Zu den Ereignissen, die einen Menschen aus der Bahn werfen, gehört das Sterben des eigenen Kindes. Da gibt es keinen Trost. Und alle Vernunft und jeder Pragmatismus kommen hier ans Ende. Es gibt nur noch Abgrund, Trauer, Leere. So muss es dem Mann im Evangelium gegangen sein, der in Jesus die letzte Hoffnung für seine Tochter sah. Aber Jesus kommt zu spät. Das Mädchen ist tot.

Jeder kann die Tragweite dieses Dramas mitfühlen. Wenn ein Kind stirbt, dann stirbt immer auch ein Stück Zukunft. Wenn ein Kind stirbt, dann stehen wir vor der kalten Tatsache ungelebten Lebens. Und das geht nicht! Das schreit nach Protest! Leben will immer gelebt werden, will sich entfalten dürfen. Ungelebtes Leben frisst die Hoffnung auf, dass das Leben überhaupt Sinn macht.

Das gilt innen wie außen. Auch wenn unser „inneres Kind“ stirbt, stehen wir vor dem Abgrund. Wir lernen zwar, die Leere zu überleben. Aber die Trennung schmerzt. Wir können den Schmerz betäuben, aber das tröstet nicht. Er kehrt immer wieder, meist in herausfordernden Situationen, die wir als Erwachsene erleben.

Die Vorstellung vom „inneren Kind“, wie sie John Bradshaw entwickelt hat, ist eine plausible Erklärung, warum Kleinigkeiten einen ausgewachsenen Menschen in Aufregung, Panik oder Erstarrung versetzen können. Der Grund liegt meist in der Vergangenheit. Wir erleben als Erwachsene den alten Schmerz des Kindes neu. Das ist normal. Schlimm wird es, wenn wir das nicht bemerken und die Gegenwart mit der Vergangenheit verwechseln.

Die Frohe Botschaft lautet: “Das Kind ist nicht tot. Es schläft nur” (Markus 5,39). Wenn uns das bewusst wird, können wir uns dem Kind zuwenden, ihm Aufmerksamkeit, Trost, Raum geben. Wir müssen dann genau das nicht mehr von anderen erwarten. Und so betrachtet, dürfte es dann nur noch recht wenig sein, was einen reifen erwachsenen Menschen aus der Bahn wirft oder wahlweise auf die Palme bringt.

Vielleicht waren Jesus deshalb die Kinder so wichtig, „denn solchen wie ihnen gehört das Himmelreich“, sagt er (Markus 10,14; Lukas 18,16; Matthäus 19,14). Die Beschäftigung mit dem inneren Kind ist Arbeit. Spirituelle Arbeit, wenn man so will. Sie ist eine Herausforderung (besonders vielleicht für Männer). Sie steht am Anfang jeder echten Umkehr, Metanoia, möchte ich behaupten: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1,15) und „Das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Lukas 17,21).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht bei dieser Arbeit nicht um eine reine Verinnerlichung. Es geht nicht um eine Abwendung von der Wirklichkeit der Welt. Im Gegenteil. Nur wer innerlich klar ist, kreist nicht mehr pausenlos um sich selbst und seine Minderwertigkeits- oder Allmachtsvorstellungen, die beide Ausdruck der eigenen (kindlichen) Bedürftigkeit sind. Nur wer innerlich klar ist, kann sich den äußeren Dingen wirklich zuwenden und im wahrsten Sinne des Wortes „sachlich” bleiben. Und das heißt gerade nicht, alles hinzunehmen, sondern im rechten Moment als “Kind Gottes” aufzu(er)stehen. Für das Leben.

»Das Kind ist nicht gestorben. Es schläft nur.«
Markus 5,39
13. Sonntag im Jahreskreis B

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