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Wir können Probleme nicht mit dem selben Bewusstsein lösen, das sie hervorgebracht hat, sagte Albert Einstein. Woher aber kommt dann jenes neue Bewusstsein, woher kommen die Ein-Fälle, die uns weiter bringen? Der Osten im Lebensrad symbolisiert genau die Qualität, die es dafür braucht. Deshalb gehört es zu den meisten spirituellen Wegen, auf irgendeine Weise und im wahrsten Sinne des Wortes »in die Leere« zu gehen.

Erwartungen und Enttäuschungen

Kürzlich fragten ein paar Leute, ob sie an unserem monatlichen Treffen des franziskanischen Freundeskreises teilnehmen könnten. Ich erzählte, was wir da machen: Sonntagsgottesdienst, Mittagessen und eine Runde, in der wir uns austauschen über das, was uns gerade beschäftigt. »Ach, dann ist da also gar nichts«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung und ich meine, sie klang etwas enttäuscht. Ich habe nicht mehr von den Leuten gehört. Da hatte sich offenbar jemand irgendetwas vorgestellt und fand nun, dass die Wirklichkeit nicht seinen Vorstellungen entsprach.

Ich erlebe es auch umgekehrt: Da kommen Leute zum Walk Along und erwarten, dass wir gemeinsam wandern. Wenn sie dann feststellen, dass der Walk Along eine Auszeit ist, die die Einzelnen im Kern alleine verbringen, sind sie überrascht. Aber weil sie ja nun schon mal da sind, lassen sie sich auf die Sache ein. Ich habe dann schon öfter gehört: »Wenn ich gewusst hätte, was wir hier machen, wäre ich gar nicht gekommen. Aber es war toll.«

Die Überraschung einladen

Der Osten im Lebensrad steht für die Qualität der Überraschung. Das Leben überrascht uns ständig mit Situationen, die wir nicht planen, ahnen oder kontrollieren. Wirklich überrascht können wir nur sein, wenn wir etwas anderes oder eben wahlweise gar nichts erwartet haben. Deshalb ist der Osten herausfordernd. Er steht für Nichtverfügbarkeit und Leere. Sein Motto ist »You never know« – man weiß nie.

Unsere Vorstellungen können verhindern, dass wir überrascht werden, wenn wir in dem Bereich bleiben, in dem wir uns auskennen. Unsere Vorstellungen können auch dafür sorgen, dass wir eine Überraschung als Enttäuschung wahrnehmen und damit als negativ empfinden und bewerten. Unser bewertender Geist vergleicht die Wirklichkeit ständig mit seinen Ideen und bewertet sie entsprechend.

Wenn wir uns aber auf die Qualität des Ostens einlassen wollen, ist es notwendig, diesen Geist und damit unsere Vorstellungen, gewissermaßen zum Schweigen zu bringen. Mit Gewalt geht das natürlich nicht. Vielmehr geht es darum, unseren bewertenden Geist überhaupt erst einmal wahrzunehmen und anzunehmen, denn dann identifizieren wir uns schon nicht mehr ganz mit ihm und werden durchlässiger für die größere Wirklichkeit. Die meisten geistlichen Wege beginnen deshalb mit der Übung, diesen Geist zu zähmen und Raum zu Schaffen für Neues, eben Überraschendes.

Nicht kämpfen, sondern tanzen

Das klingt einfach. Ist es aber nicht immer. Die beiden Beispiele sind ja eher einfach und vielleicht auch belanglos. Aber im Osten geht es darum, anzunehmen was das Leben bringt. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem Sufimeister in Istanbul. Vor der Zeremonie, bei der die Derwische tanzen, gab es am Nachmittag die Möglichkeit, mit dem Meister zu sprechen. Wir drehten einen Film und ich wollte ihn im Interview herausfordern: »Nichts scheint Sie aus der Ruhe zu bringen, aber was würden Sie tun, wenn ihr eigenes Kind stirbt? Wie könnten Sie dann noch im Frieden mit allem sein?«, fragte ich ihn.

Er antwortete: »Ich würde weinen. Ich würde trauern. Aber warum sollte ich den Frieden darüber verlieren? Würde denn das Leben nicht weitergehen?« Ich gebe zu, dass ich seine Antwort damals nicht akzeptieren konnte. Aber WIE er es sagte, war absolut überzeugend für mich. Er strahlte eine tiefe Gelassenheit aus: Ich kann die Wirklichkeit nicht ändern. Aber ich kann entscheiden, wie ich mit ihr umgehe. Und mir gefällt das Bild des Tanzes: Ich habe in der Hand, ob ich gegen die Wirklichkeit ankämpfe, oder beginne, mit ihr zu tanzen, so wie die Derwische den ewigen Tanz aller Dinge im Universum in ihrem Ritual darstellen.

Jetzt

Meine Begegnung mit dem Sufimeister erinnert mich an die Stelle im Evangelium, als die Sadduzäer Jesus eine spitzfindige Frage stellen wollen. Sadduzäer lehnen die Auferstehung ab und fragen ihn deshalb: Wenn eine Frau sieben Mal heiratet, weil alle ihre sieben Männer sterben, wessen Frau ist sie dann im Himmel nach der Auferstehung?

Oft wird die Antwort Jesu verkürzt wiedergegeben: Im Himmel gibt es keine Ehe. Damit sitzen wir aber dem Denkmuster der Sadduzäer auf, die die Wirklichkeit trennen in »Vor dem Tod« und »Nach dem Tod« – und das ist nichts anderes als jener bewertende Geist, der immer dualistisch denkt: gut oder schlecht, richtig oder falsch, lebendig oder tot. Die Wirklichkeit lässt sich aber nicht auftrennen. Wirklich ist immer nur das Jetzt. Genau in diesem Sinne sagt Jesus dann: Wer an der Auferstehung teilhat, kann nicht sterben, weil er ein Gotteskind ist. Das bezieht sich gar nicht auf eine Zeit nach dem leiblichen Tod. Das bezieht sich auf das Jetzt und Hier. Wenn wir mit dem göttlichen Kern in uns in Verbindung sind, gibt es keinen Tod mehr. Dann stehen wir in der Gegenwart Gottes.

So schließt sich der Kreis und ich wiederhole, was ich am Anfang dieser Reihe über das Lebensrad geschrieben habe: »Nicht erst, wenn alles perfekt ist, beginnt die Auferstehung. Sie beginnt jetzt und schließt alles Verwundete mit ein. Ja, ›durch‹ die Wunden hindurch geschieht Auferstehung, ereignet sich wahrhaftige Gemeinschaft und werden wir befähigt, Verantwortung für das Leben zu übernehmen.« Für diese Qualität besonders steht der Osten im Lebensrad.

Die Leere zulassen

Damit sind wir einmal durch das ganze Rad gegangen und zur Erinnerung: Es ist immer Sommer (Süden), es ist immer Herbst (Westen), es ist immer Winter (Norden) und immer Frühling (Osten). Keine Richtung im Rad ist besser oder schlechter als die anderen. Entscheidend ist, dass sich das Rad dreht und alle Qualitäten in der Balance sind – wie die Derwische beim Tanz. Im Osten können wir natürlich auch steckenbleiben, und zwar wenn wir auf irgendeine Weise versuchen, die Leerstellen des Lebens selbst zu füllen. Der Osten konfrontiert uns insofern immer auch mit dem, was wir am meisten vermeiden und fordert uns auf die Weise immer neu zu einer Bewegung ins Leben hinein.

Wenn wir die Leere des Zweifels vermeiden, werden wir eng und fundamentalistisch, denn das Gegenteil von Glaube ist nicht Zweifel, sondern Kontrolle. Wenn wir die Leere des Nichtwissens vermeiden, werden wir rechthaberisch, denn das Gegenteil von Wissen ist nicht Nichtwissen, sondern Besserwissen. Wenn wir die Leere des Schmerzes vermeiden, können wir nicht nur uns selbst nicht spüren, sondern auch kein echtes Mitgefühl entwickeln, denn das Gegenteil von Freude ist nicht Schmerz, sondern Gefühllosigkeit und Taubheit. Wenn wir die Leere der Sehnsucht vermeiden, werden wir träge und verlieren unsere Lebendigkeit, denn das Gegenteil von Glückseligkeit ist nicht Sehnsucht, sondern Apathie.

»Die Berufung zur Liebe
ist keine Einladung zur Flucht,
sondern einen Schritt weiter zu gehen
und der Finsternis ins Angesicht zu blicken,
wo immer sie auftauchen mag.«
Steven Charleston

 

 Zum Weitergehen:
Welche Situationen des »Nichtwissens« und der »Leere« kennst du und wie gehst du mit ihnen um?
Welche Vorstellungen hindern dich?
Was trägt dich?

 

 

 

»Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden«
Lukas 20,38
32. Sonntag im Jahreskreis C

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10Kommentare

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Ich bin erst heute dazu gekommen, den letzen Beitrag in Ruhe zu lesen. Für mich ist es so tröstlich, dass alle Stationen des Lebensrades: Sommer, Herbst, Winter und Frühling, gleichwertig sind und dass es um Balance geht. Dass auch Unvollkommenheit sein darf und dass es um das Hier und Jetzt geht. Ich darf hinfallen, um wieder aufzustehen, ich darf straucheln, um wieder in Balance zu kommen. Ich darf Angst haben und ich trage die Hoffnung und die Liebe in mir – bei aller Unvollkommenheit.

Danke für die 14 Texte.

Danke!

Dein Beitrag bewegt mich im Innern. Ich kenne auch die Leere, in die man hinein fällt, scheinbar in einen bodenlosen Abgrund. Dann bleibt nur noch Kapitulation, surrender, Hingabe und das Eingständnis der eigenen Machtlosigkeit. Dann kann das Wunder geschehen und ich finde auf dem Grund GOTT. GOTT hat schon immer dort auf mich gewartet. Ich konnte es nur nicht erkennen.

Neben den Fragen am Ende des Beitrages, die mich an- und aufrühren habe ich die Überschriften entdeckt.

IN DIE LEERE GEHEN!

ERWARTUNGEN UND ENTTÄUSCHUNG!

Die ÜBERRASCHUNG EINLADEN!

NICHT KÄMPFEN, SONDERN TANZEN!

JETZT!

DIE LEERE ZULASSEN!

Danke Jan für diese Denkanstöße

Sei herzlich gegrüßt auch alle die bei den Kommentaren ihre Gedanken mitteilen.

Doris

„ in die Leere gehen „

Ich denke immer wieder und wieder darüber nach.

Ich versuche im nächsten Frühjahr in die Leere zu gehen , denn ich habe mich in einem Kloster zum Fasten angemeldet.

Nicht zum Abnehmen, denn adipös bin ich nicht.

Ich will für diese Zeit den furchtbaren Stress loszuwerden.

Ich werde nichts essen, innerlich still werden und schweigen.

Vielleicht auch ein bisschen heulen.

Und danach weiß ich dann vielleicht, was es bedeutet, in die Leere zu gehen.

Und vielleicht begreife ich dann auch den restlichen Weg.

„Die Überraschung einladen“

Danke für diesen wunderschönen Text!

Was für ein guter Impuls !

Einladen hat mit positiven Empfindungen zu tun.

Aber wenn ich einlade, kann ich mir das Gute aussuchen , ohne zu bewerten.

Lasse ich mich aber überraschen, bin ich gespannt.

Gespannt, verspannt, weil ich nicht weiß, was kommt ?

Überraschung bedeutet ja eigentlich nichts Schlechtes.

Aber ich brauche auch einen Raum dafür und da beginnt ein eigentliches Problem.

Der ständige Kampf im Leben.

Um Anerkennung, um Liebe und um so vieles andere.

Kampf.

Da ist zu viel Verspanntheit.

Kann man das einfach loswerden ?

Das Rad, das Du beschreibst, tut gut.

Es erinnert an einen ewigen Kreislauf.

Und daran, dass man sich in Gottes Hand fallen lassen kann.

Aber die Leere?

Spüre ich gleich Gott, wenn ich mich fallen lasse ?

Das begreife ich nicht.

Noch nicht.

Danke, Anja!

Lieber Jan,

wow – danke für deine so klaren, direkten und wachrüttelnden Worte in all deinen Beiträgen.

Der heutige Text hat mich nochmals ganz deutlich für meinem künftigen Weg gestärkt und wie Franziska schreibt “getröstet”. Deine Ausführungen und der Spruch von Steven Charleston schaffen Mut: Mut zur Stärke u n d Mut zur Schwäche – Mut zur Annahme und zum Sein, zum Weitergehen.

Dein Buch “barfuss und wild” ist wunderbar und hat mich ebenfalls sehr gestärkt, sowie berührt.

Ich will/werde immer wieder in die Leere und in die Wildnis gehen – in die Natur und in mir ….

D A N K E und Namasté

Petra

Danke, Petra!

Franziska Schade

Lieber Jan,

Vielen Dank für Deine Worte und nicht nur für diese vom heutigen Wochenanfang.

Das Gegenteil all meiner Zweifel und Schmerzen und Sehnsüchte und damit ihre Herkünfte aufgedeckt zu spüren ist unsagbar tröstlich! Danke und

Pace e bene

Deine Franziska

Danke für das Feedback, Franziska!

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