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Neulich habe ich in einem Onlinevideo fünf Minuten lang ein paar Jungs dabei zugeschaut, wie sie in Sportwagen über Highways brettern und am Pool Cocktails schlürfen: »Du kannst es auch schaffen!« Was genau, haben sie mir nicht verraten. Ich kann’s mir aber denken. Immer wieder »schreien« mich in den sozialen Netzwerken die Rattenfänger an: »Wie du in fünf Wochen sechstellige Umsätze machst – VERSPROCHEN!« oder »Wie du deine Umsätze verdoppelst und die Freude verdreifachst!«

Extreme Beispiele vielleicht für jene zahlreichen virtuellen Schilder überall am Straßenrand unserer Kultur: »Dir fehlt noch was (außergewöhnliches) im Leben«, »Du musst Deine (wirklich wahre) Berufung finden«, »Du musst Deine Leidenschaft (leidenschaftlicher) leben«. Und zu den Businessberatern kommen die Lifecoaches: Zahllose Ratgeber fordern, mehr rauszuholen aus dem Leben, indem wir »das Unterbewusstsein besser nutzen«, »das Universum nötigen« oder »mehr schlafen und trotzdem alles schaffen«.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ich auch das Buch von Peter Sloterdijk nicht besonders mag. Es heißt »Du musst Dein Leben ändern« und der Philosoph erhebt darin die Selbstoptimierung praktisch zum umfassenden Lebenssinn.

Wenn ich mit dieser Selbstoptimierungsbrille an das Evangelium von diesem Sonntag herangehe, dann wäre Jesus der absolute Superstar unter den Selbstoptimierungsberatern. Da sind Petrus und seine Fischerkollegen, die sich die ganze Nacht abmühen und doch keinen Fisch aus dem See holen (Lk 5,5). Und plötzlich sind die Netze so voll, dass sie Hilfe brauchen, um sie ins Boot zu ziehen (Lk 5,6-7). Selbstverständlich krempeln sie auch ihr Leben um: Sie lassen alles stehen und liegen und folgen Jesus in ein aufregendes Wanderpredigerleben.

Sloterdijk behauptet ja sogar, dieses »Du musst Dein Leben ändern« sei die Essenz allen menschlichen und religiösen Strebens. Die Geschichte im Lukasevangelium erscheint als der ideale Beleg dafür und durch diese Brille mutiert Religion (mal wieder) zum Trainingslager: Gott ist der Punktrichter, Jesus der Coach. Und vermutlich kann man nicht von der Hand weisen, dass diese Sicht der Dinge weit verbreitet war und ist.

Tatsächlich aber kehrt sich der ganze Selbstoptimierungshype am Ende ins Gegenteil, behaupte ich. Das »Müssen« entpuppt sich als totale Überforderung. Mein Gott, ist das alles anstrengend.

Ich beobachte zwei Extreme: Die einen versuchen Ihr Leben mit der »Brechstange« zu ändern und arbeiten verzweifelt daran, die Netze voll zu kriegen. Sie wechseln Arbeitsplätze, Beziehungen oder Essgewohnheiten in der Hoffnung, endlich zur wahren Berufung, zur großen Liebe oder zur Traumfigur zu gelangen und »Erfüllung« zu finden. Wenn es schlecht läuft, stehen sie am Ende ziemlich genau so da, wie am Anfang und haben »nicht einen Fisch mehr gefangen«, um in dem Bild des Evangeliums zu bleiben. Nur geht die Leichtigkeit verloren und da steht eben auch gar nicht, dass Petrus und Co. sich furchtbar angestrengt hätten. Sie haben eigentlich nur das getan, was sie immer getan haben.

Die anderen, denen es nicht recht gelingt, etwas im Leben zu ändern, oder die es nicht wagen, die »Brechstange« anzurühren, resignieren im Grunde. Sie verehren dann möglicherweise inbrünstig jene, die »es« geschafft haben. Vermutlich ist es auch viel einfacher, Heilige und Superstars zu verehren, statt sich mit der Realität des eigenen Lebens wahrhaftig auseinander zu setzen. Das kennen wir ja irgendwoher: Tatsächlich dürfte auch der Klerikalismus hier begründet liegen, der alle »heiligen« Eigenschaften auf den geweihten Priester projiziert. Nur: Da steht eben auch nicht, dass Jesus irgendetwas besonderes getan hätte, damit die Netze voll werden, geschweige denn, dass ER die Fische für uns fängt.

Wir kommen – wie immer – kein Stück weiter, wenn wir die Geschichte von der Jüngerberufung und überhaupt alles in der Bibel nur äußerlich-materiell betrachten. Dann hat Jesus halt ein seltsames Fischwunder gewirkt und wir begnügen uns damit, die große Zahl der Fische zu bestaunen (genau so wie Jungfrauengeburten, spektakuläre Heilungen und Tote, die auferstehen), wobei wir in Wahrheit nichts damit anfangen können.

Betrachten wir die Geschichte als inneres Bild, als Symbol, und nehmen wir alles, was in ihr vorkommt und geschieht als einen Spiegel der Seele – den See, das Fischen, die Fische, Tag und Nacht usw. Dann fällt ein Detail auf, das in vielen Übersetzungen übergangen wird: Jesus sagt nicht einfach nur »Fahrt hinaus auf den See!«, sondern er sagt »Fahrt dorthin, wo es tief ist!« (Lk 5,4).

In die Tiefe gehen. Wenn wir uns dorthin wagen, wagen wir uns ins Unbekannte unseres Inneren, in den Schatten, wo wir all das hinverschoben haben, was an der Oberfläche nicht sein darf und sein soll. Es mag Eigenschaften von uns geben, die dort gut aufgehoben sind. Viele haben aber Lebensfreude, Lust, Phantasie und anderes dorthin sinken lassen, weil diese Eigenschaften keine Anerkennung fanden oder schlicht nicht sein durften – aus welchen Gründen auch immer.

Was Petrus und seine Kollegen da erleben, wenn sie in der Tiefe fischen gehen, ist nichts anderes als eine spirituelle Erfahrung des Ganzseins, des Lebendigseins, möchte ich sagen. Denn lebendig sind wir nicht, wenn wir etwas Tolles schaffen, also nicht erst, wenn die Netze voll sind. Umgekehrt: Die Netze werden erfahrungsgemäß von alleine voll, wenn wir uns erlauben »ganz« zu sein und jenen Kräften in der Tiefe erlauben, uns zu dienen. Dass es eine Herausforderung ist, sich »ganz« zu sehen, wird deutlich, wenn Petrus schließlich sagt: »Ich bin ein Sünder«. Hier geht es nicht um Moral, sondern um einen Punkt echter Umkehr oder Transformation (Metanoia).

Dieses Wissen finden wir in allen Kulturen und religiösen Überlieferungen. In den Meditiationspraktiken der östlichen Traditionen geht es um nichts anderes, als »unter Wasser atmen« zu lernen. In die Tiefe sinken und zulassen, was wir dort vorfinden. Ähnliches finden wir auch in der christlichen Tradition der Ostkirchen und bei uns im Westen bezeichnenderweise nur vereinzelt, z.B. bei Meister Eckhart.

Jesus tritt hier wie ein geistlicher Begleiter auf. Als Visionssucheleiter würde ich sagen: Er schickt die Jünger in eine Quest (wir könnten auch Exerzitien sagen) mit dem klassischen Aufbau: Krise und Abtrennung (Petrus und Co verlassen ihren Alltag und »leihen« Jesus ihr Boot), Schwellenzeit (sie fahren hinaus, wo es tief ist und machen eine spirituelle Erfahrung »gefüllter Netze«, die sie zutiefst berührt) und schließlich die Wiedereingliederung (die innere Veränderung wirkt sich aus: sie sind jetzt »Menschenfischer«).

Was wir also bräuchten, sind nicht Rattenfänger, die uns vorgaukeln, wir könnten mehr »Profit« aus unserem Leben schlagen, wenn wir es irgendwie ändern. Was wir brauchen, sind Älteste und weise Lehrerinnen und Lehrer, die uns den Weg zu unserem wahren Selbst zeigen, die uns lehren, was Wachstum und Reifung bedeuten, die uns lehren, unseren Platz zu finden und ermutigen, ihn einzunehmen, und das zu sein und auch anzunehmen, was wir in Wahrheit schon sind, wie der Hesychast Gregor vom Sinai (+1346) es einst formuliert hat.

»Fahr hinaus, wo es tief ist …«
Lukas 5,4
5. Sonntag im Jahrskreis C

6 Kommentare

  1. Pit

    Genau, die tiefsten Gefühle (Freude) empfinde ich dann, wenn ich tief im Inneren berührt werde. Die frische Luft bei einem Spaziergang im Frühjahr, Musik, Begegnungen. Mehr materieller Wohlstand kann Spass machen, berührt er auch?

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  2. Imke

    Tolle und sehr treffende Analyse des Selbstoptimierungswahnsinns allerorten…Dank dir, lieber Jan!
    Das zu sein und alles anzunehmen, was ich bin und dort zu sein, wo ich bin und hingehöre….alles zu spüren und zu leben…das ist immer wieder die Herausforderung, aber auch sehr, sehr schön und beglückend! Danke, dass du mich gerade an einem Tag des innerlichen Haderns dran erinnert hast!!! Alles Liebe und gute Zeit….

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  3. Irmgard

    Wunderbare Gedanken zu dieser Bibelstelle. Passt gut zu meinem augenblicklichen Suchen nach einer Neuausrichtung meines Lebens. Auch die Erklärung der Exerzitien hat mich ein Stück weitergebracht. Ganz herzlichen Dank

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  4. Doris

    Ja, da geht noch was… Optimieren… ja was denn ? Noch mehr haben, noch mehr wissen, noch mehr lernen damit es mit dem Aufstieg auch klappt, und die anderen es auch bemerken. Da bekomme ich schon Schweißausbrüche. Ich bin froh, das ich einen Lehrer hatte, der mir die Bibel anders zu verstehen gab.
    Jesus als geistlichen Begleiter!! Ja das ist es was ich brauche. Dann kann ich auch in die Tiefe gehen, in das Erkennen , in die Dankbarkeit und damit kann auch Ruhe einkehren.

    Wir brauchen aber auch weise Lehrerinnen und Lehrer, Älteste die mit uns gehen, die auf uns hören, heraushören was wir eigentlich meinen und Suchen. Wollte ich mich da auf Kirchengemeinde und Pfarrer verlassen wäre ich verlassen. Kein Raum , keine Zeit, auch da Optimierung……
    Gut das mir hier in diesen guten Beiträgen noch einmal ganz bewußt wurde wieviel die Natur mich lehren kann. Ich lasse mir oft erst mal viel Luft um mein Hirnkästchen wehen, erzähle mit Jesus im Gehen was mich bewegt. Meine Zweifel, meine Unruhe, meine Sehnsucht alles kann raus aus mir. Das schafft Platz fürGedanken , die in der Tiefe schlummern. Oft staune ich dann beim Heimkommen, das ich alles habe und noch viel mehr…. Danke für diese Denkanstöße!

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  5. Carsten S.

    Lieber Jan,
    vielen Dank für diesen wunderschönen Text. Wenn wir den spirituellen Weg benutzen, um unsere Leistungsfähigkeit zu steigern, haben wir irgendetwas grundsätzlich nicht verstanden. Ich freue mich über die Wertschätzung, die Du in dem Text vermittelst und über die Impulse, bei bestimmten Bibelstellen Neues zu entdecken.
    Liebe Grüße
    Carsten

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  6. Jan Frerichs

    Danke Euch für Eure Kommentare und Anmerkungen. LGJan

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