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Jesus fordert dazu auf »allezeit« zu beten und Paulus sagt: »Betet ohne Unterlass« (1Thess 5,17). Nun kann das schlecht bedeuten, dass wir den ganzen Tag auf dem Meditationshocker zubringen oder mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt herumlaufen. Was also soll dieser Auftrag bedeuten, wie soll das gehen und was soll das bringen?

Beten ist riskant

Als die Jünger Jesus bitten, sie beten zu lehren, gibt er sich wortkarg. Wenn es sein muss, hat man fast den Eindruck, dann betet halt »Vater unser …«. Ziemlich sicher war Jesus kein Freund von vielen Worten, wenn es ums Beten ging. Denn: »Beten ist riskant«, wie es Thomas Merton einmal gesagt hat: »Es besteht die Gefahr, dass unsere eigenen Gebete zwischen Gott und uns geraten«.

Das Gebet, das Jesus meint, wenn er dazu auffordert, »allezeit« zu beten, ist also eher ein Gebet ohne Worte. Noch einmal Thomas Merton: »Wenn wir am andächtigsten beten, gehen wir direkt zu Gott – ganz ohne Gebete«, sprich: ohne Worte. Wie also kommen wir direkt zu Gott?

Still Sein

Nehmen wir den Psalmvers »Sei still und erkenne, dass ich Gott bin« (Ps 46,11) als eine Art Mini-Anleitung für diese Art des stillen Gebets. Der Psalm zeichnet zuerst ein Bild von Krieg und Naturkatastrophen, »Berge erzittern«, »Völker toben«. Und mitten in dieses Chaos hinein spricht der Beter die Worte »Gott ist uns Zuflucht«. Und am Ende heißt es eben: »Sei still und erkenne, dass ich Gott bin«.

Richard Rohr hat dieses Psalmwort einmal in einem schönen Mantra entfaltet, das einen Übungsweg ins stille Gebet darstellt:

Sei still und erkenne, dass ich Gott bin.

Sei still und erkenne, dass ich bin.

Sei still und erkenne.

Sei still.

Sei.

Gebet führt nach innen. Es ist wie in der Geschichte des Sufi-Mystikers Rumi, der davon erzählt, wie er die ganze Welt auf der Suche nach Gott durchwandert hat, ihn aber nirgendwo finden konnte. Als er schließlich nach Hause kam, sah er Gott an der Tür seines Herzens stehen. Er hatte dort schon seit Ewigkeiten auf ihn gewartet.

Im Auge des Sturms

Die griechische Bibel verwendet für »Sei still« das Wort scholadzo, was so viel heißt wie leer werden, Zeit haben, müßig gehen. Gebet führt in eine bedingungslose Leere, in das Auge des Sturms, wo wir jenes Herz der Seele in uns berühren, das unzerstörbar und unverletzlich ist und dem Aufregung und Chaos nichts anhaben können.

Genau deshalb schickt Jesus seine Jünger zum Beten »in die Kammer«. Das ist ein Bild für den Raum des Herzens, in dem Gott wohnt. Und die Suche nach diesem inneren Raum ist wahrscheinlich auch der tiefe Grund, warum viele Menschen heute meditieren: Unser Leben ist trotz aller zivilisatorischen Erleichterung ja nicht frei von Anstrengung und Stress. Die Ruhe im inneren Raum, so hoffen wir, ermöglicht es uns, herausfordernde Situationen durchzustehen.

Wenn aber Gebet gänzlich auf eine Technik reduziert wird, die wir als Mittel zum Zweck einsetzen – nämlich um die Leistungsfähigkeit zu erhalten oder zu erhöhen oder was auch immer -, dann gehen wir in die Falle der Verinnerlichung. Wir schauen dann bloß nur noch nach innen und verschließen vor allem Äußeren die Augen. Innen und Außen sind aber immer verbunden.

Wahrhaftiges Gebet führt meistens dazu, dass sich auch im Außen etwas ändert, denn es bringt uns in Kontakt mit unserer tiefsten Sehnsucht und ermutigt uns, weiter zu gehen. Vielleicht erzählt Jesus deshalb die Geschichte von der Witwe, die den Richter so lange nervt, bis er ihr recht gibt. Nicht, weil wir Gott nerven sollen mit Gebeten, bis er uns alle Wünsche erfüllt, sondern weil echtes Gebet uns die Kraft gibt, jenen auf die Nerven zu gehen, die die Dinge hier auf Erden lenken.

Revolutionäres Potenzial

Es ist nämlich interessant, dass die griechische Bibel genau hier im Psalm 46 dieses Wort scholadzo verwendet. Der Übersetzer des Psalms schafft dadurch eine direkte Verbindung zur Exodusgeschichte. Mose bittet dort den Pharao, das Volk Israel aus der Sklaverei zu entlassen, damit sie im Eremos, in der Wüste, ein Fest für Gott feiern können.

Der Pharao denkt natürlich gar nicht daran und wirft den Israeliten noch vor, sie wollten ja bloß faulenzen (scholadzousin). Statt sie ziehen zu lassen, erhöht er den Druck und bürdet ihnen noch mehr Arbeit auf frei nach dem Motto: »Erschwert man den Leuten die Arbeit, dann sind sie beschäftigt und kümmern sich nicht um leeres Geschwätz« (Ex 5,9).

Anders gesagt: Wer keine Zeit hat, die Seele baumeln zu lassen, der kommt auch nicht auf Gedanken und stellt den status quo in Frage. Interessanterweise leitet sich unser deutsches Wort Schule von dem gleichen griechischen Wort scholadzo ab. Das Bildungsideal des Humanismus und der Aufklärung sieht die Schule eben noch als einen Raum der Freiheit zur Entfaltung der Persönlichkeit und der Entwicklung zur Mündigkeit. Eine dementsprechende Gebetspraxis wäre ja – aus Sicht des Pharaos – geradezu »gefährlich«, denn sie könnte das Bewusstsein für Freiheit, Selbstbestimmung und Mündigkeit wecken und formen. In dieser Art von Gebet steckt ein revolutionäres Potenzial, das wirklich etwas ändert.

Sich verwurzeln im »eremos«

Noch etwas ist interessant: Die Israeliten gehen in die Wüste, Jesus zieht sich an wilde Orte zurück. Die Bibel erzählt in vielen Geschichten, dass sich Gott außerhalb der Komfortzone finden lässt. Die Wüste ist der Ort, wo die Freiheit ihren Ursprung hat. Das griechische Wort dafür ist eremos, was so viel heißt wie Wüste, Wildnis oder wilde Natur. Und nehmen wir das als Bild für die Seele: Gott erwartet uns dort, wo wir nicht die Kontrolle haben, wo Anarchie ist, das heißt wo niemand herrscht. Den inneren Eremos betreten wir immer, wenn wir die Kontrolle aufgeben und verlieren und uns ganz auf das einlassen, was gerade geschieht. Allezeit beten hieße folglich, sich in diesem eremos zu verwurzeln.

Eine kleine und ganz einfache Geschichte macht deutlich, worauf es ankommt: Sie handelt von einem Mönch, der sich gerade zum Gebet niedergelassen hatte, als es an der Tür klopft. Er zögert kurz, ob er aufsteht, bleibt aber sitzen. Es klopft wieder und der Mönch spürt, wie Wut in ihm aufsteigt wegen der Störung. Er bleibt sitzen in seinem Ärger. Als es zum dritten Mal klopft steht er empört auf, öffnet die Tür und ruft wütend: »Ich bin gerade im Gebet!«. Nehmen wir das Klopfen an der Tür in der Geschichte einmal als Symbol für all das, was in unserem Leben anklopft und uns herausholt aus unseren Plänen und Vorstellungen. Allezeit beten heißt, die eigenen Pläne durchkreuzen zu lassen.

Was tust du, wenn du nicht betest?

Der Osten repräsentiert im Lebensrad diese eremos-Qualität. Es ist der Ort der Spiritualität, der Ort des Geistes. Die indianische Tradition ordnet dem Osten den Coyote als Symboltier zu, den Chaos-Stifter, der alles durcheinander bringt. Das kann uns in der christlichen Tradition daran erinnern, dass der Heilige Geist auch nicht bloß Glückseligkeit versprüht, sondern uns immer neu herausfordert, ja geradezu »anfeuert«. Das Symbol des Geistes sind im Neuen Testament nicht ohne Grund die Feuerzungen.

Wenn das Lebensrad im Fluss ist, sind alle Qualitäten gleichermaßen präsent. Auch der Osten. Wenn Jesus also aufruft, »allezeit« zu beten, verstehe ich das als Einladung, jederzeit bereit zu sein für Überraschungen – und genau diese Aufmerksamkeit üben wir, wenn wir z.B. meditieren oder ein mantrisches Gebet praktizieren wie das Herzensgebet.

Der Osten erinnert uns daran, dass Gott sich nicht in unserer – meist selbstgeschaffenen – Komfortzone finden lässt, sondern eben in der Wildnis. Manchmal ist es gut, eine Zeit in der äußeren Wildnis zu verbringen, um Zugang zu unserer inneren Wildnis zu finden und uns mit unserem tiefen inneren Wissen zu verbinden, wo die Einfälle herkommen. Deshalb gehen wir in der Lebensschule hinaus in die Natur, auf Visionssuche.

Gebet ist dabei keine Technik, sondern mehr eine Haltung des Bereitseins und des Achtgebens. Die Frage, die Jesus uns mit seiner Aufforderung zum Gebet ohne Unterlass im Grunde stellt, ist die folgende: Was tust du, wenn du nicht betest?

Kontrolle aufgeben

Ich möchte ein ganz banales Beispiel aus der und für die Praxis nennen. Ich arbeite seit fast zwanzig Jahren beim Fernsehen. Das ist ein sehr aufwändiges Medium. 80% der Arbeit besteht aus Organisation, denn für’s Fernsehen müssen alle Beteiligten zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und dann möglichst das sagen oder tun, was später genau an dieser Stelle in den Beitrag passt, der ja nur einen Bruchteil von dem zeigt, was mit der Kamera aufgenommen wurde.

Anfangs habe ich fast krampfhaft versucht, das komplett zu kontrollieren. Das war Stress. Ich habe jeden Schritt geplant und fast nichts dem Zufall überlassen, aber schnell festgestellt, dass das zu sehr hölzernen Beiträgen führt, die irgendwie gestellt wirken. Um aber einen »echten Moment« mit der Kamera einfangen zu können, braucht es eine bestimmte Art von Gelassenheit und die Bereitschaft, einen Plan zu ändern oder aufzugeben. Ich stoße eine Situation an, aber dann lasse ich sie laufen und lasse mich überraschen. Manchmal weiß ich noch nicht, wo und wie das am Ende passt, aber wenn wir dann die Szenen montieren, ergeben sich plötzlich völlig neue Perspektiven, an die ich vorher noch gar nicht gedacht hatte. Die Haltung dahinter ist für mich eine »betende«: Es ist das tiefe Vertrauen auf eine Kraft, die präsent ist und das Leben webt. Ich sage: Es ist Vertrauen auf Gott.

Das Neue sprengt immer den Rahmen

Das Fernsehbeispiel zeigt, dass Kreativität nicht bedeutet, alles einfach laufen zu lassen. Es braucht immer einen festen Rahmen, von dem ausgegangen wird. Aber die Einfälle können erst kommen, wenn wir bereit sind, den Rahmen zu verlassen. Das Neue sprengt immer den Rahmen. Sich überraschen lassen kann – je nach Persönlichkeit und Vorerfahrung – sehr viel Angst machen. In jedem Fall muss ich etwas loslassen.

So ist es auch in Konflikten. Oft bewegen wir uns nur auf der Ebene der Diskussion. Diskussion heißt wörtlich übersetzt »Zerschlagung« und ich erinnere mich an Gespräche, die nichts, aber auch gar nichts bewegt haben, sondern mich (und wahrscheinlich auch das Gegenüber) zerschlagen zurückgelassen haben, weil ich mit noch so vielen Worten den anderen nicht von meiner Position überzeugen konnte.

Seit ich das Lebensrad kenne, weiß ich, dass nur dann etwas entstehen kann, wenn ich meine Position verlasse und bereit bin, ein Stück weit mit den Augen des anderen zu sehen. Richtig gut wird es, wenn beide Seiten dazu in der Lage sind. Dann entsteht aus Position A und B plötzlich C und erfahrungsgemäß ist dieses Dritte meist das wirklich Neue, vielleicht noch nie Dagewesene.

Wer hat dich beten gelehrt?

Wann und wie betest du?

Wo bist du als Betende/r gefragt?

»Allezeit beten und darin nicht nachlassen.«
Lukas 18,1
29. Sonntag im Jahreskreis C

7 Kommentare

  1. i.schäfer

    Lieber Jan, da sage ich mal einfach wieder DANKE (und schreibe es diesmal auch).
    Liebe Grüße / Pace & Bene / Sei

    Antworten
  2. Adrian Späth

    Echt stark und herausfordernd! DANKE! Liebe Grüße Adrian

    Antworten
  3. Anja Sigmund

    Lieber Jan,
    was für ein großartiger Text !
    Mich hat die Angst beten gelehrt !
    Ich war in Lebensgefahr.
    Schon das zweite Mal in meinem Leben.
    Das erste Mal als verunfalltes Kind, mit schweren Kopfverletzungen monatelang im Koma liegend und dann vierzig Jahre später durch eine schwere Krankheit in die Knie gezwungen.
    Meine Angst hat mich beten lassen!
    Ich habe inbrünstig gebetet und heulend in einer ostfriesischen Kirche gesessen.
    Dabei habe ich eine zarte Hand auf meiner rechten Schulter gespürt, so zart wie Schmetterlingsflügel und so unsichtbar wie ein Engel.
    Das hatte ich tatsächlich nur dieses eine Mal gespürt und seither nicht mehr, aber ich weiß jetzt, dass mich das Beten durch die Stürme des Lebens trägt.
    Und ich habe ja auch alles überstanden.
    Ich bin still und erkenne, dass GOTT da ist.
    Und manchmal genieße ich dann dieses Erkennen an einem heiligen Ort wie ein Kloster und im guten Zuspruch eines weisen Mannes.
    Du weißt, wen ich meine 😉
    Herzliche Grüße
    Anja

    Antworten
  4. Mirjam

    “Allzeit beten heißt, die eigenen Pläne durchkreuzen zu lassen.”
    Dieses Zitat aus deinem Text hab ich gerade auf Papier geschrieben, dass ich es mir jeden Tag anschauen kann. Danke dafür.
    Ich habe vier Kinder. In letzter Zeit wurden viele meiner eigenen Pläne durch Unvorhergesehene Ereignisse und Krankheitstage der Kinder durchkreuzt. Da werde ich so schnell ärgerlich und merke aber, wie mir diese Haltung nicht weiter hilft. Danke für die tolle Erklärung der Gebetshaltung. Ich werde üben und bekomme vermutlich durch die Kinder jeden Tag wieder Gelegenheit dazu.
    Viele Grüße, Mirjam

    Antworten
  5. Petra

    DANKE für diesen Mut machenden Text und die Frage nach meinem Gebet. Ich habe mich gefragt: was tue ich, wenn ich nicht vertraue(n kann), wenn ich nicht kapituliere(n kann), wenn ich nicht loslasse(n kann), wenn ich Angst habe, die Verbindung zu verlieren, wenn ich in der Stille nichts mehr höre, wenn ich nicht achtsam genug bin, wenn ich nicht ins HIER und JETZT komme, wenn ich getrieben bin oder wenn ich feststecke – wenn ich nicht im SEIN bin und doch SEIN will – SEIN sein will, EINS sein will ???

    “Sei !!! Sei !!! Sei !!! Sei wachsam !!! Sei bereit !!!
    Sei du der Weg – sei du das Licht – sei du das Gebet – sei du dabei einfach nur du !!!
    SEI! Tu das dir Mögliche!”

    Ich will auf dem Weg bleiben, täglich üben und lernen mehr zu verstehen, das Herzensohr öffnen, nicht im Lebensrad stecken bleiben :-), weiter gehen.
    Immer weiter gehen …. bedingungslos offen bleiben, bereit bleiben, wach bleiben. BETEN – DANKEN – BETEN – HANDELN wo möglich. SEIN.
    DANKE Jan! Danke allen Wegbegleitern. Danke allen Lebensbegleitern.

    Antworten
  6. Doris

    Danke Petra ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Der Text und deun Kommentar spricht mir aus und ins Herz. Danke dir dafür und danke Jan aufs Herzlichste.
    Dankbare Grüße Doris

    Antworten
  7. ts

    Lieber Jan, danke für diese Hinführung. Als immerwährendes Gebet, als tiefste Form der Meditation und der Anbetung des Schöpfers, entdecke ich immer mehr meinen eigenen Atem. Seit ich die Gedanken von Richard Rohr zum Gottesnamen in unserem Atemgeräusch kennengelernt hab, find da immer tiefer hinein.

    Thx. Und liebe Grüße

    ts

    Antworten

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