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Eine Lieblingsbeschäftigung des heiligen Franz von Assisi war die Renovierung von baufälligen Kirchen. Er hatte geradezu ein Faible für alles Unperfekte, Verlassene und am Boden Liegende. Er sah darin nicht bloß Scheitern. Er sah die Möglichkeiten. Er war ein Visionär.

Einer dieser von Franziskus renovierten Orte ist die Romita. Eine alte franziskanische Einsiedelei südlich von Assisi. Wunderschön gelegen auf einem Berg, umgeben von wildem Wald, schroffen Felsen und geheimnisvollen Grotten. Vor einigen Tagen war ich dort. Ein magischer Ort. Ein heiliger Ort.

Um diesen Ort zu begreifen, muss man wissen: Die Romita hat die franziskanische »Renovierung« praktisch zweimal erlebt. Einmal 1213. Da baute Franziskus die kleine, verfallene Kapelle auf. Mehr als 600 Jahre lebten dort später durchgehend Franziskaner. 1861 wurde die Romita dann wie viele andere Klöster und Kirchen vom italienischen Staat aufgelöst, die Brüder verließen den Berg. Bis einer – Jahrzehnte später – in alten Quellen auf eine Beschreibung des Ortes stieß und sich auf die Suche machte.

Sein Name ist Bernardino. Damals lebte er als Franziskaner in und um Assisi. 1991 brach er auf, die alte Einsiedelei zu finden. Er stieg den Berg hoch, ohne zu wissen, was ihn erwarten würde. Ohne zu wissen, ob er überhaupt am richtigen Platz suchte. Als er schließlich auf Ruinen stieß, hatte er die Romita völlig verfallen und unbewohnbar wiedergefunden.

Fra Bernardino erzählt, er habe an jenem Tag eine Vision gehabt: Er sah die Kirche, die kleine Kapelle, den Kreuzgang und die Gebäude vor seinem inneren Auge, genau so wie sie heute – 28 Jahre später – dastehen mitten im Wald.

Die Vision rief zu einer Entscheidung: »Ich hatte die Wahl zwischen Sicherheit und Gewissheit«, sagt Bernardino. Sicher wäre es gewesen, im Kloster zu bleiben und die Ruinen auf dem Berg sich selbst zu überlassen. Er konnte schließlich damals nicht wissen, ob seine Vision sich auch verwirklichen lassen würde. Aber Fra Bernardino folgte der Gewissheit.

Die Bibel ist voll von solchen Geschichten: Wenn das Volk Israel auf Sicherheit gesetzt hätte, dann wäre es nie aus Ägypten fortgezogen, um der Vision von einem »Land, in dem Milch und Honig fließen« (Dtn 26,9) nachzugehen. Und auch Jesus ruft ganz in diesem Geiste immer wieder dazu auf, die Komfortzone zu verlassen (abgesehen davon, dass er es selbst immer wieder tut).

Einer Vision zu folgen ist kein Zuckerschlecken. Ebenso wenig wie eine Geburt ein Spaziergang ist. Wenn etwas Neues in die Welt kommen will, dann ist das mit Anstrengung, Zweifeln und eben Unsicherheit verbunden. Unsere Gewissheit wird mehr als einmal auf die Probe gestellt. Genau davon erzählt das Evangelium von den 40 Tagen in der Wüste und nennt drei Versuchungen, die da auftauchen: Die Versuchung des Reichtums, der Macht und der Religion.

Die erste Versuchung – die des Reichtums – gaukelt uns vor, wir könnten Sicherheit erlangen, indem wir »aus Steinen Brot machen«. Aber »der Mensch lebt nicht nur von Brot« (Lk 4,4), sagt Jesus. Den tiefen, existenziellen Hunger nach Liebe, Anerkennung, Gemeinschaft und Lebendigkeit kann kein materieller Reichtum dieser Welt stillen.

Die zweite Versuchung – die der Herrschaft – gaukelt uns vor, wir könnten Sicherheit erlangen, indem wir Macht über etwas oder jemanden gewinnen. Dafür müssen wir nicht erst die Weltherrschaft anstreben (Lk 4,6), es genügt, irgendetwas in der Welt vollständig kontrollieren zu wollen. Hier entspringt jegliches Recht-haben-Wollen oder Es-geht-nur-so-Denken. Gott »allein dienen« (Lk 4,8) heißt dagegen, sich vertrauensvoll auf unsicheres Terrain zu wagen.

Die dritte Versuchung überrascht am meisten. Sie erinnert uns daran, dass paradoxerweise Religion der einfachste Weg sein kann, uns vor Gott zu verstecken, indem wir ihn zu kontrollieren versuchen durch Regeln oder Bedingungen. »Gott nicht auf die Probe stellen« (Lk 4,12) heißt: Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel, sonst wäre es keine Gewissheit, sondern eben Sicherheit.

Die Romita erscheint als idealer Platz, um »in die Wüste« zu gehen und die eigenen Gewissheiten zu überprüfen. Das Leben dort ist sehr einfach (es gibt kein fließendes Wasser und Strom nur aus Solarzellen auf dem Dach) und diese franziskanische Einfachheit will immer den Blick auf das Wesentliche freilegen. Die Romita ist zudem ein herrschaftsfreier Raum, in dem niemand über einem anderen steht, so dass die je eigene Wahrheit leuchten kann. Und die Romita ist deshalb auch offen für alle Menschen auf dem Lebensweg, egal welcher Nation, welcher Konfession, welchen Geschlechts oder welcher Hautfarbe.

Das alles sind gute Gründe, warum wir im kommenden Jahr auf der Romita eine Visionssuche anbieten wollen. Für alle, die innere Gewissheit suchen. In allem Unperfekten, Verlassenen und am Boden liegenden und in allen Ressourcen, Schätzen und Möglichkeiten, die wir ebenso mitbringen. Wo ist jetzt mein Platz? Was ist meine Gabe für die Welt? Wer bin ich und was kann ich beitragen zum Ganzen?

»40 Tage in der Wüste«
Lukas 4,1
Erster Fastensonntag C

4 Kommentare

  1. Doris

    Danke für die Worte” …. eine Geburt ist kein Spaziergang. Wenn etwas Neues in die Welt kommen will, dann ist das mit Anstrengung, Zweifeln und eben Unsicherheit verbunden.”

    Wir werden auf die Probe gestellt. Mein Vertrauen , mein Glauben wird auf die Probe gestellt. Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel….. und doch drängt sich immer mal wieder der Wunsch nach Sicherheit in den Vordergrund.
    Gerade heute Nacht bin ich sehr dankbar für diesen Beitrag. Es darf sein was in mir an Zweifeln und Unsicherheit, ich darf mich Gott hinhalten damit.
    Es gibt mir gerade die nötige Ruhe in dieser Nacht der vielen Gedanken…..

    Antworten
  2. Christoph J Kluck

    Zur Romita: Was man wissen sollte: Es geht da entweder bergauf oder bergab.

    Das Ganze ist schon ein zauberhafter Ort. Ich war mit meiner Frau dort 2012, als sie noch selber gehen konnte. Es ist aber auch ein sehr einfacher Ort und viele Pilgergruppen kommen und gehen.

    Fra Bernadino Grecco hat vor der Romita die Begegnugsstätte/Hof San Masseo vor den Toren von Assisi geleitet. Das ganze war eine Möglichkeit für Jugendliche franziskanisches Leben kennenzulernen. Auch das war ein zauberhafter Ort, wenn auch nicht so “verborgen” wie die Romita.

    Man kann zur Romita immer wiederkommen und Fra Bernadino freut sich immer, wenn man länger bleibt und mitarbeitet. Er ist inzwischen auch älter. Sein Oredn wollte 2012 unbedingt, das er zurückkommt. Er wollte nicht. Es hätte bedeutet, dass er sein Lebenswerk und Traum aufgibt, so als hätte das alles Nichts bedeutet. Mein wissensstand ist, das sein Orden das nicht verstzanden hat und ihn rausgeworfen hat. Verweigerung von Gehorsam. Damit hat er auch ein Altersversorgungsproblem.

    Das sind jetzt keine spirituellen Gedanken. aber ich wollte, einfach sagen, dass es sich lohnt, das Projekt zu unterstützen indem man am besten länger bleibt und mitarbeitet. Man darf nur kein geflegtes Anwesen erwarten. Ein einfaches Anwesen, eine weltoffene, gastfreundliche Eremitage, geleitet von einem unabhängigen Geist.

    Christoph J Kluck

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Lieber Christoph,
      die Romita liegt wie auf einer großen Treppenstufe am Berg und es gibt viele schöne Plätze auf dem Gelände rund um die Gebäude.

      Die Visionssuche wird sicher nicht in den italienischen Sommerferien stattfinden, also entweder bis Mitte Juni oder wieder ab Mitte September. Den Termin müssen wir noch sehr genau prüfen, wobei die Pilger und Besucher das geringere Problem sind. Wichtiger ist im Moment die Abstimmung mit den Jägern und ihren Zeiten.

      Fra Bernadino ist von der Idee, dort Visionssuche zu machen begeistert und wir würden es auch nicht tun, wenn er nicht sein Einverständnis gäbe. Glücklicherweise ist es sogar sein ausdrücklicher Wunsch, dass sich der Ort für diese Arbeit öffnet. Gerade weil die Romita im Großen und Ganzen jetzt auch “fertig” ist, gehen die Überlegungen in die Richtung, wofür denn der Ort dienen könnte. Deshalb werden wir das probieren.

      Und so betrachtet ist die Romita im Moment der einzige franziskanische Ort, an dem eine Visionssuche möglich ist, weil die Franziskaner in Italien ansonsten – jedenfalls nach meiner Kenntnis – andere Interessen haben, als in die Natur zu gehen und sich dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes auszusetzen wie es Franziskus tat, so paradox das erscheinen mag.

      Und so betrachten wir unser Projekt auch als eine Unterstützung für den Ort und die mit ihm verbundene Spiritualität.

      Antworten
  3. Christoph J Kluck

    weil ichs eben vergessen habe:

    Auf die la Romita kann man seine Hunde mitnehmen….

    Christoph

    Antworten

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