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Es ist bekannt, dass Franz von Assisi Reichtum ablehnte und Geld sogar als »Kot« bezeichnet. Allerdings heißt das nicht, dass er alles Weltliche ablehnte. Im Gegenteil. In allem sah er Gottes Werk und somit auch die geschwisterliche Verbindung aller Dinge und Lebewesen.

Das Abenteuer der franziskanischen und so betrachtet überhaupt der christlichen Spiritualität ist damit nichts weniger, als das Heilige in der Welt zu suchen. »Wiederzufinden« müsste man sagen. Denn zweifellos ist der Blick für das Heilige verlorengegangen. Es gibt eine Außen- und eine Innenseite des Ganzen, aber die westliche Kultur legt den Fokus gänzlich auf die Außenseite.

Aus allem Mess- und Wägbaren machen wir Gegenstände. Mit arbeitsteiligen Techniken und Routinen bringen wir die sichtbare Welt scheinbar unter unsere Kontrolle. Das hat uns weitgehend furchtlos gemacht, aber mit der Furcht geht auch die Ehrfurcht verloren. Alles wird verdinglicht, objektiviert und ökonomisiert. Dinge werden zu Eigentum. Menschen werden zu Konsumenten. Nicht, wer wir sind und was gut ist für uns, sondern was wir haben und was wir noch haben könnten steht im Mittelpunkt.

Diese Art, in der Welt zu sein, zeigt sich sogar sprachlich, wenn wir zum Beispiel sagen, dass wir einen Körper »haben«. Oder wir »haben« eine Krankheit, als wenn es sich um einen Gegenstand handelte, den man besitzen und so auch wieder loswerden könnte. Vieles deutet darauf hin, dass sich »das Wort ›haben‹ im Zusammenhang mit der Entstehung des Privateigentums entwickelt, während es nicht in Gesellschaften mit funktionalem Eigentum, das heißt Eigentum für den Gebrauch vorkommt«, sagt Erich Fromm in seiner Untersuchung über »Haben oder Sein«.

Die Haltung des Habens wirkt über das rein Materielle hinaus. Wenn Wissen nur noch angesammelt wird, schwindet das, was man Weisheit nennt. Religion wird dogmatistisch, wenn Glauben nur noch bedeutet, im Besitz einer Wahrheit zu sein. Das spaltet die Welt in meins-deins, richtig-falsch usw. Das eine Ganze im Einklang zu erfahren, erfordert eine radikale Haltungsänderung vom “Habenmenschen” zum “Seinmenschen”. So würde es Erich Fromm formulieren.

Um nichts anderes geht es in diesem Evangelium: Da ist einer, der treibt Dämonen aus im Namen Jesu, aber er gehört nicht offiziell zur Gruppe der Jünger. Darf er das? Nein, sagen die Jünger und versuchen ihn sogar zu hindern. Im Grunde ökonomisieren sie damit das Wirken Jesu. Nicht mehr die Heilung ist im Fokus, sondern die Zugehörigkeit zur Gruppe und die »Lizenz«, die die Jünger für sich beanspruchen wollen. Jesus erwidert konsequent in der Haltung eines Seinmenschen: »Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns« (Mk 9,40). Er schiebt damit jedem exklusiven Besitzanspruch der Jüngerschaft und jeder Spaltung einen Riegel vor. Die Perspektive Jesu ist global und universell: Nicht WER heilt, ist wichtig, sondern DASS wahrhaft Heilung geschieht.

Ebenso gilt umgekehrt: »Wer euch auch nur einen Becher zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.« (Mk 9,41). In dieser einfachen menschlichen Geste sieht Jesus offenbar das Reich Gottes gegenwärtig – jenseits aller Fragen der Zugehörigkeit oder »Lizenzen«. Und: Heiligkeit wird damit zur reinen Menschlichkeit. »Zu Christus gehören« bedeutet, einfach menschlich und damit ganz Mensch zu sein, nicht mehr und nicht weniger. Und diese Menschlichkeit können wir nicht erwerben oder aufspalten, wir können sie nur ganz entfalten – oder gar nicht.

Niemand kann das Heilige für sich pachten. Es ist nicht käuflich. Und auch nicht kontrollierbar. Man kann es nicht besitzen. Und hier liegt die Versuchung zum Bösen, vor der Jesus dann in sehr drastischen Worten warnt (Mk 9,42-48): Wenn wir glauben, allein die rechte Einsicht zu haben, dann sollen wir uns dieses Ego-Auge lieber herausreißen, damit wir neu Sehen lernen können. Und wenn wir glauben, allein den richtigen Standpunkt zu haben, dann sollen wir diesen Ego-Fuß abhacken, damit wir die Erfahrung machen können, von Gott getragen zu sein. Und wenn wir glauben, allein die Wahrheit in der Hand zu haben, sollen wir lieber die Ego-Hand abhacken, damit Gott uns wieder führen kann.

Das ist die Armut Jesu und die Armut, die Franz von Assisi suchte. Sie hat mehr mit Nichtwissen als mit Wissen zu tun. Und nicht umsonst spricht Jesus von »den Kleinen« (Mk 9,42), die mit Christus in Verbindung sind. Nur wer nichts besitzt, dem kann alles geschenkt werden. Jeglicher Reichtum aber, alles, was wir nur »haben« und nicht »sind«, wird verfaulen und verrosten (Jak 5,2-3).

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018 (überall im Buchhandel oder hier).

»Euer Gold und Silber verrostet …«
Jakobus 5,3
26. Sonntag im Jahreskreis B

1 Kommentar

  1. Doris Creutz

    Doris
    Neu sehen lernen, von Gott getragen sein und mich führen lassen, das sind die entscheidenden Worte für mich in der vor mir liegenden Zeit in der Arbeit mit Kindern in der Kita und mit meinen Teamkollegen. Aber auch für mich ganz wichtig als Person und Mensch in diesem Universum, in dem ich mich sehr schnell von solchen Leitsätzen wegbringen lasse. Überall wo ich wirke , da bin ich als ganzer Mensch und wenn ich immer mal wieder inne halte und diesen Sätzen folge, dann kann ich Gnde erfahren und daraus gnädig sein.
    Es tut mir gut diesen Texten nachzuspüren. Danke !!!

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