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»Die Erde ist voll von der Huld des Herrn. Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen« heißt es in Psalm 33, der Eröffnungsvers 4. Sonntag nach Ostern. Unsere Tradition erinnert uns beständig daran, dass die Schöpfung unsere »erste Bibel« ist, dass also »die gesamte Natur Gott nicht nur kundtut, sondern auch Ort seiner Gegenwart ist« (LS 88)*:

»Das ganze materielle Universum ist ein Ausdruck der Liebe Gottes, seiner grenzenlosen Zärtlichkeit uns gegenüber. Der Erdboden, das Wasser, die Berge – alles ist eine Liebkosung Gottes. … Gott hat ein kostbares Buch geschrieben, dessen ›Buchstaben von der Vielzahl, der im Universum vertretenen Geschöpfe gebildet werden‹ (JP II) … Diese Betrachtung der Schöpfung erlaubt uns, durch jedes Ding irgendeine Lehre zu entdecken, die Gott uns übermitteln möchte … ›Neben der eigentlichen, in der heiligen Schrift enthaltenen Offenbarung tut sich Gott auch im Strahlen der Sonne und im Anbruch der Nacht kund‹. Wenn der Mensch auf dieses Sich-Kundtun achtet, lernt er, in der Beziehung zu den anderen Geschöpfen, sich selbst zu erkennen.«
Papst Franziskus (LS 84-85)*

Im westlichen Christentum und in der westlichen Kultur freilich ist diese Schöpfungsspiritualität verloren gegangen oder zumindest stark in den Hintergrund getreten. Und es erstaunt nicht, dass erst ein lateinamerikanischer Papst kommen musste, um uns Europäer wach zu rütteln.

Die »erste Bibel« lesen

Das Lebensrad hilft uns dabei, die erste Bibel zu lesen oder – wie es Papst Franziskus ausdrückt – das »Sich-Kundtun« Gottes in der Schöpfung zu verstehen. Es geht dabei von zwei fundamentalen Symbolen aus, die die Dynamik des Lebens versinnbildlichen: Kreis und Kreuz.

Der Kreis symbolisiert das Zyklische, das ständige Werden und Vergehen alles Lebendigen und aller Dinge. Die kreisförmige Bahn der Gestirne am Himmel ist ein Sinnbild für die kosmische Harmonie: Alles im Universum bewegt sich in Kreisen um einen Mittelpunkt. Der Kreis symbolisiert damit Konzentration und zugleich Ausdehnung und Weite und ist auch ein Bild für unseren inneren Kosmos.

Insofern symbolisiert der Kreis unsere Existenz. Wie ein Stein, der – ins Wasser geworfen – konzentrische Kreise zieht, spüren wir die »Wirkung« des Lebens auf uns und unsere Lebendigkeit. Und: Wir erfahren uns selbst immer im Mittelpunkt, egal wo wir stehen. Wir verraten das durch unsere Sprache. Wir sprechen vom »Sonnenaufgang«, obwohl astronomisch und physikalisch klar ist, dass die Sonne sich gar nicht bewegt, sondern wir mit der Erde und eindrehen.

Das Kreuz entsteht durch die Verbindung der vier Himmelsrichtungen, die uns immer umgeben. Sie bilden vier Kardinalpunkte im Kompass, die zentralen Speichen im Lebensrad. Das Kreuz ist damit ein Symbol der Orientierung. Den vier Himmelsrichtungen (Osten, Süden, Westen, Norden) entsprechen vier Jahreszeiten (Frühling, Sommer, Herbst, Winter) bzw. Tageszeiten (Morgen, Mittag, Abend, Nacht).

Ein Kompass für die Seele

Den äußeren Qualitäten entsprechen im Lebensrad innere. Das Rad wird so zum Kompass für die Seele. Wir können unser ganzes Leben auf’s Rad legen: Der Sommer im Süden steht dann für die Kindheit, der Herbst im Westen für Jugend, der Winter im Norden für reifes Erwachsensein, der Frühling im Osten zugleich für das Alter und den Tod wie für die Geburt. Der Kreis schließt sich und öffnet sich erneut.

Das Lebensrad ist somit auch ein ökopsychologisches Modell: Der Süden entspricht allem körperlichen, unseren Sinneswahrnehmungen, Trieben und Instinkten. Der Süden ist damit z.B. auch die Heimat sexueller und erotischer Kraft. Der Westen entspricht der Seele. Im Westen fühlen wir über die körperliche Empfindung hinaus z.B. Trauer oder Freude. Der Norden entspricht dem Verstand, hier ist die Heimat des Logos und der Logik. Der Osten schließlich symbolisiert den Geist, unsere Fähigkeit zu spiritueller Wahrnehmung.

Ein ökopsychologisches Prozessmodell

Das Lebensrad ist ein Prozessmodell. So wie die Sonne sich immer nur in eine Richtung bewegt, können auch wir nicht rückwärts durch das Rad gehen. Wir werden ins Leben geworfen und herausgefordert im Osten, denn der symbolisiert den Bereich, den wir nicht kontrollieren. Und dann gehen wir durch das Rad:

Süden – Körper: Wir reagieren immer zuerst körperlich auf Ereignisse – mit Hormonen wie Adrenalin. Zum Beispiel auf eine Notsituation, einen Unfall. Der Körper reagiert vor dem Verstand, denn wir SIND Körper.

Westen – Seele: Wir sind dann herausgefordert, nach innen zu gehen. In den Westen gehen heißt, sich zu sammeln. Wir fragen: Welche Möglichkeiten habe ich jetzt. Z.B. in einer Notsituation: Was kann ich tun? Was kann ich nicht tun?

Norden – Vernunft: Wir handeln. Wir tun, was möglich ist. Z.B. den Rettungsdienst anrufen. Erwachsensein heißt, Probleme lösen. Wenn unsere Vorfahren die Winter nicht ganz praktisch überlebt hätten, säßen wir heute nicht hier.

Osten – Geist: Wir sind herausgefordert, auch die eigene Ohnmacht anzunehmen, denn wir können nicht alles tun und alles kontrollieren. Wir sind immer eingebunden in ein Großes und Ganzes, das über unser individuelles Selbst-Sein hinausgeht. Wir können nicht nichtspirituell sein.

Der kosmische Christus im Rad

Wenn Christen auf das Rad schauen, sehen sie Christus. Dazu später einmal mehr. Nur soviel: Manche Aussage im Neuen Testament bekommt eine tiefere Bedeutung, wenn wir sie mit dem Lebensrad schöpfungstheologisch betrachten. So sagt Jesus z.B. im Johannes-Evangelium, das an diesem Sonntag gelesen wird: »Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen« (Joh 10,28).

Das Rad erinnert uns daran, dass dieses »ewige Leben« nicht etwas ist, das in ferner Zukunft geschieht. Es ist, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Es ist der Mittelpunkt, um den sich alles Lebendige bewegt. Es geht nicht darum, einen ewigen Stillstand zu erreichen, sondern jetzt und hier das Tor zur Ewigkeit zu öffnen, zu jener Quelle, die alles in Bewegung und am Leben hält. Das ist gemeint, wenn vom kosmischen Christus die Rede ist: »Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen« (Offb 7,17).

Welche Begegnungen in und mit der Natur erinnerst du?
Wann und wie hast du die Natur als Ort der Gotteserfahrung erlebt?

* Papst Franziskus, Enzyklika Laudato Si’.

»Ich gebe ihnen ewiges Leben.«
Johannes 10,28
4. Sonntag der Osterzeit

2 Kommentare

  1. Matthias Hartmann

    Für mich ist solch ein Moment wenn ich im Frühjahr das erste mal eine Amsel singen höre

    Antworten
  2. Petra

    Die letzten Tage mit Beobachtungen und Erspüren, v. a. in der Natur und in guten Gesprächen und Begegnungen mit-Menschen haben in mir wieder diese Sehnsucht spüren lassen. Und sie ist gut, ich muss davor keine Angst haben oder Zweifel, verzweifeln. NEIN. Es darf sein. SEHN-SUCHT. ATMEN.
    Der Gedanke, die 1. Bibel = die Natur ist sehr schön und spürbar, sichtbar und wahr, wenn wir uns beSINNen – die Urbibel – lebendige Letter, lebendiges SEIN. Meine Urseele wusste es, musste/und muss täglich erINNERT werden. Wir können jeden Tag einen “Brief” erhalten, INNE-halten, ins JETZT kommen, zu Gott kommen. Danke für diesen Impuls. NAMASTE.

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