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Da stößt ein Mann aus heiterem Himmel und ohne erkennbaren Grund eine Mutter und ihren achtjährigen Sohn vom Bahnsteig. Die Mutter kann sich gerade noch retten. Der Junge wird überrollt und stirbt. Was für eine grauenhafte Tat. So eine Nachricht konfrontiert uns mit einer abgründigen Realität: Das Leben ist auch unsicher, bedroht und kann jederzeit zerbrechen oder zerbrochen werden. Wie gehen wir damit um?

Die Suche nach Erklärungen

»Dunkle Mächte«, »Dämonen« und »böse Geister« helfen uns nicht mehr, die dunklen Seiten der Wirklichkeit zu erklären. Wir haben sie verbannt – ins Kino oder ins Theater. Man mag das für fortschrittlich halten. An der Wirklichkeit hat das allerdings nichts geändert: Die dunklen Seiten sind nach wie vor da.

Was treibt einen Bahnsteigmörder? Wir wünschen uns rationale Erklärungen. Zum Beispiel eine Beziehungstat, ein klares Motiv wie Rache oder ähnliches. Aber in diesem Fall war es einfach nur Mordlust, der abgründige Hunger, totale Macht über einen anderen Menschen auszuüben. So jedenfalls die Erklärung von Kriminalpsychologen. Aber hilft uns das wirklich weiter? Das bestätigt ja nur, dass es eine dunkle Seite gibt, die offensichtlich nicht vollständig kontrollierbar ist.

Die dunkle Seite im Lebensrad

Das Lebensrad ist zugleich ein Symbol für die helle wie die dunkle Seite der Wirklichkeit: Zum Tag gehört die Nacht, auf den Sommer folgt ein Winter, früher oder später wird es nun einmal dunkel und wir können die Dunkelheit nicht aufhalten. Der Westen, wo die Sonne untergeht, steht im Lebensrad für den Übergang von der hellen zur dunklen Seite. Jahreszeitlich ist das der Herbst: Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit breitet sich aus.

Der Westen symbolisiert unsere Psyche, unser Inneres. Die Bewegung, die mit dieser Qualität verbunden ist, zeigt sich in unserer Sprache, wenn wir sagen, dass wir »in uns gehen« oder »inne halten«. Im Westen sortieren wir uns im Inneren: An welcher Stelle ist mein Herz berührt? Welche Emotionen und Erinnerungen löst ein Ereignis aus? Wo werden alte Wunden berührt und verstärken den Schmerz? Was sind jetzt meine Möglichkeiten, welche Ressourcen kann ich aktivieren? Usw.

Das Lebensrad lädt uns im Westen ein, mit dem Schatten zu tanzen. Ich finde das Bild hilfreicher, als die Vorstellung von einem Kampf gegen Drachen oder Dämonen, wie sie oft in der Mythologie auftauchen. Keine Qualität im Lebensrad ist besser oder schlechter als die andere. Das lehrt uns, anzuerkennen, dass auch der Schatten nicht etwa selbst »das Böse« ist, sondern ein Potenzial birgt. Entscheidend ist, was wir draus machen.

Das Lebensrad als Prozessmodell

Das Lebensrad ist außerdem ein Prozessmodell. Sprich: Es macht uns aufmerksam, dass wir nicht von einer Qualität zur anderen springen können. So ist ein überraschendes und unerwartetes Ereignis (Osten) eine Unterbrechung, auf die wir reagieren, etwa mit spontanem Erschrecken, Angst, Unsicherheit usw. (Süden) und die uns zur Auseinandersetzung ruft oder auch zwingt (Westen), damit wir unsere Möglichkeiten erkennen und handeln können (Norden), denn nur so kann das Leben weitergehen (Osten).

Wir können natürlich steckenbleiben: Das wäre der Fall, wenn wir einfach im Süden bleiben, die Augen verschließen und entweder nicht hinschauen, erstarren oder in Panik geraten. Das alles bringt uns weiter. Häufig weichen wir aus, indem wir gleich in den Norden springen, in die Aktion, in die Vernunft, in den Versuch, alles rational erklären zu wollen, sofort eine Lösung zu finden, ohne sich mit den eigenen Emotionen, der Sprachlosigkeit, der Ratlosigkeit auseinanderzusetzen. Auch das funktioniert im Grunde nicht.

Ent-Scheiden

Jede Entscheidung, die gründlich getroffen will, bedarf eines solchen Tanzes mit dem Schatten. Das gilt auch für Gruppenprozesse. Als vor einigen Jahren das Land die Grundschule in unserem kleinen Ort schließen wollte, formierte sich spontan eine Protestbewegung. Die erste Zusammenkunft drehte sich um zwei Fragen: Was ist passiert? Was können wir tun?

Ich schlug vor, noch eine dritte Frage dazwischen zu nehmen: Warum trifft uns die Schließung so, was ist uns wichtig, was verletzt uns? Denn ich hatte den Eindruck, dass wir von unserer spontanen Reaktion auf das Ereignis mit Wut, Trauer und Ohnmacht (Süden) zu schnell in die Tat springen wollten (Norden). Ich befürchtete, dass das keine wirksame Aktion, sondern schlimmstenfalls blinden Aktionismus hervorbringen würde.

Leider ließen wir diese Fragen unbeantwortet liegen. Einerseits aus Zeitgründen. Und es gab auch einige, die keinen Sinn in dieser Frage sahen: »Was soll das Gequatsche? Es ist doch klar, was wir wollen: Die Schule erhalten!« Und so bildeten wir Arbeitsgruppen und versuchten, die einzelnen Teile unserer Protestaktion zu planen, aber ohne Klarheit über die genaue Zielrichtung. Was z.B. sollte genau auf die Protestplakate geschrieben werden? Überdies entwickelten mehrere Gruppen parallel sehr ähnliche Aktionen, was am Ende wenig effektiv war und auch nicht wirklich kreativ.

Angst verwandeln!

Ich fürchte, dass wir auch gesellschaftlich diese Auseinandersetzung mit der Qualität des Inneren, des Dunklen meiden und uns lieber auf der rationalen Achse bewegen. Die Folge ist, dass wir die mit dem Schattenhaften verbundene Angst nicht verwandeln können, sondern immer und immer weitergeben und sogar vermehren.

Kein Wunder eigentlich, dass es Hetzern offenbar gelingt, nach solchen furchtbaren Ereignissen wie den Bahnsteigmorden – zudem mit gezielten Falschinformationen – die Angst und Unsicherheit unter uns noch mehr zu schüren: Die Angst vor Flüchtlingen, die Angst vor Terrorismus oder vor was auch immer.

So beschwören sie erst recht böse Geister und Dämonen herauf, die wir ja eigentlich verbannt hatten. Ja, vielleicht waren unsere Vorfahren an dieser Stelle doch klüger als wir, weil sie zumindest ein Bewusstsein für diese Kräfte hatten. Wir dagegen lügen uns im Grunde in die Tasche, wenn wir annehmen, wir könnten alles in den Griff bekommen, während wir in Wahrheit den Boden unter den Füßen verlieren.

Konfrontation

Ich bin daher überzeugt, dass es nur einen Weg gibt: hindurch. Das bedeutet: sich konfrontieren. Die Wirklichkeit anschauen. Im Englischen heißt es »to face«. Entscheiden können wir nur, wenn wir auch unterscheiden: Was ist wesentlich? Was ist nur »Windhauch« (Koh 1,2)? Was stärkt unser Herz wirklich? Was gibt uns nur äußerlich das Gefühl von Sicherheit, aber in Wahrheit sind wir »bei Gott nicht reich« (Lk 12,21)?

Der Tanz mit dem Schatten, die Auseinandersetzung mit Dunkelheit, Ungewissheit und Angst, gehört zu jedem Reifungs- und Entwicklungsprozess. Das sehe ich, wenn wir Visionssuche machen. Je näher die Auszeit in der Natur, vor allem aber die Erfahrung der Nacht, rückt, desto greifbarer werden die Angst und die Unsicherheit. Bei einigen äußerlich, bei anderen mehr innerlich. Das spielt keine Rolle.

Sorgen machen würde mir, wenn jemand behauptete, er kenne keine Furcht und keinen Schatten, der ihm Angst machen oder ihn sonst wie herausfordern könnte. Ich habe dagegen Menschen erlebt, die nach furchtbaren Schicksalsschlägen durch die Dunkelheit der Trauer hindurch gegangen sind und keineswegs daran zerbrochen, sondern auf geheimnisvolle Weise gewachsen sind.

Mitgefühl

Der Tanz mit dem Schatten ermöglicht Mitgefühl. Denn beim Tanzen geht es nicht darum, dass eine Seite »gewinnt«. Es geht vielmehr um eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit füreinander. Man lässt sich vielleicht führen, aber verliert nicht die eigene Autonomie. Mitgefühl ist in ähnlicher Weise passiv und aktiv zugleich. Nur wenn ich mich nicht wegschwemmen lasse von meinen Gefühlen, kann Mitgefühl entstehen. Und was könnten wir einer Mutter, die ihr Kind auf sinnlose Weise verloren hat, überhaupt geben? Nichts. Nichts als unser ehrliches Mitgefühl.

 

  • Erforsche den Schatten: Was ist dein größter Schmerz, was fürchtest du am meisten, was soll niemand sehen?

  • Wann hast du zuletzt »mit dem Schatten getanzt«? Was ist dir daraus erwachsen?

»Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.«
Kohelet 1,2
18. Sonntag im Jahreskreis C

5 Kommentare

  1. Pit

    Hallo Jan
    Deine heutigen Gedanken treffen mitten ins Herz. Gerade zur Zeit, in der die Bewegung “friday för future” richtig Fahrt aufnimmt u die Zukunftsangst immer deutlicher wird. Wir haben verlernt inne zu halten, wollen gleich handeln, Probleme angehen u vergessen uns selbst “mitzunehen”. Wir versuchen unsere Ängste zu unterdrücken, anstatt sie wahrzunehmen, sie auszutauschen und dadurch auch zueinander zu finden.
    Das Lebensrad mit seinen Stationen ist hier sehr hilfreich.

    Antworten
    • Jan Frerichs

      Ja, danke für das Feedback. Ich erlebe es oft in lokalen Zusammenhängen: In der Politik, in Vereinen, in meiner Kirchengemeinde. Selten treffe ich auf diese Qualität des “Innehaltens”.

      Einmal – auf einer Protestaktion gegen die Grundschulschließungen im Land – gab es einen älteren Herrn, ein Bürgermeister, ich weiß es nicht mehr, der mitten in der hitzigen und von Vorwürfen und entsprechenden Verteidigungsreden geprägten Diskussion das Wort ergriff und zu erkennen gab, dass er beide Seiten, in diesem Fall das Land und die Schulen, verstehen konnte. Für einen Moment war der Raum offen und wären ihm alle gefolgt, hätten sie sich radikal ehrlich machen müssen: Die Vertreter der Grundschulen hätten zugeben müssen, dass das Land schon recht hatte mit der Frage, ob die kleinen Schulen denn effizient arbeiten könnten. Und das Land hätte zugeben müssen, dass das Projekt defacto gescheitert war, weil man gesehen hatte, dass die meisten kleinen Schulen sehr gut funktionierten und viel Unterstützung hatten.

      Mir geht’s jetzt nicht um die Argumente an sich, aber um die Fähigkeit, das Ganze zu sehen. Und die erfordert eben, auch das Dunkle anzuschauen, was ich auf keinen Fall anschauen will, was ich vermeide und fürchte usw. – was im Schatten liegt.

      Im Grunde ist es kein Wunder, dass “friday for future” eine Jugendbewegung ist. Der Westen im Lebensrad ist auch die Qualität der Jugend, die in davon geprägt ist, die Konventionen zu brechen, die Dinge noch einmal neu zu betrachten, auch den Finger in die Wunde zu legen usw., weil das zur Selbstwerdung gehört. Die Frage wird sein, wer das anerkennt und wirklich “hört”.

      Denn den Westen übergehen, heißt eben auch, die Jugend übergehen! Tatsächlich würdigt unsere Kultur diese Qualität nicht mehr und verkennt das Potenzial darin, meine ich. Insofern macht mich die Klimabewegung froh, weil ich sehe, dass sich diese Jugend nicht totschweigen lässt mit ihren Anliegen. Das macht einen sehr gesunden Eindruck.

      Antworten
  2. Brigitte Heitmann

    Ein Text des Innehaltens und uns vor Augen hält,dass das Grauen neben dem Schönen im Leben immer dasein wird. Gestern Zwischenstation Frankfurt HBF Gleis 7
    Business as usual,aber am Ende des Gleises Blumen und Kerzen und betroffene schweigende Menschen. Es hat mich noch lange beschäftigt

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  3. Wenz, Hannelore

    Mir tut dieser Artikel ganz besonders gut. Denn nur durch Reifung- und Entwicklungsprozesse kann das Leben wirklich gelingen. Es ist ein Segen, ihn zu durchlaufen…. und er wird erst mit dem Tod enden.

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  4. Doris

    Lieber Jan, ich danke dir für den ganz wichtigen Hinweis eine dritte Frage in einen Prozess mit hineinzunehmen.
    Für mich gerade besonders wichtig, damit ich mir klarmachen kann was mich verletzt mich triggert und emotional aus dem Gleichgewicht bringt.
    Erst wenn ich das anschaue, mit meinem Schatten tanze, dann ERKENNE ich ……
    Das ist vielleicht entscheidend für die Lösung.
    Danke auch für die Impulsfragen am Ende des Textes. Damit hinaus zu gehen in die Natur bringt mir Klärung.

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