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Zu den faszinierendsten Aussagen im Neuen Testament gehört für mich diese: »Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. In ihm wurde alles erschaffen …« (Kol 1,15). Hier geht es nicht um ein konfessionelles Erstgeburtsrecht und irgendwelche institutionellen Besitzstandsfragen, sondern um eine kosmische Vision.

Zum Wesen dieses Kosmos, in dem wir leben, gehört die Wandlung aller Dinge. Kein Staubkorn geht verloren, aus Altem wird Neues geboren. Christus verkörpert den Archetyp alles Geborenen. Ja, alles kommt »durch ihn« in diese Welt und damit durch den Vorgang einer Geburt. An diesem Prozess führt kein Weg vorbei.

Eine Geburt ist kein Spaziergang

Nun wissen wir, ob aus eigener Erfahrung oder Erzählung, dass eine Geburt kein Spaziergang ist. Sie bedeutet eine fundamentale Veränderung, die mit einem eigentümlichen Gemisch aus Ungewissheit, Faszination, Schmerz, Glück und Freude verbunden ist. Wenn wir als Kind das Licht der Welt erblicken, dann haben wir die erste große Krise bereits hinter uns.

Wir wissen heute, dass wir schon im Mutterleib fähig sind, unsere Umgebung wahrzunehmen. Wir hören den Herzschlag der Mutter, Geräusche wie im Ozean, denn wir schwimmen im Fruchtwasser. Es ist warm. Wir sind sicher. Geborgen. Und eins mit der Mutter, mit der uns die Nabelschnur verbindet. Wir SIND die Mutter.

Dann wird es eng. Oder wachsen wir? Wir rollen uns ein, machen uns klein, versuchen uns an die unvermeidliche Veränderung anzupassen. Aber die Komfortzone passt nicht mehr und irgendwann ist klar: Wir müssen raus. Und »draußen« ist plötzlich alles anders.

Wir können nicht zurückkehren in die alte Komfortzone: Das ist der Preis des Wachstums, der Entwicklung, der Reifung. Ein Prozess der Abtrennung beginnt, der uns ein Leben lang begleitet. Wir werden ein Ich, eine eigenständige Persönlichkeit. Und das beginnt mit einem vorsichtigen Hineinblinzeln in eine unbekannte Umgebung.

Leben ist Geborensein

Der Prozess der Geburt ist ein Symbol für das ganze Leben. Wir bewegen uns von einem Übergang zum nächsten. Das ist keine Krankheit, das ist normal. So ist die Natur, denn Leben entwickelt sich in uns und durch uns. Oder besser gesagt: Das Leben entwickelt uns und alles Lebendige. Wenn wir vor dieser Wirklichkeit nicht fliehen, sondern mitgehen, mitschwingen im Rhythmus des Lebens, können wir mit Paulus sagen: »Christus lebt in mir« (Gal 2,20).

Wenn dieser Prozess aus dem Gleichgewicht gerät, weil wir womöglich mit allen Mitteln die nächste »Geburt« vermeiden wollen, dann bleiben wir stecken in der Komfortzone. Wir können versuchen, den Schmerz zu betäuben. Wir können uns ablenken. Aber im Grunde fliehen wir vor der Frage, was wir loslassen müssen.

Die Vorstellung, dass das Leben erst dann in Ordnung ist, wenn wir keine Probleme mehr haben, ist ein Irrtum. Im Gegenteil: Solange es Probleme und Herausforderungen gibt, wissen wir, dass wir leben und der nächste Übergang, die nächste Geburt bevorsteht. Bis zum vorerst letzten Übergang: dem Tod.

Die Apostelgeschichte erzählt, dass nach Ostern viele »im Glauben zum Herrn« (Apg 5,14) geführt wurden. Und das bedeutet nicht in erster Linie, eine bestimmte Lehre anzunehmen, sondern im Kern geht es um die Erfahrung von Heilung: »Und alle wurden geheilt« (Apg 5,16), heißt es ausdrücklich. Zu Christus kommen möchte ich deshalb so verstehen: Den Kreislauf des Lebens wieder in Bewegung bringen und halten.

Heil werden in Christus

Wenn wir in eine Krise geraten, egal wie klein oder groß sie ist, gehen wir wieder durch einen Sterbe- und Geburtsprozess. Unsere Komfortzone wird in Frage gestellt. Die Krise drängt uns zur Veränderung und Anpassung. Im Neuen Testament gibt es dafür das wunderbare Wort Metanoia, das Umkehr, aber auch Verwandlung und Neuausrichtung bedeutet.

Das Lebensrad hilft uns, dieses Prozesshafte des Lebens besser zu verstehen. Es gibt uns Orientierung und wir können mit Hilfe des Rades prüfen, an welchem Übergang wir stehen und wo wir »stecken«, d.h. wo sich etwas aufgebläht hat und den Fluss des Lebens behindert.

Der Osten im Rad, der auch für den Frühling und den Morgen steht, symbolisiert zugleich die Geburt und den Tod. Die Qualität des Ostens im Rad ist eine geheimnisvolle Leerstelle, aus der der Prozess des Lebens hervorgeht und in die er im Tod wieder zurückkehrt und über die wir keine Kontrolle haben. Kein Weg aus einer Krise heraus führt am Osten vorbei.

Wie begegnest du Krisen im Leben?
Was bedeutet für dich »Heilung«?

»Und alle wurden geheilt …«
Apg 5,16
2. Sonntag der Osterzeit C

8 Kommentare

  1. Ursula

    Das mit dem “Rad” habe ich nicht verstanden. Welches Rad? Und: Wie findet man heraus, wovon und wie man sich verabschieden sollte und, wie es weitergehen kann?

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Das Lebensrad ist ein Modell, ein Kompass für die Seele auf dem Weg durch das Leben, das wir in der Lebensschule verwenden in der Prozessbegleitung. In aller Kürze: Menschwerdung heißt, die Jahreszeiten zu durchleben – innen wie außen. Sommer mit Wärme, Sinnlichkeit und Erotik. Herbst mit Stürmen und Ungewissheit. Winter mit Klarheit und Verantwortung. Und Frühling mit aufbrechendem Leben und Kreativität. Das Lebensrad ist sozusagen ein »Mandala« des Lebens, das Orientierung gibt und hilft, die Wirklichkeit zu verstehen. Es ist aber auch ein Symbol des Lebensmysteriums. In den Beitägen der kommenden Wochen wird das sicher Stück für Stück klarer.

      Die Frage, wie man herausfindet, was dran, was richtig, was falsch und nicht dran ist, ist ja nun die Kernfrage des Lebens überhaupt. Das Rad wird es Dir nicht »orakeln«. Es ist mehr ein Spiegel, in dem Du Dich selbst erkennen kannst. Zum »Herausfinden« gehört meiner Meinung nach auch noch mehr als der Intellekt. Sprich: Wir werden die Fragen nicht im Kopf lösen, sondern nur, wenn wir Herz und Bauch und Beine mit einbeziehen. Deshalb bieten wir ja in der Lebensschule Visionssuchen an. Das ist sozusagen »Geburtshilfe« für die Frage: Wie finde ich heraus …

      Antworten
  2. Doris

    Danke für diese treffende Beschreibung. Die bildhafte Darstellung hilft mir ungemein mich hineinzuversetzen und damit auch der Transfer zu meinem Leben gelingen kann.
    Wieder einmal das, was ich genau heute brauche, um einzuordnen was gerade bei mir los war und ist.

    Gut das ich in “barfuß & wild” nachlesen kann was das Lebensrad mir zeigen will.
    Ein besonders großes DANKESCHÖN dir Jan

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  3. Petra

    Ein Kompass für die Seele – ein Mandala des Lebens – was für wunderbare Bilder, die mich das L E B E N neu l(i)eben lassen wollen. Kontrolle aufgeben – loslassen – vertrauen ! Danke für die Impulse.

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  4. Pit

    Danke für die bildreichen und gut verständlichen Worte; Frühjahr, Ostern, Tod und Auferstehung – Ende und Neubeginn als einen gleichzeitigen Prozess – zu begreifen und zu erspüren!

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