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Das Lebensrad, mit dem wir in unseren Angeboten arbeiten, ist keine katholische Erfindung. Es basiert auf dem Rad der School of Lost Borders, das Steven Foster und Meredith Little wiederum von amerikanischen Ureinwohnern übernommen haben. Es gibt zahlreiche solche Radmodelle und das Lebensrad ist auch keine religiöse Lehre, sondern ein spirituelles Werkzeug. Was ist der Unterschied?

Religion und Spiritualität unterscheiden

Eine Ursache für die Krise, in der sich das Christentum in Europa und im Grunde in der ganzen westlichen Welt befindet, liegt in der Verwechslung von Religion und Spiritualität. Ich möchte das mit einem Bild erklären: Wenn wir Menschen ein Fisch im Wasser sind, dann ist Spiritualität wie ein Ozean und Religion wie ein Goldfischglas.

Viele Jahre meines Lebens habe auch ich damit zugebracht, über das Goldfischglas nachzudenken. Wie es beschaffen ist. Welche Form es hat. Wer darin Platz hat. Und wer nicht. Und so weiter. Bis ich einsah: Es geht gar nicht um das Glas! Es geht darum, im Wasser zu schwimmen! Das Goldfischglas ist, wenn man so will, die Kinderstube, in der wir das Schwimmen lernen können. Aber jeder Fisch trägt in sich die Sehnsucht, die unendlichen Weiten des Ozeans auch zu erfahren.

Wir können diese Sehnsucht nach dem Ozean ignorieren, rationalisieren, sublimieren – aber wir werden sie nicht los, solange sie nicht gestillt ist. Viele Probleme gründen in dieser Sehnsucht und in der Verhältnisbestimmung von Religion und Spiritualität. So sagte der berühmte Tiefenpsychologe C.G. Jung: »Jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht.«

Religion ist kein Selbstzweck

Die Weiten des Ozeans können auch bedrohlich wirken. Manche ziehen daher das sichere Goldfischglas der Wildnis des Ozeans vor. Manche richten sich gemütlich bis hin zur Selbstherrlichkeit ein in ihrem Gläschen, andere arbeiten sich ab an der Enge des Glases, wagen aber auch nicht, es zu verlassen. In beiden Fällen wird das Glas zum Selbstzweck: Den einen dient es als Sicherheitszone, die anderen machen es dafür verantwortlich, dass sie in ihrem Leben eine solche Enge erfahren.

Wenn Religion Selbstzweck (oder Sündenbock) wird und nur noch um sich selbst kreist, dient sie nicht mehr dem Leben, sondern verkümmert zu einem Ersatz für das nicht mehr erfahrene Wesentliche. Wir verehren dann vielleicht bestimmte liturgische Formen oder Kirchengesetze oder Glaubensformeln (oder lehnen all das gänzlich ab). Aber das hilft in Wahrheit nicht zum Leben und wenn es ganz schlecht läuft, hindert es uns sogar daran.

Wir können uns selbstverständlich an der Religion erfreuen wie an einem schönen Goldfischglas. In der Wüste kann so ein Glas ja auch hilfreich sein, weil es uns eine Zeit lang vor dem Vertrocknen bewahrt – wie uns Religion über spirituelle Durststrecken retten kann. Aber es würde keinen Sinn machen, nur das Glas zu betrachten, ohne je in Freiheit zu schwimmen, oder gar darüber zu streiten, wer das schönere oder bessere Aquarium besitzt. Und im Ozean braucht es de facto kein Goldfischglas.

Orientierung in Wandlungsprozessen

Ich möchte behaupten, dass wir eine gesunde Spiritualität (und damit auch gesunde Religion) daran erkennen, dass sie uns Wandlung lehrt – Transformation. Dass sie uns initiiert in die Wandlungsprozesse des Lebens und darin Orientierung gibt. Das bedeutet, das Goldfischglas zu verlassen und im Ozean zu schwimmen.

In jeder guten Geschichte brechen Heldinnen und Helden auf. In der Bibel z.B. verlassen daher ständig Menschen die Komfortzone. Adam und Eva das Paradies. Abraham seine Heimat. Das Volk Israel Ägypten. Verstecken hilft nix, wie uns der Prophet Jona lehrt. Jesus bricht ins gefährliche Jerusalem auf, wo das Kreuz auf ihn wartet – und die Auferstehung. Seine Jünger gehen in die Mission. Die Apostel verlassen ihre jüdische Tradition und brechen auf in die heidnische Welt, was nicht ohne Konflikte ging, woran wiederum die heutige Lesung erinnert (Apg 15,1-29).

Religion ohne Spiritualität wird dogmatistisch. Spirituelle Werkzeuge wie das Lebensrad lehren uns aber weniger, »was« wir sehen sollen, sondern mehr »wie« wir sehen, um es mit Richard Rohr zu formulieren. Das ist die Art von Lehre, die Jesus seinen Jüngern ankündigt, wenn er sagt: »Der Heilige Geist wird euch alles lehren …« (Joh 14,26). Und das Wort Spiritualität wurzelt ja im spiritus, dem Geist.

Das Rad als Ursymbol der Wandlung

Das Rad hat also heidnische Wurzeln. Na und? Es hilft uns in Auszeiten und Visionssuchen und kann als universales spirituelles Werkzeug und Spiegelbild der Schöpfung natürlich auch christlich betrachtet werden. Ich nenne gerne zwei Beispiele für christliche Vorstellungen vom Lebensrad: Zum einen die kosmologischen Visionen Hildegards, wie z.B. das Bild oben, das die Qualitäten des Jahreskreises darstellt. Und den Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi, bei dem die Himmelskörper (Sonne, Mond, Sterne) die großen Kreisläufe symbolisieren und dann die vier Elemente die Schöpfung stellvertretend darstellen.

So weht uns Bruder Wind, der eben wie der Heilige Geist »weht wo er will«, in den Sommer und damit in den Süden des Lebensrades. Wir sind hineingeworfen in unsere Existenz. Wir sind lebendige, fühlende Körper. Schwester Wasser, die Durstlöscherin, symbolisiert den allem innewohnenden Lebenshunger. Sie lässt uns schließlich aufbrechen ins Abenteuer des Herbstes, ins Innere aller Dinge, wo wir erforschen, wer wir sind und welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen: Wie und wohin kann ich meiner Sehnsucht folgen und ein Beitrag zum Gesamt des Lebens werden? Bruder Feuer erhellt uns die Dunkelheit dieses Weges und begleitet uns durch den Winter. Wir schenken unsere Lebenskraft zurück an Mutter Erde, die uns hervorgebracht hat. Und erreichen die Schwelle eines Frühling, an der wir niemals wissen, welchen Anfang dieses Ende bedeuten kann.

Nicht das Lebensrad, oder die Prozesse und Kreisläufe, die es darstellt, sind »christlich«, sondern in diesen Prozessen und Kreisläufen erkennen Christen den »Erstgeborenen der ganzen Schöpfung« (Kol 1,15).

Wo fühlst du dich religiös zugehörig?
Wo erfährst du deine Religion oder religiöse Tradition als hilfreich zum Leben? Wo nicht?

»Der Heilige Geist wird euch alles lehren …«
Johannes 14,26
6. Sonntag der Osterzeit C

6 Kommentare

  1. Martina

    Lieber Jan, das ist ein toller Text mit einer befreienden und ganzheitlichen Erkenntnis. Gefällt mir! Vielen Dank.
    In Vorfreude auf das, was noch kommt,
    Martina

    Antworten
  2. Doris

    Danke für die bildhafte Darstellung. Mir hilft es sehr gut , um zu verdeutlichen was gemeint ist. Das Goldfischglas und der Ozean gingen jetzt mit mir beim Laufen durch die Natur in der wunderbaren Morgenstille. Soweit erst mal. Es ist eine Menge in diesem Text verborgen. Ich spüre für mich den Wunsch hier eine Weile intensiv mit zu gehen. Dann wird auch der Transfer in mein Leben gelingen.
    Ich danke dir Jan für diesen Impuls, wie immer in Wort und Bild mich berührend, führend und wachrüttelnd.
    Doris

    Antworten
  3. Walter Wagner

    Lieber Jan,
    danke für Deine Gedanken. Sie haben mich sehr angesprochen und berührt.
    Meine Frau und ich haben das Goldfischglas verlassen und bewegen uns nun im Ozean. Aus der Enge in die Weite.

    Liebe Grüße
    Walter

    Antworten

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