    Eva

    Antworten
  5. Eduard

    Hallo Herr Frerichs,
    ich muss sagen, was mich am meisten wundert ist, dass dieses Buch seit 1990 nicht wieder aufgelegt worden ist. Ich kenne nichts Vergleichbares, weder was das Böse, das kollektive Böse oder gar eine solch treffende Analyse eines Exorzismus angeht. Das Urteilsvermögen, aber auch seine wissenschaftliche Verpflichtung gegenüber der Wahrheit empfinde ich als außergewöhnlich. Daher habe ich mir die Arbeit gemacht, diese drei Themenkomplexe zu digitalisieren. Sollten Sie Links erlauben, so wären das

    http://www.kleine-spirituelle-seite.de/tl_files/template/pdf/psychologie_des_boesen-scott_peck.pdf
    http://www.kleine-spirituelle-seite.de/tl_files/template/pdf/massenpsychologie_das_kollektive_boese-scott_peck.pdf
    http://www.kleine-spirituelle-seite.de/tl_files/template/pdf/besessenheit_und_exorzismus-scott_peck.pdf

    Mit den besten Wünschen und Grüßen,
    Eduard

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    • Jan Frerichs

      Lieber Eduard,
      vielen Dank für diese Arbeit.
      LG Jan.

      Antworten

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