Jesus war für seine Zeit ein wirksamer Heiler. Das bestreiten seine Gegner in den neutestamentlichen Geschichten nirgends und das wiederum gilt als historischer Beleg dafür, dass seine Heilungen und Dämonenaustreibungen »funktioniert« haben. Das beantwortet allerdings nicht die Frage, was wir heute damit anfangen sollen.

Ärzte und Wissenschaftler vollbringen heute technische Wunder. Es gelingt ihnen mithilfe von Robotern ein künstliches Hörorgan so ins menschliche Ohr zu pflanzen, dass die Betrofffen wieder hören und sprechen können. Interessanterweise sind es aber gerade von Geburt an Gehörlose, die das oft gar nicht wollen. Sie betrachten sich nämlich gar nicht als krank und den Begriff »taubstumm« empfinden sie als diskriminierend. Sie können ja sprechen, mit Gebärden eben. Nicht wir sind taubstumm, sagen sie, die anderen sind »gebärdenblind«.

Der technische Vorgang, die »Reparatur«, ist also nicht per se schon »Heilung«. Entscheidend ist offenbar die innere Qualität. Es geht nicht um die äußere Fähigkeit des Hörens, sondern wesentlich um die menschliche Notwendigkeit, sich mitzuteilen und austauschen zu können. In diesem Sinne hat Jesus auch mehr als ein »technisches Wunder« vollbracht.

Jesus schafft einen Raum, in dem der Taubstumme (Mk 7,32) sich öffnen, mitteilen und austauschen kann. Und das gehört wesentlich zum Menschsein. »Das Wort ist Fleisch geworden«, heißt es im Johannesevangelium (Joh 1,14). Das bedeutet, dass wir nur dann ganz und gesund Mensch sein können, wenn unser innerstes Wesen im äußeren Erleben einen Widerhall erfährt und umgekehrt. Und um diese Resonanz auszudrücken, sprechen wir überhaupt.

Nun gibt es die Erfahrung, dass wir äußerlich hören und sprechen können und doch nicht in Resonanz kommen mit der Welt. Die innere Gehörlosigkeit ist vielleicht noch weiter verbreitet als die äußere. Sagen wir es so: Wenn wir nicht mehr von Herzen sprechen und zuhören können. Wenn es keine Verbindung mehr gibt von äußerer und innerer Wirklichkeit. Wenn ich innerlich ganz anders fühle, als es mir nach außen auszudrücken möglich ist. Und niemand hört und sieht mich mehr ganz.

Wir werden nicht mit dieser inneren Gehörlosigkeit geboren. Babys und kleine Kinder teilen sich immer von Herzen mit, auch indem sie ihre Trauer, ihre Wut, ihren Hunger und Durst, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung herausschreien. Und erstaunlicherweise wird es oft schon besser, wenn alles herausgeschrien ist und sich jemand zuwendet: Ich sehe dich. Ich höre dich.

Was ist geschehen, wenn wir nicht mehr sagen können, wie es uns wirklich geht? Weil wir keine Worte mehr finden? Weil wir zu selten oder nie einen Raum hatten, wo wir unser Herz öffnen konnten? Weil wir nicht erfahren haben, wie Sprechen (und Zuhören) gehen kann, ohne Autonomie und Würde zu verlieren? In diesem Mangel wurzeln jene Glaubenssätze, die uns schließlich hindern, in Resonanz zu gehen und unser Herz zu öffnen, weil wir fürchten, das, was wir zu sagen hätten, könnte stören oder nicht angemessen sein, zu unanständig oder zu kritisch oder, oder, oder.

Wir sprechen dann über äußere Dinge, diskutieren und argumentieren, sprechen uns für dies und gegen jenes aus. Aber die inneren Dinge sind tabu: »Sprich nicht über Dich! Das schickt sich nicht oder ist gefährlich!« So mag dieser Glaubenssatz klingen, der uns in manchen Situationen geholfen hat und hilft, aber wenn wir gar nicht und nirgends mehr von Herzen sprechen können, bringen wir über kurz oder lang auch andere Herzen zum Schweigen. Und unsere ganze Welt wird innerlich taub und stumm.

Und dahinein spricht Jesus sein »Effatta« – »Öffne Dich«. Jesus will unser Herz heilen, wenn es taubstumm geworden ist. Vielleicht ist es das, was jener Taubstumme erlebt, als er zu Jesus gebracht wird: einen Raum, in dem er sich öffnen kann. Und es ist ein wichtiges Detail, dass Jesus keine spektakuläre Show inszeniert. Er nimmt den Taubstummen »von der Menge weg« (Mk 7,33). Und später fordert er eindringlich, die Begegnung geheim zu halten.

Es ist das, was wir in der Lebensschule in jedem Kreis tun: Wir schaffen einen sicheren Rahmen, in dem von Herzen gesprochen und zugehört werden kann. Und was im Kreis gesprochen wird, bleibt im Kreis. Das ist Vertrauenssache. Und solche Art Kreise sind keine Therapierunden, aber vielleicht ist genau das ein Merkmal unserer Zeit, dass wir diese Qualität des Sprechens und Zuhörens überwiegend nur noch in therapeutischen Zusammenhängen erwarten.

Was wäre, wenn sich solche Resonanz-Räume in Familien, Gemeinden, Gruppen und Kreisen, unter Arbeitskollegen usw. öffnen. Ich höre dich. Ich sehe dich. Nicht mehr und nicht weniger. Die eine Wahrheit löscht die andere nicht aus. Von »wir halten das nicht aus« zu »wir halten das gemeinsam«. Von »wir ertragen das nicht« zu »wir tragen das gemeinsam«. Und die Erfahrung ist, dass gerade dann Wunder geschehen, wie der Prophet Jesaja verheißungsvoll formuliert: »In der Wüste brechen Quellen hervor und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen« (Jes 35,6-7).

»Öffne Dich!«
Markus 7,34
23. Sonntag im Jahreskreis B

3 Kommentare

  1. Marina Fuhr

    Wunderschöne Zeilen! Mir aus dem Herzen gesprochen! Danke!

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  2. Imke Burmester

    Oh, wie wahr und wie schön!!! Dank dir sehr von Herzen, lieber Jan für diese klaren und treffendem Worte und Beschreibungen!
    Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass im Gespräch zu zweit ( mit Arbeitskolleginnen, Nachbarinnen… ) sich das Herz meines Gegenübers in dem Maße öffnen kann, wie ich mich traue aus meinem Herzen zu sprechen, mich zu offenbaren und auch sage, was ich beim Gegenüber wahrnehme/sehe! Und das sich das für beide Seiten heilsam anfühlen kannn..Weil es verbindet und uns spüren lässt, das wir alle Menschen sind!!!

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  3. Michaela

    Wie gut das Lesen tut! Da kennt sich jemand aus…, da steckt persönliche Erfahrung drinnen. Danke für das Worte finden und mitteilen!

    Antworten

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