Eine facebook Freundin, Franziskanerin im OFS wie ich, jubelt auf ihrer Seite über den neuen brasilianischen Präsidenten. Der will »die brasilianische Industrie retten« und dafür im Grunde den Regenwald zur Abholzung freigeben und verfeuern. Einer linken Politikerin sagte er einmal, sie sei es nicht wert vergewaltigt zu werden, weil sie so hässlich sei. Aber er ist gegen Abtreibung und deshalb findet sie ihn gut. Finde den Fehler.

In den vergangenen Wochen hat mich das beschäftigt: Wie kann ein Christ seine Stimme einem Politiker geben, dem der Regenwald und der Klimawandel egal sind? Steht das nicht im Widerspruch zur Schöpfungsliebe eines Franz von Assisi? Wie kann ein Christ jemandem applaudieren, der abfällig über Frauen, Schwarze und Schwule spricht und zugleich an den Gott Jesu glauben? Was soll das für ein Gott sein, der Sexismus, Rassismus und Ausgrenzung befürwortet? Und die Frage ist ja nicht nur in Brasilien angebracht.

Wie lässt sich das erklären? Gott sei Dank gibt es die integrale Theorie und Spiral Dynamics. Wir dürfen davon ausgehen, dass sich das menschliche Bewusstsein sowohl individuell als auch kollektiv entwickelt von einer Stufe zur nächsten (Übersicht). Und der Gott meiner facebook-Freundin ist wohl der Gott der Stufe Blau: Der Allmächtige, der Einzige, der Richter. Wer an ihn glaubt, glaubt automatisch das Richtige und grenzt sich ab vom Falschen. Widersprüche haben da naturgemäß wenig Platz. Sie zu integrieren würde das »blaue« Weltbild ins Wanken bringen. Wie kommen wir dann aber zu einem menschenfreundlichen Gott (Stufe Grün) oder sogar zum Gott Meister Eckharts, der sagt »Gott und ich, wir sind eins« (Stufe Gelb).

Der Weg dahin führt interessanterweise laut Spiral Dynamics über die Stufe Orange. Das ist die rationale Stufe, die Stufe der Aufklärung. Hier verlieren wir Gott. Wir verlieren ihn im Grunde, weil wir die Realität an uns heranlassen. Biblisch-Theologisch gesprochen ist das der Weg zur Auferstehung über das Kreuz: »Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«, sagt Gottes Sohn. Aus Sicht von Stufe Blau bedeutet das die Katastrophe und das Ende der Allmacht.

Wo ist Gott aber dann, wenn er nicht mehr da ist? »Gott kommt zu dir, getarnt als dein Leben.« Diese einfachen Worte von Paula D’Acry weisen den Weg. Und sie haben es in sich. Sie stellen nämlich das auf den Kopf, was Menschen wie meine facebook-Freundin unter Religion verstehen: Es ist natürlich viel einfacher, das “Richtige” zu glauben oder zu wissen. Es ist viel einfacher, festgelegte Rituale korrekt zu absolvieren. Es ist viel einfacher, Menschen, die nicht in die moralischen Schemata passen, zu verurteilen und auszugrenzen.

Gott mitten im Leben suchen und erwarten, das bringt uns an die Grenzen des Nicht-Wissens. Das lässt uns höchstwahrscheinlich Ohnmacht spüren. Denn das bedeutet, sich kein fertiges Bild von Gott oder irgendwas zu machen und sich in den Komfortzonen der Wirklichkeit einzurichten. Es ist ein Wagnis, sich für die Realität zu öffnen, der ganzen Wahrheit Raum zu geben und dabei nichts auszuschließen. Das erfordert eine große Portion Mut, Liebe und die Bereitschaft, Leid nicht aus dem Weg zu gehen.

Das ist die radikale Spiritualität Jesu. Eine Spiritualität des »Ich habe nichts mehr« (1 Kön 17,12). Das sagt die arme Witwe, die nur noch ein winziges Restchen Mehl und Öl besitzt. Zuwenig zum Leben, zuviel zum Sterben. In dieses »Ich habe nichts mehr« der armen Witwe spricht der Prophet Elia sein »Fürchte dich nicht«. Und Mehltopf und Ölkrug sind fortan auf wundersame Weise gefüllt. Diese Haltung ist es, die Jesus uns lehren will, wenn er auf die arme Witwe verweist, die alles in den Opferkasten wirft, was sie besitzt (Mk 12, 38-44). Darum preist Jesus die Armen im Geiste selig und das ist es, was die Armen dieser Welt die Reichen immer lehren können.

Christen treten immer noch viel zu oft als Reiche auf. Und für Reiche – das gilt nicht nur für materiellen, sondern auch für geistigen und sogar geistlichen Reichtum – ist die Versuchung groß, ganz allein auf das zu vertrauen, was sie »haben«. Und wenn es nur eine bestimmte Vorstellung von etwas ist. Die Macht der Reichen aber endet bei Liebe und Leid. Im Hinblick auf die Liebe sind wir in Wahrheit immer arm, weil wir sie niemals einfordern, sondern immer nur als Geschenk empfangen können. Und Leid konfrontiert uns immer mit Ohnmacht und Bedürftigkeit – der eigenen oder der anderer. Wir werden erst dann wirklich etwas für die Welt tun, wenn wir vor dieser Realität nicht weglaufen oder die Augen verschließen.

»Ich habe nichts mehr …«
1 Könige 17,12
32. Sonntag im Jahreskreis B

7 Kommentare

  1. Hermann Bayer

    Vielen Dank für die Farben des Glaubens. Für Ihren Dienst des Teilens ihrer Haltung mit mit/uns /der Welt

    Antworten
  2. Matthias Gaenzer

    Lieber Jan,
    danke für diese wunderbaren Worte an diesem Morgen. Für mich sind sie sehr berührend, werfen sie doch einen erhellenden Blick auf das scheinbar unerklärliche. Und darin liegt viel Trost, Mitgefühl und Frieden.
    Matthias

    Antworten
  3. Anneli

    Was für ein wohltuender und belebender Satz: “Gott kommt zu dir, getarnt als dein Leben”.
    Eine wirkliche Entdeckung, wie auch die Stufen der Gottes- Sicht.
    Vielen Dank!

    Antworten
  4. Eva

    Das habe ich mich auch schon oft gefragt, seit ich mitbekommen habe, dass Teile meiner Verwandtschaft – die sich auch für Christen halten und aktive Kirchgänger sind – die AFD wählen…

    Antworten
  5. Stefan Backes

    Vielen Dank, lieber Jan, für diese wie so oft Klarheit schaffenden Worte in Ausrichtung auf das Eigentliche. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, deine wöchentlichen Texte machen Mut und geben Vertrauen wider alle Zweifel und manchmal Verzweiflung. Ich bin nach wie vor mehr als froh, auf die “Franziskanische Lebensschule” gestoßen zu sein. Dank dir sehr
    Stefan

    Antworten
  6. Maria Zimmer-Geyer

    Hallo Jan, Gott sei dank ist dein „Wort zum Sonntag“ doch noch gekommen — Und hat mich wieder einmal tief berührt. Diesmal ist es die Passage: „Es ist ein Wagnis, sich für die Realität zu öffnen, der ganzen Wahrheit Raum zu geben und dabei nichts auszuschließen. Das erfordert eine große Portion Mut, Liebe und die Bereitschaft, Leid nicht aus dem Weg zu gehen.“ Hat grad viel mit meinem Leben zu tun,,,Danke!

    Antworten
  7. Ursula Schwank

    Danke für diesen Artikel bin grad in einer Weiterbildung u.a haben wir über Gottesbilder gesprochen, wenn wir als Christen so Richter Gottesbilder haben dann passiert genau das was hier beschrieben wurde,…. mein Gottesbild ist das ein barmherziger liebender Gott oder ist er ein strafender Richtergott – vielleicht ist in der Adventszeit Zeit für diese Reflexion,…

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr entdecken ...

In der Wüste

In der Bibel heißt die Wüste »eremos«. Wir übersetzen das meist mit »einsamer Ort«. Es ist jener Ort, wo Johannes der Täufer auftritt. Jener Ort, an den sich Jesus immer wieder zurückzieht und wohin ihm die Menschen folgen. Was wir brauchen könnten, ist ein neuer Aufbruch in den Eremos: Stadteremiten und Gottsucherinnen, die in den Wüsten dieser Welt Manna-Gruppen bilden und die Utopie vom Reich Gottes leben …

mehr lesen

Entkolonisierung der Seelen

Wir betrachten Spiritualität als reine Privatsache. Etwas Individuelles. Und suchen nach »inneren« Lösungen für Probleme wie Stress, Depression usw. Deshalb verkaufen sich spirituelle Wellnessprodukte wunderbar. Sie lindern die Symptome. Aber Symptombekämpfung greift bekanntlich nicht an die Ursache eines Problems.

mehr lesen

Spiritualität nach unten

Wie komme ich zu Reichtum, Gesundheit und glücklichen Beziehungen? Viele Regalmeter füllen die Ratgeberbücher, die den Weg dorthin weisen. Die meisten vertreten eine »Spiritualität nach oben«, die in der Überzeugung wurzelt, wir könnten »es« machen. Aber es gibt einen anderen Weg …

mehr lesen

Intimität

Dass wir sexuelle Wesen sind, bedeutet im Kern, dass wir uns als ergänzungsbedürftig erfahren. Daher übt die Sexualität eine solche Faszination aus. Sie verheißt und ermöglicht, die ersehnte Ganzheit zu erreichen. Gesetze helfen dabei wenig.

mehr lesen

Haben oder Sein

Nur wer nichts besitzt, dem kann alles geschenkt werden. Das ist die Armut Jesu und die Armut, die Franz von Assisi suchte. Es geht dabei allerdings nicht darum, möglichst alles »Materielle« oder »Weltliche« zu meiden. Es geht darum, jeglichen »Besitzanspruch« loszulassen.

mehr lesen

Das Herz aller Dinge

Die franziskanische Spiritualität sieht Christus in allem Lebendigen. Das stellt das herrschende materialistische Paradigma radikal in Frage. Was wäre heute anders, wenn Flüsse, Berge, Wälder, die ganze Erde nicht als Objekt, sondern als Subjekt betrachtet würden und folglich als »juristische Person«, wie der Whanganui-Fluss in Neuseeland?

mehr lesen

Freimut

Kürzlich fiel mir ein altes Buch in die Hände mit dem Titel »Die Lügner«. Der Psychiater M. Scott Peck schildert darin einige erschütternde Fälle aus seiner Praxis, die alle eines gemeinsam haben: Die Menschen, um die es geht, beschreibt er als »bösartig«. Was ihnen fehlt, ist Freimut. Die Frage ist, wann und warum diese Fähigkeit verloren gegangen ist. Und was für Menschen gilt, gilt auch für Institutionen.

mehr lesen

Innere Gehörlosigkeit

Wenn es keine Verbindung mehr gibt von äußerer und innerer Wirklichkeit. Wenn wir innerlich ganz anders fühlen, als es uns nach außen auszudrücken möglich ist. Das ist innere Gehörlosigkeit. Und wenn wir nicht mehr von Herzen hören und sprechen können, bringen wir über kurz oder lang auch andere Herzen zum Schweigen. Unsere ganze Welt wird dann taub und stumm.

mehr lesen

Nicht(s) ausschließen

Früher oder später geht es in Gruppen darum, wer dazugehört und wer nicht. Wir können uns besser fühlen als andere, weil wir den Rasen in unserem Vorgarten kurz halten oder weil wir vegan essen. Genau diesen Mechanismus aber will Jesus aufbrechen.

mehr lesen

Ein (anderes) Mission Manifest

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Deutschland ist Missionsland, heißt es neuerdigs. Aber Achtung: Jene, die bleiben, laufen Gefahr, Jesus und Gott und letztlich auch die Kirche zu verraten, indem sie all das »sichern« wollen. Wie also könnte ein missionarischer Weg heute im Geist des Evangeliums aussehen?

mehr lesen

Voneinander leben

Ist das Universum ein freundlicher Ort? Laut Albert Einstein ist das die wichtigste Frage, die sich ein Mensch im Leben stellen kann. Dass die Antwort bei Jesus etwas mit »Essen und Trinken« zu tun hat, verwundert nicht.

mehr lesen

Lebendiges Brot

Brot ist ein uraltes Symbol für das Leben. Es hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben. Unser kulinarischer Kosmos in Europa und aller europäisch geprägten Kulturkreise ist ohne Brot nicht vorstellbar.

mehr lesen

Den Hunger stillen

Wenn es das Brot an sich wäre, das uns glücklich machte, dann müssten wir im Westen die glücklichsten Menschen der Welt sein. Denn nie zuvor stand so viel Nahrung zur Verfügung. Wir werfen sogar weg, was zu viel ist. Und dennoch gelingt es nicht, alle satt zu machen. So hungern die einen seelisch und die anderen körperlich.

mehr lesen

Wunder der Solidarität

Es braucht kein übernatürliches Wunder, um die Brotvermehrung zu erklären. Wenn alle dem Beispiel Jesu und seiner Jünger folgen und das zur Verfügung stellen, was sie als Vorrat mitgenommen haben, so gibt es mehr als genug für alle. Die wundersame Brotvermehrung ist ein Wunder der Solidarität.

mehr lesen

Schafe und Hirten

Was wir brauchen, sind Hirten, die uns in die Selbstverantwortung führen. Wer lehrt uns, unsere individuelle Gabe zu unterscheiden und einzubringen? Wer bringt uns dahin, unser Potenzial zu entfalten? Wer sind die Menschen, die die Gemeinschaft halten und uns lehren, ein Teil zu sein?

mehr lesen

Barfuß im Herzen

Barfüßigkeit als spirituelle Haltung: Die Jünger Jesu sollten keine Kleidung zum Wechseln mitnehmen und »an den Füßen nur Sandalen« (Markus 6,9). Sie sollten also gehen ohne Absicherung, Vorratstaschen oder Geldbeutel, also: ohne Netz und doppelten Boden.

mehr lesen

Die Gaben strahlen lassen

Jesus konnte in seiner Heimat kein Wunder wirken, weil er nicht akzeptiert wurde. Diese Geschichte spiegelt, was viele Menschen in ihrem Leben erfahren: Die Familie – oder etwas weiter gefasst: der Clan – hilft nicht, die eigene Berufung zu finden und zu leben, sondern hindert eher noch daran.

mehr lesen

Gottes Kinder

Die Beschäftigung mit dem inneren Kind ist eine wichtige Arbeit. Denn nur wer innerlich klar ist, kreist nicht mehr pausenlos um sich selbst und seine Minderwertigkeits- oder Allmachtsvorstellungen, die beide Ausdruck der eigenen (kindlichen) Bedürftigkeit sind.

mehr lesen