Schwarze, Frauen, Homosexuelle wissen, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Ich kann es nur ahnen, denn ich bin weiß, männlich und verheiratet mit einer Frau. Ich gehöre also zur privilegierten Gruppe in unserem Land und wahrscheinlich auch weltweit. Kurz: White privilege. Andererseits: Ausgrenzung hat viele Gesichter. Ich lebe zum Beispiel in einem rheinhessischen Dörfchen und dann und wann bekomme ich hier auch zu spüren, dass ich nicht ganz dazugehöre. Das Perfide an solcher Art von Ausgrenzung oder Privilegismus ist, dass die Betroffenen die Bedingungen niemals erfüllen werden, um in den Kreis aufgenommen zu werden: Schwarze werden nicht weiß, Frauen keine Männer, Homosexuelle nicht heterosexuell und ich werde auch kein Rheinhesse.

Ist es naiv oder verträumt, wenn ich mir Kreise vorstelle, die bis zur Bedingungslosigkeit offen sind? »Bedingungslosigkeit« scheint für manche ein Reizwort zu sein. Zufällig sind es meistens die, die sich vieler Privilegien erfreuen. Gefragt nach seiner Meinung zu einem »bedingungslosen Grundeinkommen« sagt ein Dax-Manager, der fünf Millionen Euro im Jahr für seine Tätigkeit bekommt, in einem Interview: »Gibt es Bedingungslosigkeit eigentlich zwischen Menschen, außer in der Familie? Meine Meinung ist: nein!« (DIE ZEIT 49/2018) Als Christ muss ich sagen: Ja!

Das Christentum war im Ursprung eine Bewegung, die die Grenzen zwischen allen möglichen Zirkeln – Reichen und Armen, Männern und Frauen, Juden und Heiden usw. – aufbrach. Die Reichen stellten ihr Vermögen zur Verfügung, z.B. ihre Häuser. Ist das nicht das eigentliche Wunder: Dass Jesus so unterschiedliche Menschen zusammen bringt? Über alle Grenzen von Sippe, »Rasse«, Geschlecht, Status hinweg?

Diese Bewegung kündigt sich schon mit Johannes dem Täufer an, der in der Wüste zur Umkehr aufruft: Besitz und Privilegien teilen, auf Gewalt verzichten und anerkennen, dass das Heil von Gott kommt und nicht von irgendeinem Merkmal, das sich ein Zirkel sucht, sei es Vermögen, Hautfarbe, Herkunft oder sonst irgendwas. Und diese Stimme ruft immer noch. Nicht nur, weil Christen selbst es fertig gebracht haben, das Christentum ins Gegenteil zu verkehren, indem sie Exklusivität kultivieren, auf welcher Ebene auch immer.

Die Stimme des Täufers ruft mich heraus aus meinen Zirkeln, in denen ich mich vermeintlich sicher fühle. Hinaus in die Wüste. In die Wildnis, auf den heiligen Boden (Ex 3,5). In die modernen Wüsten aus Beton mit ihren Obdachlosen und Armen. Aber auch in die inneren Wüsten. An Orte jedenfalls, wo das Bescheidwissen endet, Sicherheiten nicht mehr greifen und ich mich auch in meiner eigenen spirituellen Obdachlosigkeit und Ohnmacht erfahre, weil ich nichts mehr habe, auf das ich meine Identität gründen könnte, als mein Menschsein.

Im Neuen Testament heißt die Wüste »eremos«. Wir übersetzen das meist mit »einsamer Ort«. Es ist jener Platz, an den sich auch Jesus immer wieder begibt, um mit Gott zu sprechen. Es ist aber auch der Ort, wohin ihm Menschen folgen. Im Eremos werden sie auf wundersame Weise satt, wie die Geschichte von der Brotvermehrung erzählt. Das erinnert an das Manna, das vom Himmel fällt und das Volk Israel auf dem Weg in die Freiheit nährt (vgl. Ex 16; Num 11; Dtn 8; Jos 5). Was wir brauchen können, ist ein neuer Aufbruch in den Eremos: Stadteremiten und Gottsucherinnen, die in den Wüsten dieser Welt Mannagruppen bilden, in denen die Utopie vom Reich Gottes lebendig werden kann.

»Eine Stimme ruft in der Wüste …«
Lukas 3,4
Zweiter Adventssonntag C

 

10 Kommentare

  1. Manfred Krause

    Danke für Deine Worte, die ich als Ermutigung und Auftrag für mein eigenes Leben in der “Betonwüste” meiner Stadt wahr nehme. Ja, es gibt an diesem Ort echte Gottesbegegnungen und Gemeinschaft mit Suchenden und Fragenden.
    Ich spüre, dass ich nicht allein bin. – Und ich erlebe es als Trost bedingungslos angenommen zu werden und auch andere Menschen so anzunehmen, wie sie sind.

    Antworten
  2. Gaby

    Hey Jan,
    seit fast einem Jahr lese ich aufmerksam deine Texte. Oft drückst du in Worte aus, was ich denke und fühle. Nun will ich dir endlich mal eine Antwort geben. Mir fällt es allerdings schwerer, die passenden Worte zu finden.
    Ich denke, der Kampf um Privilegien ist ein Kernproblem in jeder Gesellschaft. Und wer privilegiert bleiben möchte, muss sich ja zwangsläufig exklusiv verhalten. Dieser Kampf ist zur Zeit global in vollem Gange und er wird schlimmer werden, je mehr die Ressourcen unserer Erde zur Neige gehen.Sehr viele Menschen haben Angst davor, ihre Privilegien zu verlieren. Denn die sind mittlerweile alles, was sie haben. Und doch hat jedes Menschlein, so denke ich, diese tiefe Sehnsucht in sich und das, oft sehr verschüttete und diffuse Wissen darum, dass es da noch etwas anderes gibt. Die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe ist in allen von uns und macht uns verletzlich. Wenn man sich in einem Kampf befindet, ist es nicht gut, verletzlich zu sein.
    Also will man es nicht wissen und nicht fühlen, sondern noch tiefer in sich vergraben. Und jede Person, die vehement daran erinnert, ist mindestens nicht willkommen. So lange sie nicht über Macht verfügt. Und wird zur Gefahr, je mächtiger sie wird. Deshalb, denke ich, wird jede Person ausgegrenzt, die daran rührt.
    Ja, ich denke auch, dass wir einen neuen Aufbruch brauchen. Dringend sogar! Wir (die Menschheit, aber auch jede einzelne Person) sind in vielerlei Hinsicht gefährdet. “Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”, daran glaube ich ganz fest und sehe es auch daran, wie viel Rettendes mir begegnet. Zum Beispiel in deinen Worten.
    Sich in bedingungsloser Offenheit zu begegnen, dazu hat Scott Peck in seinem Buch “Gemeinschaftsbildung” einen guten Weg gezeigt. Und der scheint mir weder naiv noch verträumt.
    Einen be-sinnlichen zweiten Advent wünsche ich dir.

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Liebe Gaby, wünsche ich Dir auch. Und danke für Deine ganz “passenden Worte” 😉 und für den interessanten Buchtipp. Kannte ich noch nicht, obwohl ich Scott Peck super finde.

      Antworten
  3. Imke

    Moin lieber Jan,
    Dank dir mal wieder herzlich für deine treffenden und sensiblen Beobachtungen und Worte!
    Nur eine kritische Anmerkung bzw. Anregung habe ich:
    mich stört die Verwendung des Begriffes “Rasse”.
    Derzeit und noch bis zum 6.1.19 gibt es eine Ausstellung “Rassismus” im Deutschen Hygienemuseum in Dresden. Ich habe sie bisher nicht gesehen, aber über die homepage gelernt, des es keine unterschiedlichen “Menschenrassen” gibt. Der Begriff ist ein gefährliche wissenschaftliche Erfindung, die seit dem 18.Jh. unheilvolle Wirkung entfaltet. Über die homepage des Museums kann auch Literatur zu dem Thema bezogen werden.
    Ich wünsche dir und deinen Lieben einen gesegneten und lichtvollen Advent aus dem derzeit stürmischen und nassen Norden!

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Liebe Imke, danke für den Hinweis. Vielleicht hilft es, Anführungsstriche zu verwenden. LG Jan
      P.S.: Die Rassenidee wäre das erste, was abgeschafft gehört …

      Antworten
  4. Ilona Sch

    Danke für deine Worte, lieber Jan. Und Danke für die Kommentare. Von beidem lerne ich viel. Dieses Thema beschäftigt mich auch sehr, ist wohl weltweit, aber auch für mich im ganz kleinen eine enorm wichtige Herzensangelegenheit. ( Danke auch für den Buchtipp).

    Antworten
  5. Wolfgang Spähn

    Die Gedanken zur Wüste und zur Bildung von Mannagruppen rühren mich schon den ganzen Sonntag an. Besonders ein Gedanke des Wüsten-wanderers Otl Aicher in seinem wunderbaren Buch “Gehen in der Wüste”(1982). Ein Satz daraus:”sie (die Wüste) ist ein Ort der Moral, sie fördert die Reflexion und sie zeigt das Prinzip: Minimierung der Ansprüche ist Optimierung der Freiheit. Reduktion ist Gewinn” (S. 146). Schon 1982 eine kritische Auseinandersetzung mit einer Kultur und Ökonomie, die auf Konsum und Wachstum basiert. Eine Kritik, die jetzt gerade angesichts der aktuellen Daten der Klimaforschung eine “revolutionäre” Brisanz erhält, wenn aufgrund Ressourcen-endlichkeit darüber nachgedacht werden sollte (muss), was denn gutes Leben ausmacht. wenn es entkoppelt wird von materiellem Wohlstand, dessen Kennmarken Konsum und Wachstum sind.
    Die Idee von Manna-Gruppen finde ich sehr anregend, Menschen die sich austauschen was denn wichtige Lebens-mittel sind, vielleicht auch etwas gemeinsam ausprobieren. auch um ökonomische und ökologische Gerechtigkeit zu befördern, lokal, regional und vernetzt.

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Lieber Wolfgang, noch ein interessanter Buchtipp. Danke dafür! LG Jan.

      Antworten
  6. Imke

    Liebe Gaby….unbekannterweise….danke auch an dich für den Buchtipp! Klingt sehr spannend…habs mir gleich bestellt!!!
    Ja, ich empfinde und hoffe auch weiter, dass das Rettende und Heilsame in diesen herausfordernden und unsicheren Zeiten weiter wächst…und versuche selbst, einen kleinen Beitrag in meinem Alltag dazu zu tun!
    Gute Zeit auch für dich und herzliche Grüsse!!

    Antworten
  7. Ole Voss

    Vielen Dank für die Ermutigung durch Eure Beiträge, seid weiterhin so gesegnet.Gruss Ole

    Antworten

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