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Das Motto »nackt dem nackten Christus folgen« stammt von Hieronymus, einem Kirchenvater, der aufgrund seiner harten Askese meistens schlecht gelaunt gewesen sein soll. In der christlichen Tradition werden mit Nacktheit nun einmal zumeist körperliche Schmerzen, Schweiß, Blut usw. assoziiert. Dabei gehören zur Nachfolge Christi auch die fröhlichen und genussvollen Körpererfahrungen. Wer sie meidet oder gar verbietet, leugnet de facto die Menschwerdung und kommt nicht in Kontakt mit dem »Christus in mir« (Gal 2,20).

Säkulare Körperfeindlichkeit

Die negative Sicht auf den Körper in der Tradition betrifft nicht bloß jene, die sich heute Christen nennen. Sie ist auch ein Teil unserer säkularen Kultur geworden. Freilich begegnet uns in den Medien überall Nacktheit, aber eben nur scheinbar als Ausdruck von Freiheit und Lebendigkeit. In Wahrheit sind nur vermeintlich »perfekte« Körper akzeptiert, schlank und durchtrainiert, »gesund« eben.

So findet eine Leidensspiritualität, die gegen die Körperlichkeit ankämpft, ihre Fortsetzung in Fitnesswahn, Diäten und nicht zuletzt an den OP-Tischen der Schönheitskliniken. Wer oder was befreit uns von einer Askese, die die Welt in ein Trainingslager verwandelt und uns glauben macht, grundsätzlich nicht zu genügen? Wer oder was befreit uns zu einer Kultur, die unsere Körperlichkeit auf zärtliche und zugleich kraftvolle Weise verwirklicht?

Nackte Begeisterung

Die Armutsbewegungen im Mittelalter übernahmen die Worte »nackt dem nackten Christus folgen« als Wahlspruch und so erklärt sich auch die Verbindung mit der franziskanischen Bußbewegung. Als Franz von Assisi sich am Ende seines Lebens zum Sterben nackt auf die Erde legen ließ, hatte er bezeichnenderweise Wundmale an Händen, Füßen und an der Seite. Die Anwesenden erkannten darin die »Leidenszeichen Jesu«, von denen schon der Apostel Paulus gesprochen hatte (Gal 6,17).

Es gibt bei Franz von Assisi aber auch noch andere Zugänge zum Körper und zur Nacktheit: Als der reiche Kaufmannssohn sich im Streit vor Gericht von seinem Vater lossagt, gibt er ihm mit seiner Kleidung symbolisch allen Besitz zurück. Schließlich steht er völlig nackt auf dem Marktplatz vor den staunenden Bürgern. Er besitzt nichts mehr und hat nur noch einen »Vater im Himmel«. So bricht Franz von Assisi nackt auf in ein Leben als Stadteremit jenseits der Stadtmauern und aller bürgerlichen Sicherheiten und Konventionen.

Die Nacktheit des Heiligen Franz ist keineswegs nur mit Schmerz und Leiden verbunden, sondern singt auch ein Lied von Befreiung und Weite, Unabhängigkeit und Lebenslust. Sie fragt nicht nach dem Wie und Warum oder dem Morgen. Sie symbolisiert einen Akt radikaler Hingabe. In ihr scheint die Kraft und Begeisterung des Eros auf. Mich hat genau das auf die franziskanische Spur gelockt und ich bin überzeugt, dass wir alle in uns einen Ort nackter Begeisterung hüten. Ihn gilt es wiederzuentdecken.

Nackt sein heißt berührbar sein

Franziskus findet später eine Bestätigung für seinen Aufbruch im Auftrag Jesu an die Jünger, »keinen Geldbeutel, keine Vorratstasche und keine Schuhe« (Lk 10,4; Mt 10,10) mitzunehmen. Wenn die Schutzschichten abgestreift sind, ist tiefe Berührung möglich und das nicht bloß in Verletzbarkeit, Schmerz und Leiden, sondern auch in Lebendigkeit, Freude und Genuss.

Jesus wurde von seinen Feinden als »Fresser und Säufer« (Mt 11,19) beschimpft – offenbar war er also den Freuden des Essens, Trinkens und der Geselligkeit zugetan und somit alles andere als ein schlecht gelaunter Asket und Einzelgänger. Da ist auch die Geschichte überliefert von einer Frau, wahrscheinlich eine Prostituierte, die Jesus aus Liebe und Dankbarkeit die nackten Füße mit kostbarem Öl salbt und »abküsst« – und das nicht nur einmal, sondern »unaufhörlich«, wie es heißt (Lk 7,45). Er lässt es ausdrücklich zu und niemand kann die Erotik in dieser Szene leugnen.

Später wird Jesus seinen Jüngern die Füße waschen, womöglich inspiriert durch die Liebe dieser Frau. Der Evangelist Johannes überliefert diese Fußwaschung im Rahmen des letzten Abendmahles. Hätte sich das Christentum körperfreundlicher (und weniger patriarchal?) entwickelt, vielleicht würden Christen einander sonntags die Füße Waschen und nicht (nur) Brot und Wein teilen.

Nackte Herzen

Jesus war also offensichtlich weder körperfeindlich, noch war er ein asketischer Miesepeter. Genauso wenig wie Franz von Assisi, der wie kein anderer diese körperliche Spiritualität ins Christentum zurückholt. Er hatte nicht nur nackte Füße, sondern auch ein nacktes Herz. Er bezeichnete alles Geschaffene – Menschen, Tiere, Pflanzen, ja sogar die Elemente und Mineralien – als Geschwister. Er tanzte mit Bruder Feuer, betete in der wilden Natur, deckte den Tisch zum Essen auf der nackten Erde usw.

Franziskus forderte einen zärtlichen und klugen Umgang mit »Bruder Leib«, wie er den Körper nennt: »Ein Knecht Gottes muss seinen Leib im Essen, Schlafen und anderen Bedürfnissen mit Klugheit zufrieden stellen, damit Bruder Leib nicht murren kann, indem er sagt: Ich kann weder aufrecht stehen, noch in meinen Bedrängnissen frohlocken und andere gute Werke vollbringen, weil du mich nicht zufrieden stellst« (Per 120,7).

Nackte Armut

Fasten und Verzicht waren für Franziskus kein asketisches Training. Er konnte die Fastenzeit unterbrechen, wenn einer der Brüder den Hunger nicht aushielt, und ließ alle aus Solidarität mitessen. Es ging nicht ums Gewinnen, sondern darum, durchlässig zu werden und in Berührung zu kommen mit dem Leben und man könnte sagen mit dem »wahren Selbst«, das jeder Mensch ist unter den Schutzhäuten und jenseits aller Absicherungen und ohne die Dinge, mit denen wir oft die Leere in der Seele stopfen – und Franziskus wusste, dass das Ego nicht bloß materielle Süchte kennt.

Die franziskanische Askese ist auch eine radikale Solidarität mit den Armen, die nichts mehr haben und in den Augen der anderen nichts mehr sind, als nur noch sie selbst. Es ist ein körperliches Parteinehmen, wenn Franziskus ihre Not bewusst teilt. Im Kern ging und geht es dabei um die »Armut im Geiste«, die Jesus lehrte, und »Nacktheit« ist im Grunde bloß ein anderes Wort dafür.

Das wahre Selbst berühren

In dieser Nacktheit des wahren Selbst endet jegliches Status- und Hierarchiedenken. Das ist ein universales Symbol. Wir finden es auch in Mythen und Märchen. Z.B. in Andersens Geschichte »Des Kaisers neue Kleider«. Nicht zufällig ist es ein Kind, das die Nacktheit des betrogenen Monarchen aufdeckt: »Der Kaiser ist nackt«.

Auch der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz verwendet das Wort »Nacktheit«, wenn er sagen will, dass nichts mehr da ist, was von Gottes Wahrheit trennen könnte: »In dieser Nacktheit findet der spirituelle Mensch seine Ruhe und Erholung, denn weil er nach nichts mehr süchtig ist, erschöpft ihn nichts …« (1 Aufstieg 13,13). In dieser Nacktheit zeigt sich unser wahres Selbst und ohne diese Nacktheit ist es unmöglich, Gott zu berühren. Sie bringt uns in Kontakt mit Christus, der in jedem von uns wohnt.

Die eigene Nacktheit annehmen

Der Süden im Lebensrad erinnert uns an diese Nacktheit und damit an das, was und wer wir wirklich sind. Mit dieser Qualität ist auch die Unschuld jenes Kindes verbunden, das wir alle einmal waren und tief in der Seele immer noch sind. Sich diese Qualität bewusst zu machen, heißt nicht, auf einmal keine Scham mehr zu empfinden. Aber es macht einen Unterschied, ob ich die Scham habe oder ob sie mich hat.

Gut zu wissen, dass das Ego, d.h. die Schutzhäute und -mechanismen nicht mein wahres Selbst sind. Ich kann genau hinschauen, wann und wo der »Panzer« durchlässig wird. Meist geht das nicht ohne die Erfahrung von Liebe und deshalb wäre es kontraproduktiv, die Sehnsucht nach Lebendigkeit, Freude, Lust und Genuss zu unterdrücken. Und natürlich hinterlassen Erfahrungen von großem Leid vielleicht Risse in unseren Schutzhäuten. Genau dort scheint dann das Licht hindurch, wenn wir dafür aufmerksam sind.

Das Lebensrad lehrt auch, dass ohne diese Qualität unschuldiger Nacktheit das Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Wir werden nicht das Potenzial entfalten können, das in uns steckt, und somit niemals unserer Berufung wahrhaft folgen können, wenn wir uns nicht mit unserem nackten Selbst- und Sosein versöhnen und wirklich mutig und zutiefst glauben, was Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gibt: »Nichts wird euch schaden können« (Lk 10,19).

Welche Schutzhäute trägst du in Deinem Leben?
Welche dieser Häute würdest du gerne ablegen, weil sie zur Last geworden ist?
Welche neue Haut, vielleicht noch sehr empfindliche Haut, erkennst du unter der alten?

»Nichts wird euch schaden können.«
Lukas 10,19
14. Sonntag im Jahreskreis C

3 Kommentare

  1. Katrin Gergen-Woll

    Vielen Dank für diese inspirierenden Gedanken zum Thema Körperlichkeit. Ich möchte eine Frage aufgreifen:
    Wer oder was befreit uns zu einer Kultur, die unsere Körperlichkeit auf zärtliche und zugleich kraftvolle Weise verwirklicht?
    Ich finde im Tanz (den die Kirche leider auch lange Zeit “verteufelt” hat) einen Erfahrungsraum, in dem Körperlichkeit positiv wahrgenommen wird. Im Tanzen erlebe ich mich als lebendig & beweglich, lasse mich von der Musik führen, von anderen Menschen an die Hand nehmen …
    Herzliche Grüße, Katrin

    Antworten
  2. Doris

    Danke Jan das deine Beiträge immer wieder mit Frageen abschließen, die mich zu mir führen. Wieder einmal rührt mich der Text in meiner derzeitigen Verfassung enorm an.
    Mit dem meditieren des Textes finde ich leichter Antworten auf die Fragen. Mit meinen Antworten auf die Fragen verstehe ich den Text besser.
    Ein herzliches Danke, auch dafür, das diese Themen von dir offen aufgegriffen werden. Ist mir bisher nicht begegnet, vielleicht ist aber meine Zeit JETZT reif dafür.
    Doris

    Antworten
  3. Geneviève

    Wie gut zu lesen, lieber Jan, dass genau durch die Risse meiner verletzten Schutzschicht das Licht scheint! Wo ich mich meiner Verletztheit so oft schäme -als ein Verrat an Gott, etwas, was mich nach hinten zieht…
    Und auch tiefsten Dank für diese Begriffsklärung – nein, natürlich ist nicht der Körper das ” Grab der Seele” (Plato), sondern das Ego…und ab hier darf ich nachdenklich werden, was mein Ego Unnötiges und Beschwerendes so alles begehren mag!

    Antworten

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