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Bleiben wir beim Thema »Übergänge«. Die Schöpfung ist voller Symbole und Bilder dafür: Knospen, die aufbrechen und sich in die Blüte hinein entfalten. Eine Schlange, die sich häutet, oder Käfer, die ihre Chitinpanzer abwerfen, um wachsen zu können. Schließlich die Raupe, die sich verpuppt und sich durch eine geheimnisvolle Metamorphose in einen Schmetterling verwandelt.

Ein Mysterium, das gelebt werden will

Mit dem Begriff »Kokon« beschreibt Bill Plotkin denn auch den zentralen Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen (im Lebensrad: vom Westen in den Norden) und findet damit ein Bild für seelisches Wachstum:

»Wenn Sie in den Kokon eintreten – der alles, nur kein bequemer Hafen, sondern ein schrecklicher Ort ist, wo sich die Körper der Raupen auflösen, um Motten oder Schmetterlinge zu werden – verändert sich Ihr Blick auf die Bedeutung des Lebens. Wenn Sie bisher dachten, im Leben gehe es vor allem um soziale, akademische, wirtschaftliche oder religiöse Projekte, erkennen Sie es nun als das spirituelle Abenteuer, das es tatsächlich ist.«*

Das Leben ist kein zu lösendes Problem. Es ist vielmehr ein Mysterium, das gelebt werden will**. Die Erfahrung des Kokons, des Nach-Innen-Gehens, gehört dazu, weil wir sonst nicht wachsen können.

Wachsen heißt, sich der notwendigen und (ähnlich wie in der Geburt) unabwendbaren Verwandlung hinzugeben und damit der Führung einer größeren Macht zu überlassen. Im Kokon gibt unser altes Ich die Kontrolle ab und bekommt die Seele Raum: Unser wahres Selbst kommt zum Vorschein. In der Verwandlung sind wir dann immer noch wir »selbst« und doch verändert.

Das Christus-Mysterium

Für Christen ist diese Entwicklung und Verwandlung untrennbar mit Christus und der Auferstehung verbunden. Wir können sagen: Indem wir uns dem Wandlungsprozess hingeben, leben wir das Geheimnis Christi. Im Kokon begegnen wir Christus, der selbst durch diesen Prozess hindurch- und uns vorausgegangen ist.

Tatsächlich hat Auferstehung weniger mit einem fernen Jenseits zu tun, als vielmehr mit dem Hier und Jetzt. Der Auferstandene sagt zu Petrus: »Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst« (Joh 21,19). Erwachsensein hat etwas mit der Weisheit des Loslassens und der Hingabe zu tun.

Auch diese Bewegungen umfasst die neutestamentliche »metanoia«, die uns vergangene Woche schon begegnet ist. Wir übersetzen den Begriff meist mit Umkehr, aber das greift zu kurz. Metanoia bedeutet eine innere Wandlung, die zu einer neuen Sicht auf die Dinge führt. Und so ist das Reich Gottes, das Jesus verkündet, auch keine äußere und ferne, sondern eine innere und gegenwärtige Qualität, »inwendig in Euch«, sagt Jesus (Lk 17,21).

Wandlungsprozesse neu schätzen lernen

In der westlichen Kultur ist die Weisheit des »Kokons« und der Metanoia verloren gegangen. Die natürliche Bewegung der Seele findet wenig Anerkennung. Im Gegenteil: Wir haben alle Übergänge mehr oder weniger für »krank« erklärt. Der Tod wird gefürchtet, das Alter gemieden, die Pubertät ist eine Störung und fast ein Drittel aller Kinder kommt heute per Kaiserschnitt zur Welt, weil die Geburt so besser planbar und ökonomisch effizienter ist.

Das Lebensrad kann uns den Wert und die Notwendigkeit von »Kokonzeiten« vor Augen führen. Wenn wir dem Kokon keine Zeit geben, bleibt ein Teil des Lebens ungelebt. Das mag sich kurzfristig gut anfühlen. Langfristig führt es dazu, dass der Fluss des Lebens aus dem Gleichgewicht gerät.

Welche Zeiten des »Kokons« erinnerst du?
Wer oder was hat dich durch diese Zeit geführt?

* Bill Plotkin, Natur und Menschenseele, 301.
** vgl. Papst Franziskus, Laudato Si’ 12: »Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis«

»Ein anderer wird dich führen …«
Johannes 21,19
3. Sonntag der Osterzeit C

10 Kommentare

  1. Ilona

    Hallo Jan, habe gestern eine Doku über Tagpfauenaugen gesehen. Als Raupe ist sie allein damit beschäftigt, zu fressen und zu wachsen, sie häutet sich vier Mal und verändert dabei ihr Aussehen (habe dabei an das Lebensrad gedacht:) ), aber erst im Konkon verändert sich alles, Aussehen, Leben, (sogar der Name) zum Schmetterling. Das war für mich tatsächlich ein Bild vom Übergang von hier und jetzt ins ‘Ewige’. Aber es gehört mitten ins Leben…

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    • Jan Frerichs

      Liebe Ilona, wow, was für ein schönes Symbol. Tatsächlich ist es in einer Visionssuche auch so, dass wir durch das ganze Rad gehen (4fache Häutung), bevor die Auszeit beginnt (Kokon). Der Kokon ist dann letztlich auch ein Symbol für die Ganzwerdung. In der indianischen Tradition gibt es beispielsweise das Bild, die Mitte zu werden als fünfte Qualität, die die vier anderen Richtungen in die Balance bringt und integriert. Christen würden sagen: Christus werden oder eben „mit Christus auferstehen“. Danke und LG, Jan.

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  2. birgit

    Hallo Jan
    vielen Dank für das Bild des Kokons…ich hab mich schon oft so gefühlt..es aber eher als unangenehm empfunden oder von anderen nicht akzeptiert, wenn ich den Raum brauchte, nach innen zu gehen. ..oft fühlt es sich so an, als stoße ich die/den anderen dann von mir bzw. als verstehen sie nicht, was ich meine

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    • Jan Frerichs

      Liebe Birgit, es gibt das Recht, nach innen zu gehen, um sich zu er-innern und zu vergewissern. Es gibt allerdings kein Recht, verstanden zu werden. Das Alleinsein gehört in einem gewissen Maß zu jedem spirituellen Weg. Die Herausforderung ist, nicht daran zu verbittern, sondern Raum zu schaffen für Neues. LG Jan

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  3. Corinna

    Hallo Jan,
    erst seit ein paar Wochen bekomme ich Deine E-Mails und jedes Mal bin ich berührt von dem, was Du schreibst. Als ich mir mal aus einer Sammlung von Tierfiguren eines raussuchen sollte, was auf mich zutrifft, suchte ich drei raus und eines davon war ein Schmetterling. Ich liebe sie und könnte ihnen stundenlang zusehen. Seit geraumer Zeit werde ich innerlich und äußerlich erschüttert und spüre eine große Sehnsucht nach dem Alleinsein, dem Reduziertwerden auf das Wesentliche, dem Weg nach innen. Da ich in den ersten 6 7-Jahres-Läufen durchs Leben gehastet bin, sehe ich nun meinen 7. 7-Jahres-Abschnitt als Sabbatzeit für mich und fand schon den Begriff Kokon dafür. Umso intensiver habe ich Deine Worte aufgenommen und lasse mich von ihnen berühren und begleiten. Vermutlich trifft auf mich zu, dass ich bisher zu wenig Zeit im Kokon verbracht habe und daher meine Welt aus den Fugen geriet. Hab vielen Dank für die Ermutigung in Deinem Text, zu dieser Zeit zu stehen, sie zuzulassen, wertzuachten und reif werden zu dürfen, um eines Tages zum Schmetterling zu werden 🙂

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  4. Anneli

    Lieber Jan, das war wieder ein sehr hilfreiches und schönes Bild; ich war gerade so unzufrieden mit mir, weil ich eine Weile nichts “vollbrachte”, als ich das las… und da richtete es mich auf, zu lesen, das auch in den vermeintlich unfruchtbaren Zeiten was geschieht, Veränderung, Verwandlung… Vielen Dank dafr und für manch andere Anregung.

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  5. Hubert

    Lieber Jan,
    in den letzten Monaten traf mich der Tod sehr naher Menschen dreimal und ich drehte mich in meinen Gedanken ständig im Kreis um die Gedanken und Empfindungen über das “warum und wozu”, die Frage, in welchem Ort- und Zeitrahmen sich die Toten befinden. Du hast mir mit deinem Bild meinen Blick gelenkt aus der Enge des Kokons und seinem gewaltsamen, schmerzlichen Durchbruch in die Weite zurück zum “hier und heute”; was sucht ihr den Verstorbenen bei den Toten? Was steht ihr da und starrt ” zum Himmel empor?” Vielen Dank

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