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Franz von Assisi verkörpert die Kraft des Eros. 1206 – im Alter von etwa 25 Jahren – bricht er nach einer heftigen Auseinandersetzung vollständig mit seinem Vater und seinem bürgerlichen Leben. Mitten auf dem Marktplatz vor den weltlichen Richtern, dem Bischof und den Zuschauern entkleidet er sich bis auf die nackte Haut, gibt seinem Vater symbolisch Kleidung und Geld zurück und zieht in die Wildnis, um »nackt dem nackten Christus zu folgen«.

Die Nacktheit des heiligen Franziskus singt das Lied von Befreiung und Weite, Unabhängigkeit und Lebenslust, ohne nach dem Wie und Warum und dem Morgen zu fragen. Franz von Assisi ist selbst zum Symbol für ein »nacktes« Christentum aus Fleisch und Blut geworden. Gott hat in Jesus Christus »Fleisch angenommen«, heißt es im Glaubensbekenntnis. Und das heißt nicht bloß, dass Gott das Fleisch »angenommen« hat. Es bedeutet, dass unser Menschsein der Ort ist, an dem sich das Heil Gottes verwirklicht. Es gibt kein anderes Medium.

Deshalb ist die Beziehung zwischen zwei Menschen für Jesus und die frühen Christen wohl auch ein sehr prominenter Ort, an dem sich Gott offenbaren kann. Jesus bringt im Disput mit den Pharisäern um die Ehescheidung auch nicht nur einfach das Zitat aus Genesis 2,24: »Darum wird der Mensch (antropos) Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein.« Nein, Jesus setzt noch einen drauf und betont: »Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins« (Mk 10,8).

Die Kraft des Eros zieht uns zur Vereinigung. Dass wir sexuelle Wesen sind, bedeutet ja im Kern, dass wir uns als ergänzungsbedürftig erfahren. Daher übt die Sexualität eine solche Faszination aus. Sie verheißt und ermöglicht, die ersehnte Ganzheit zu erreichen. Sexuelle Beziehungen sind so gesehen ein Ritual, mit dem wir versuchen, unsere Ganzheit zum Ausdruck zu bringen. Für alle Rituale gilt aber, dass sie nur dann gelingen können, wenn unsere innere und äußere Wirklichkeit tatsächlich in Einklang kommen.

Bevor wir einen anderen Menschen lieben können, gilt es, uns selbst anzunehmen. Deshalb brauchen Männer eine Initiation in ihre »weibliche« Seite, die anima, um sie zu integrieren. Umgekehrt gilt für Frauen, dass sie ihren animus integrieren. Es braucht im Leben solche initiatorischen Orte, an denen wir angstfrei und unverkrampft über Sexualität sprechen können. Erst dann können wir reifen. Nur dann können wir aufzuhören, den Partner oder die Partnerin zu »brauchen« im Sinne von »gebrauchen«: Um nämlich zu spüren, dass wir liebenswert und ganz sind. Wenn wir solche Orte der Initiation, der Freiheit und Wahrhaftigkeit nicht mehr haben, geben wir unsere eigene Unsicherheit weiter an unsere Kinder und Enkel. Wahrscheinlich liegt dort ein Grund, warum viele Christen über Jahrhunderte gelernt haben, die eigene Sexualität und Körperlichkeit als etwas Profanes oder gar Schmutziges betrachten.

Jesus weiß offenbar, dass gesetzliche Regelungen »hartherzig« sind und eher dazu dienen, uns an unser Ego zu versklaven als zum Herzen durchzudringen. Er versucht nicht, die Kraft des Eros zu bändigen. Er verbannt Sexualität nicht ins Reich der Schatten. Er hat keine Angst vor Intimität. Intimität kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »in die Furcht hinein«. Es ist jene Qualität, die uns befähigt, der eigenen Finsternis, der Angst, nicht liebenswert und der Unfähigkeit zu lieben nicht auszuweichen. Und wer in Beziehung lebt, weiß, dass spätestens wenn die Flitterwochen vorbei sind, eine Beziehung solch eine Schwelle der Intimität erreicht. An dieser Schwelle entscheidet sich oft, wie es in der Beziehung weitergeht. Gesetze helfen hier nicht. Auch Menschen, die miteinander Kinder haben und verheiratet sind, bis der Tod sie scheidet, können einander tief verletzen und quasi gemeinsam einsam sein. Das Gelingen einer Beziehung hängt nicht allein von ihrer äußeren Verfasstheit ab. Es kann kein Gelingen geben, wenn die Fähigkeit zur Intimität verloren geht.

Franz von Assisi lebte ehelos und dennoch lebte er die Kraft des Eros. Das erinnert daran, dass Intimität eine Lebenshaltung ist, in die wir immer und überall hinein gerufen sind. Jeder Mensch. Wenn wir Intimität vermeiden, vermeiden wir Transformation und Reifung und lassen unser Potenzial verkümmern. Ob Menschen ehelos zölibatär leben oder in einer Beziehung: Es braucht Räume, in denen wir angstfrei und unverkrampft sprechen können, in denen wir wachsen können und lernen, uns selbst zu lieben und zu akzeptieren. Räume, in denen wir unser Herz für die ganze Wirklichkeit öffnen, damit wir nicht »hartherzig« werden. Ein Mensch allein kann das nicht. Auch eine Beziehung ist damit meistens überfordert. Es braucht Gemeinschaft von Männern und Frauen: Denn »es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt …« (Gen 2,18).

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018 (überall im Buchhandel oder hier).

»… ein Fleisch sein …«
Markus 10,8
27. Sonntag im Jahreskreis B

16 Kommentare

  1. Ole Voss

    Danke für die schöne Andacht, herzlichen Dank auch für die inspirierenden Internetseiten, seit behütet und weiterhin so gesegnet.Gruß Ole

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  2. Christian

    sehr schöne Gedanken und Impulse, die weiterhelfen.

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  3. Hedi Blech-Vidulic

    In neuerer Zeit – um nicht zu sagen “in der Neuzeit”! – lese ich immer wieder vom Sich-selber-lieben und -akzeptieren. Merkwürdig: Ich kenne niemanden, der sagt, er akzeptiere sich nicht, oder er liebe sich nicht. Wo sind denn eigentlich solche Menschen, die sich nicht mögen? Bitte, meldet Euch! Es grüßt Hedi.

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    • Jan Frerichs

      Wenn es uns schwer fällt oder sogar unmöglich ist, andere zu akzeptieren und so zu nehmen, wie sie sind, woran liegt das dann deiner Meinung nach?

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  4. Hedi

    Antwort an Jan von Hedi:
    Vielleicht daran, weil man ihnen zu lange zuhören muss? (haha!) Denn manche reden und reden oberflächliches Zeug … Das ist dann schlimm.

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  5. Hedi

    Schade, bis jetzt hast du mir so gut gefallen. Warum schreibst du das: “So wie Du gerade …”? Ich hab doch nur ganz kurz geantwortet.

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    • Jan Frerichs

      Nimm’s nicht persönlich 😉 Wenn einen Menschen etwas an einem anderen Menschen stört, dann hat es meistens mit dem zu tun, was er oder sie an sich selbst ablehnt. Du sagst, Du kennst niemanden, der sich selbst nicht akzeptiert. Ich kenne niemanden, der damit kein Problem hat und oft zeigt sich das, wenn jemand abschätzig über andere spricht. Ich schließe mich selbst ein. Und fand das gerade sehr lustig, weil Du Dich über die Leute beschwert hast, die zu viel schwätzen und noch dazu oberflächliches Zeug. Das Schöne ist, dass Du ihnen ja normalerweise nicht zuhören MUSST. Es sei denn, Du bist verheiratet mit einem solchen Exemplar. Und jetzt wäre es interessant, was Du tust, wenn Du an dem Menschen, den Du aus Liebe geheiratet hast, eines Tages Eigenschaften entdeckst, die Du “schlimm” findest – was auch immer das sei. Die Chance in Beziehungen ist, dass sie uns an diesen Punkt führen, an dem wir nicht mehr so leicht entkommen können. Die Frage ist, was wir aus diesen Chancen machen und wie wir mit Beziehungskrisen umgehen. Entscheidend ist für mich, dass in Wahrheit niemand jemals um diese Krise herumkommt, weil Weglaufen keine Lösung ist. Und ich kenne viele Menschen, die lange und intensiv weglaufen. Hab ich auch viel zu lange gemacht. Insofern geht es hier nicht um einen krankhaften Narzissmus, der autosuggestiv von Selbstliebe faselt und im Grunde nur versucht, die eigene Scheiße in Goldfolie zu hüllen. Es geht hier darum, die eigene Scheiße auf den Acker zu tragen, damit etwas daraus wachsen kann. Das erfordert allerdings ersteinmal, die eigene Scheiße als solche anzuerkennen. Darum geht es. Und das kann Angst machen, zumal sich das höchstwahrscheinlich durch keine Goldfolie der Welt vor dem Partner oder der Partnerin verbergen lässt. Da liegt die Herausforderung weshalb ich das Wort “Intimität” – in die Furcht hinein – so interessant finde.

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  6. Hedi

    Ich danke dir für die ausführliche Antwort. Hab allerdings nicht alles kapiert. Merkwürdig, dass du fast nur Menschen kennst, die sich selbst nicht akzeptieren (nicht mögen), während ich niemanden kenne, der sich selbst nicht mag. Auch Jesus nahm an, dass jeder Mensch sich selbst mag, sonst hätte er sicher nicht gesagt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!”. Natürlich habe ich die eine oder andere Eigenschaft, die mich stört; da versuche ich, mich etwas zu ändern. Aber im Allgemeinen finde ich mich ganz nett!!! Ich nehme an, meine Umgebung findet das auch, denn ich habe mit niemandem Streit. Das ist doch schon mal gut, oder?

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  7. Doris

    Danke, das ich durch diesen Dialog von euch beiden soviel lernen und mir klar machen kann. Liebe Hedi, wenn das nur mal so leicht wäre mit der Selbstliebe und Selbstannahme, dann müssten wir uns nicht so oft verstellen und die Maske aufsetzen.
    Jesus hat uns da einen Auftrag gegeben, der alles andere als einfach ist in der Realität, ich mag mich nicht immer leiden und dann………..

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  8. Hedi

    Hedi an Doris:

    Liebe Doris, endlich mal jemand, der sagt, er möge sich nicht. Aber warum magst du dich denn nicht?

    Antworten
  9. Gwendith

    Hallo Hedi,
    es ist beileibe nicht selbstverständlich, dass man sich selbst liebt. Es geht dabei nicht um Narzissmus, sondern einem wirklichen “Sich-selbst-annehmen”, auch in seinen Fehlern und Schwächen. Das ist mitunter sehr sehr schwierig. Wenn Du stabil bist und Dich selbst wirklich liebst, kannst Du auch die Welt lieben.
    Psychische Krankheiten wie Depressionen und Magersucht haben ihre Ursache in dieser “Nicht-Selbstliebe”. Das hat manchmal keinen konkreten Grund. Es ist einfach dieses Gefühl, perfekt sein zu wollen, es allen recht machen zu wollen. Das schafft man natürlich nicht und daran kann man dann zerbrechen. Man fühlt sich nie gut genug. Viele Menschen flüchten sich auch in Arbeit oder übermäßigen Aktivitäten, weil sie mit sich selbst nicht allein sein können. Sie brauchen ständig Berieselung und Ablenkung und können die Stille und die Konfrontation mit dem Selbst nicht ertragen.
    Viele ekeln sich vor dem eigenen Körper, mögen ihre Figur, ihre Haare, ihr Gesicht nicht, haben Probleme mit den eigenen Körperausscheidungen und dem eigenen Geruch. So viele sind auf der Suche nach Erfüllung, weil sie sich selbst nicht ertragen und nach Zufriedenheit und Lebenssinn suchen.
    Du kannst Dich als einen außergewöhnlich glücklichen und seltenen Menschen schätzen, wenn Du noch nie mit unausgeglichenen, übellaunigen oder psychisch kranken Menschen in Kontakt gekommen bist und von Dir selbst noch nie gesagt hast, dass Du Dich doof und nicht gut genug für diese Welt fühlst.
    Wahre Selbstliebe ist ein großes Geschenk und absolut keine Selbstverständlichkeit.
    Gottes Segen und Liebe mit Dir
    Gwendith

    Antworten
  10. Carsten

    Ein spannender Dialog! Für mich bedeutet es, dass ich viel Energie dafür aufwende, damit mein Ich vermeintlich in Ordnung ist. Sonst würde ich mich wahrscheinlich selbst nicht ertragen.
    Wenn ich Eigenschaften von anderen Menschen verurteile (und damit bin ich immerhin schon einen Schritt weiter, denn ich könnte auch den ganzen Menschen verurteilen), frage ich mich häufig, was hat das dem zugrundeliegende Gefühl mit mir zu tun. Warum reagiere ich genau auf diese Eigenschaft? Geht es um meinen Selbstwert, um meine Macht, wenn ich meine Anschauung über die des Anderen stelle? Wie ist es um meine Toleranz bestellt? …
    Also, wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, ist es gar nicht so einfach.
    Und doch liegt der Schlüssel für mich in der Selbstliebe und das im Sinne der Aufforderung von Jesus. Vielleicht hilft es auch das Ganze umzudrehen. Wenn ich lerne, den nächsten zu lieben lerne ich vielleicht auch mich zu lieben. Wir haben viel zu tun!
    Liebe Grüße
    Carsten

    Antworten
  11. Hedi Blech-Vidulic

    Liebe Gwendith und Carsten,
    ich danke euch für eure Zeilen. Nun merke ich, dass Selbstliebe ein Thema ist, über das man lange reden könnte. Ich wünsche wirklich allen, dass sie sich mögen, und denen, die sich nicht mögen, rate ich: Falls ihr mit eurem Äußeren unzufrieden seid, denkt daran, dass innere Werte wichtiger sind, und dass das auch die erkennen werden, die es wert sind, euch lieb zu haben. Was Eigenschaften betrifft, die man an sich selbst nicht mag, da kann man versuchen, sich zu bessern. Und wenn das oft nicht klappt, denkt einfach: “Immer mit der Ruhe, hab Geduld und versuche zu lachen, denn ich hab mich ja nicht selbst gemacht!”.
    Doch, Gwendith, doof finde ich mich auch ab und zu, aber das nehme ich mit Humor. Nicht gut genug für diese Welt finde ich mich eigentlich kaum, denn ich bemühe mich, meinen Mitmenschen gegenüber verständnisvoll zu sein, was auch nicht immer klappt; aber dann klappts vielleicht beim nächsten Mal. Jedenfalls sehe ich jetzt, dass ich mit meiner Einstellung zu den glücklichen Menschen gehöre – oder bin ich vielleicht nur eingebildet???

    Liebe Grüße,
    Hedi

    Antworten
  12. Gwendith

    Liebe Hedi,
    nein, ich glaube nicht, dass Du eingebildet bist 🙂
    Es ist schön, dass Du glücklich und zufrieden bist und das so offen sagen kannst. Das strahlst Du dann bestimmt auch aus. Ich wünsche Dir sehr, dass Du dieses positive Denken auch weiter behältst und damit andere ansteckst.
    Herzliche Grüße und Gottes Segen

    Gwendith

    Antworten
  13. Hedi

    Liebe Gwendith, nee, ich bin nicht ständig glücklich und zufrieden, da ich oft unter ganz schlimmen Ängsten litt und auch jetzt noch besonders um meine Angehörigen oft Angst habe. Ich bin ein “Kriegskind” (Zweiter Weltkrieg – damit du nicht denkst, ich stamme vielleicht noch aus dem Ersten!!!) und denke, die Ängste sind wahrscheinlich Folgen von in Kellern verbrachten Tagen oder Nächten, während die Bomben fielen … Aber das hat überhaupt nichts mit Liebe zu mir selbst zu tun.
    Eigentlich schade, dass man die E-Mail-Adresse der Kommentar-Schreiber nicht bekommen kann; vielleicht könnten wir interessante Themen austauschen. Wenn du möchtest, bitte Jan, dir meine Adresse zu geben.
    Lieben Gruß von Hedi aus Kroatien

    Antworten

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