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Der Weg des heiligen Franz von Assisi ist für viele Zeitgenossen eine Provokation gewesen. Und ist es bis heute. Vermutlich liegt das im Kern daran, weil er grundsätzlich nichts und niemanden ausschließt. Seine Spiritualität ist radikal nicht-exklusiv. Sie ist auch radikal »katholisch«, denn das heißt ja wörtlich »allumfassend«.

Franziskus meidet jede Form von Herrschaftsanspruch, die die Welt in heilig und profan aufteilt. Es geht auch nicht darum, alles Profane irgendwie und irgendwann heilig zu machen. Franziskus kennt diese Kategorien im Grunde nicht mehr: Gott lässt sich überall finden.

Das liegt ganz auf der Linie Jesu, der sich im Markusevangelium in einen seltsamen Streit mit den Schriftgelehrten verwickelt. Es geht da um religiöse Sitten und Gebräuche wie etwa die rituelle Reinigung vor den Mahlzeiten. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie Jesus die gleiche Auseinandersetzung mit einem orthodoxen Katholiken oder irgendeinem Vertreter irgendeiner Religion führen würde. Aber warum ist das Jesus so wichtig?

Früher oder später geht es in Gruppen darum, wer zur Gruppe gehört und wer nicht. Genau diesen Mechanismus aber will Jesus aufbrechen. Und das betrifft nicht nur die Religion, sondern im Grunde jede Gruppe, die »Satzungen« und »Überlieferungen« entwickelt (vgl. Mk 7,7-8). Wir können uns besser fühlen als andere, weil wir den Rasen in unserem Vorgarten kurz halten. Wir können uns besser fühlen als andere, weil wir vegan essen.

»Heuchler« nennt Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer. Denn egal, was wir tun, es macht uns nicht per se zu einem guten Menschen und verhindert nicht automatisch, dass unser Herz zur Mördergrube wird. »Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz» (1Sam 16,7). Oder modern gesprochen: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Deshalb sitzt Jesus auch mit »Sündern« zu Tisch . Er hat außerdem die »kleinen Leute« im Blick, die sich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe vielleicht schlicht nicht leisten können. Bei Gott gibt es solche Grenzen nicht.

Demonstrativ und radikal hat auch Franziskus solche Gruppengrenzen durchbrochen und sich zu den Aussätzigen gesellt. Sie waren zu jener Zeit der Abschaum, den man sicherheitshalber vor die Tore der Stadt kehrte. Bei den Aussätzigen hat Franziskus Geschwisterlichkeit kennengelernt und den Horizont dieser Geschwisterlichkeit in den folgenden Jahren immer erweitert bzw. entdeckt, dass die Geschwisterlichkeit Gottes »allumfassend« ist: In der friedlichen Begegnung mit dem Sultan Malik-al-Kamil umfasst sie die Ungläubigen und im Sonnengesang schließlich das ganze Universum.

Diesen Blick zu lernen ist das wahre Ziel spiritueller und religiöser Praxis. Das bedeutet eben nicht, dass religiöse Praxis sinnlos wäre. Ebenso wie es sinnvoll sein kann, den Rasen kurz zu halten oder vegan zu leben. Aber wenn wir unser Ego bestimmen lassen, dann gehören wir schnell zu jenen Menschen, die sagen: »Es geht NUR so!« und wir müssen zwangsläufig andere und anderes ausschließen. Das ist nicht die Perspektive Gottes, »Vater der Gestirne«, von dem in Wahrheit »jede gute Gabe« kommt (Jak 1,17). Die eigenen »guten Taten« müssen sich an dieser universalen Perspektive messen lassen.

Jede gute Gabe vom kommt Vater der Gestirne.
Jak 1,17
22. Sonntag im Jahreskreis B

2 Kommentare

  1. Petra Zeidler

    DANKE für diese wunderbare Er-Klärung. Häufig sind gerade negative Gefühle, Ereignisse, Begegnungen, Wahrnehmungen, die mir zeigen wollen was ich zu tun, anzunehmen und loszulassen habe – mir das Wesentliche offenbaren.

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  2. i.schäfer

    Ich danke Gott, daß er mich zu diesen Seelenpfaden / Impulsen ‘geschuppst’ hat. Ich danke ihm für das Buch ‘barfuß & wild’. Das ist mir sehr wichtig geworden. Leider ertappe ich mich oft dabei, einzugrenzen, auszugrenzen, zu begrenzen.
    Möchte lernen, immer wieder neu die Geschwisterlichkeit mit der von Gott geliebten Schöpfung zu leben.

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