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Die Sache mit dem Feigenbaum und Jesus scheint ziemlich eindeutig: Wenn der Baum keine Frucht bringt, muss er weg. Hart. Aber wahrscheinlich empfinden viele das sogar als ganz richtig so. Es passt jedenfalls perfekt in unsere Leistungsgesellschaft.

Denn wer sich nicht »bekehrt«, wird »umkommen«, sagt Jesus mit Nachdruck (Lk 13,3.5). Und viele verstehen das heute so: Wer sich nicht anstrengt, scheitert und ist raus. Punkt.

Es ist ja auch sicher erstrebenswert, das Leben zur Blüte zu bringen: Die eigenen Ziele verwirklichen, aufrecht gehen, strahlen, erfolgreich sein. Das sollten wir jedem wünschen.

Allerdings verwechseln manche die Blüte mit der Frucht, scheint mir. Die Blüte ist nicht das Ziel. Sie muss verwelken, damit die Frucht sich entwickeln kann. Nach der Blüte kommt noch was und genau das meint Richard Rohr wenn er sagt: Spätestens ab der Lebensmitte entwickeln wir uns nicht mehr weiter durch unsere Erfolge, sondern durch unsere Misserfolge, unser Scheitern, unsere Fehler, unsere Verluste. Scott Peck sagt es so: »Wenn wir vor dem Tod zurückschrecken, vor der sich ewig wandelnden Natur der Dinge, dann scheuen wir zwangsläufig auch vor dem Leben zurück.«

»Reifung« und »Frucht bringen«, das hat in Wahrheit wenig mit dauerndem Wachstum und Optimierung zu tun, viel mehr aber mit Sterben, Verwandlung und so etwas wie Erfüllung.

In unserem Ort lebt eine Frau, die hat Krebs. Als sie die Diagnose bekam, gaben ihr die Ärzte noch zwei Jahre. Das war vor mehr als sieben Jahren, ich glaube sogar, es sind schon bald neun. Ich weiß es nicht genau. Jedenfalls lebt sie noch. Und ja, sie leidet unter ihrer Krankheit.

Je mehr man ihr in den vergangenen Jahren ansah, wie sie von der Chemotherapie gezeichnet dahinwelkte, desto mehr Abstand hielten einige. Und mit Abstand meine ich auch, dass man zwar körperlich um einen Tisch herum sitzt, aber niemand fragt nach, niemand spricht die Krankheit an. Das Thema ist tabu.

Klar: Diese Frau konfrontiert uns immerfort mit unserer eigenen Vergänglichkeit und mit der Frage, welchen Sinn ein krankes, »gescheitertes« Leben haben kann. Alle staunen heute, dass sie noch lebt. Und wie sie der Krankheit trotzt. Es heißt aber auch – vielleicht hinter vorgehaltener Hand und vielleicht sagt sie es sogar selbst: »Das ist doch kein Leben«. Was ist es aber dann, frage ich mich?

Das, was uns daran hindert, Frucht zu bringen, ist nicht das Sterben, sondern die Gefahr, am Sterben zu verbittern. Und das gilt nicht nur für den leiblichen Tod. Es gilt für die vielen Tode und Abschiede, die das Leben mit sich bringt.

Die Frage, was das denn für ein Gott sein soll, der solch vielfältiges Leiden zulässt, mag uns dazu bringen, uns erst recht den Göttern des Erfolgs, der Leistung, der ewigen Schönheit oder Perfektion zu verschreiben. Kein Wunder, dass wir uns Leidende, Arme und Gescheiterte dann lieber vom Leib halten wollen, damit sie uns nicht auf die Verliererseite ziehen.

Jesus ist da aber ziemlich klar: Er lässt nicht zu, dass die vermeintlichen »Verlierer« ausgeschlossen werden und widerspricht vehement allen Überlegungen, sie hätten ihr Unglück möglicherweise »verdient«, Gott habe sie vielleicht bestrafen wollen (Lk 13,2). Solche Theorien sind tatsächlich bis heute wirksam, wenn es heißt, die Kranken und Gescheiterten hätten sich vielleicht falsch ernährt, nicht genug Sport gemacht oder sie hätten einfach nicht positiv genug gedacht und deshalb das Scheitern angezogen, weil sich im Universum angeblich immer das verwirklicht, was man selbst anzieht.

Jesus sagt dagegen ziemlich deutlich: »Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.« (LK 13,3.5). Frucht bringen entscheidet sich also nicht an äußeren Merkmalen. Nicht die Anzahl der Lebensjahre oder die Abwesenheit von Krankheit oder Katastrophen sind entscheidend für ein erfülltes Leben. Das griechische Wort Metanoia, das hier im Text mit »bekehren« übersetzt wird, bezeichnet auch mehr als bloß eine rein äußere Veränderung. Metanoia ist ein Bewusstseinswandel. Es geht um eine innere Qualität, eine Wahrheit, die nur von innen erwachsen kann und eben nicht von außen.

Das braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe. Und es ist bezeichnend, dass Jesus in dem Gleichnis den Feigenbaum gar nicht verdammt, sondern ein gutes Wort für ihn einlegt: »Vielleicht trägt er doch noch Früchte« (Lk 3,9). Wie konnten wir das übersehen? Da wird der Boden gelockert und gedüngt. Was brauchst der Baum jetzt? Was unterstützt ihn? Da ist gar nicht mehr so viel Härte, sondern ein tiefes Vertrauen und auch eine Hoffnung, dass Gott auch auf vermeintlich krummen Zeilen gerade zu schreiben vermag.

Sind wir in der Lage, in dieser Weise liebevoll mit uns und anderen umzugehen?
Was brauchen wir, um auf diese Weise Krankheit, Scheitern, Schuld usw. begegnen zu können?

P.S.: In den vergangenen Tagen schrieb mir Gaby, die an den Exerzitien teilnimmt, ein Gedicht von Andreas Knapp, das sehr herausfordernd ist und zugleich ungeheuer nach Lebendigkeit duftet. Es passt sehr gut zum Thema, finde ich:

ein gutes Erwachen

bitte enttäusche mich
amputiere meine Illusionen
zerbrich den goldenen Spiegel
bilderstürme mein geträumtes Ich
zerstöre meine Kreise
die sich um mich selber drehen
verschreibe mir eine starke Dosis Wirklichkeit
ich will mich wahr haben

P.P.S.: Die Blüte auf dem Foto ist übrigens Mohn. Und der Mohn ist ein Symbol für die Liebe. So sagt der persische Dichter Sohrab Sepehri: „So lange es den Klatschmohn (= die Liebe) gibt, muss gelebt werden!“. Der schwarze Mittelpunkt der Mohnblüte, aus dem sich später die Frucht entwickelt, symbolisiert seit jeher die Leiden der Liebe.

»Vielleicht trägt er doch noch Früchte«
Lukas 13,9
Dritter Fastensonntag C

4 Kommentare

  1. felixgraf@blumenau.ch

    viel
    fein
    fahren wir
    fort
    felix

    Antworten
  2. Doris Creutz

    Lieber Jan,danke für diese Worte und die Botschaft des Zuspruchs. Ja es braucht Liebe, Zeit , Aufmerksamkeit und Langmut für diesen Prozeß. Ich bin froh für dieses Beispiel vom Feigenbaum. Dieses Bild und die Haltung von Jesus geben mir Kraft und Mut mich anzunehmen in dieser Situation. Es gilt aber auch dem Anderen dies zuzugestehen.
    Die Welt will mich was anderes glauben lassen, aber ich muss mir diese Denkweise ja nicht zu eigen machen. Es hat für mich viel mit bewerten und bewertet werden zu tun.
    Ich nehme diese Gedanken mal mit in diese Aufbruchstimmung des Frühlings, wo alles wieder aufbricht und zur Blüte kommt in der Natur……

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Liebe Doris, es erscheint mir wie ein Mechanismus: Wir selbst bewerten uns und gestehen den Anderen dann zumeist auch keine andere Bewertung zu. Hinter den harten Fassaden der Bewertungen und Urteile wirken Angst, Trauer, Wut und Verzweiflung. Was wäre, wenn wir wagten, die Angst mutig auszusprechen, die Trauer in den Blick zu nehmen, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in unserer Wut zu erkennen und das Nicht-Wissen der Verzweiflung als den Ort anzusehen, den Gottes Geist (er)füllen kann? Ich glaube, Jesus hat gar nicht viel mehr getan als das: Und das war (und ist) heilsam. Ja, ich wünsche Dir auch einen wunderbaren Frühlingsanfang! LG Jan.

      Antworten

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