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Wir wissen wenig über den historischen Jesus. Aber eines scheint ziemlich klar: Er war gutem Essen nicht abgeneigt und hat gerne gefeiert. Durch alle Evangelien hindurch wird da gegessen, getrunken, gefeiert und alles mündet in jenes berühmte Mahl Jesu mit seinen Jüngern, mit dem er sich sozusagen »unsterblich« macht. »Ich bin das lebendige Brot«, sagt Jesus. »Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.« (Joh 6,51-53).

Die Frage, die uns in diesem Zusammenhang begegnet, ist zwar schon fast 2000 Jahre alt. Sie könnte aber auch aus einem Gespräch dieser Tage stammen: »Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?« Das könnte auch die Frage eines Menschen von heute sein, dem verständlicherweise nicht einleuchten mag, wie um alles in der Welt Christen ausgerechnet einen Kannibalismus ins Zentrum ihres Glaubens stellen können: Den “Leib Christi“ essen. Das ist durchaus erklärungsbedürftig.

Es wird noch ein bisschen komplizierter: Wir werden nicht begreifen, was die Rede vom »Brot des Lebens« bedeutet, wenn wir den Unterschied zwischen Jesus und Christus nicht verstehen. Oder anders gesagt: in dem, was Jesus spricht, den Christus erkennen. Genau darum ging es dem Evangelisten Johannes und er treibt das geradezu auf die Spitze in der Brotrede. Hier spricht Jesus als der Christus, das Wort, das Fleisch geworden ist (Joh 1,14) und unter uns gewohnt hat, der »Erstgeborene der ganzen Schöpfung« (Kol 1,15) und damit sozusagen das personifizierte Grundprinzip des ganzen Kosmos.

Es geht somit in der Brotrede um nichts weniger als unsere Weltanschauung im wahrsten Sinne des Wortes: Wie ist die Welt, in der wir leben, im Grunde beschaffen? Ist das Universum ein freundlicher Ort? Diese Frage kennzeichnet uns als Menschen. Kein anderes Lebewesen stellt so eine Frage. Es ist – soll Albert Einstein gesagt haben – sogar die wichtigste Frage, die sich ein Mensch im Leben stellen kann.

Dass die Antwort bei Jesus etwas mit »Essen und Trinken« zu tun hat, verwundert nicht. Essen und Trinken ist, was im Universum ständig passiert. Es verbindet alle Lebewesen miteinander. Wir bilden zusammen eine lange Kette, eine Nahrungskette, wenn man so will. Und wir müssen uns voneinander (er)nähren, sonst können wir nicht wachsen. Nichts kann sich aus sich selbst heraus am Leben erhalten. Wir empfangen Lebenskraft von den Lebewesen und Geschöpfen, die wir zu uns nehmen – Pflanzen, Tieren, Mineralien usw.

Alles lebt voneinander und wie könnten wir annehmen, dass wir als Menschen in diesem Netzwerk eine Ausnahme bilden? Gerade das Bewusstsein über Leben und Sterben macht aber das Menschsein aus, sagt der Biologe und Philosoph Andreas Weber: »Die Nahrungsketten der Tiere und Pflanzen, des am Himmel kreisenden Bussards und der im Boden wühlenden Maus sind die Ausgewogenheit des Lebensnetzes.« Weber nennt dieses Lebensnetz »Wildnis«. Wir Menschen sind ein Teil davon und doch nicht ganz. Denn wir »müssen uns für eine Balance entscheiden. Wir müssen uns explizit zur Wildnis bekennen, um im Gleichgewicht mit dem Leben zu existieren. Für uns muss Wildnis daher eine Kultur der ökologischen Wirklichkeit sein« (Quelle: https://oya-online.de/article/read/215-wild_und_gefaehrlich.html). Und Andreas Weber macht deutlich: Wildnis ist ja gerade nicht Zügellosigkeit oder ein gewissenloses »Tu, wonach dich gelüstet.«

Biblisch spiegelt sich dieser Gedanke in der Vision des Propheten Jesaja von einem messianischen Reich, in dem der Wolf Schutz findet beim Lamm und der Panther beim Böcklein liegt (Jes 11,6). Es geht Jesaja dabei wohl nicht um eine übernatürliche Revolution, in der Löwen plötzlich tatsächlich Stroh fressen. Es geht vielmehr darum, wie wir die Welt betrachten. Der Messias, der Spross aus der Wurzel Isais, wird die Verfasstheit der Schöpfung nicht ändern, sondern die »Erkenntnis des Herrn« (Jes 11,9) bringen, sagt Jesaja. Und die entspricht der Erkenntnis moderner Biologie, in der Konkurrenzverhalten immer Teil einer allem übergeordneten Kooperation ist, man kann das nicht oft genug wiederholen.

Wer die Welt so sieht, »tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen«, sagt Jesaja. Das wichtigste Merkmal der Wildnis ist gerade ihre Vielfalt und das Aufeinanderangewiesensein der Lebewesen und keineswegs das vielbeschworene »Überleben des Stärkeren«. Es geht nicht um Krieg, Gier oder Überleben um jeden Preis, sondern um ein ökologisches Gleichgewicht des Lebens, das die Wesen mit ihrem eigenen Leben herstellen. Sie stellen dieses Gleichgewicht her, ohne sich darüber bewusst zu sein. Alle außer einem: der Mensch.

Wer dem Christus folgt, der folgt ihm in dieses kosmische Prinzip des Gleichgewichts. Man könnte auch sagen: Der Christus lehrt uns, dass und wie wir alle voneinander und füreinander leben. Das »Fressen und Gefressen werden« ist eine heilige Sache. Immer, wenn wir essen, essen wir auch den Christus. Allem Lebendigen wohnt dieses »Christische« inne, wie es der Theologe und Evolutionsbiologie Teilhard de Chardin formuliert hat. Es wird nur verwirklicht durch Hingabe, so paradox das klingen mag. Alles Lebendige – auch wir Menschen – kann sein innewohnendes Potenzial nur dann entfalten, wenn es sich hingibt für das Ganze, ohne dabei seine Autonomie und Würde aufgeben zu müssen.

Es wundert deshalb nicht, dass der Auferstandene den Jüngern Fisch und Brot zu essen anbietet (Joh 21,12-13) und sie ihn am Brotbrechen erkennen (Lk 24,30-31). Er will uns begegnen im Herzen des Universums, an der heiligen Quelle der Liebe, Hingabe und Lebendigkeit. Und indem wir Christus folgen, können wir uns wieder verbinden und versöhnen mit diesem Ort. Es ist der Ort, den wir Himmel nennen oder das Reich Gottes. Und wir werden aufstehen und die Stimme des Protests dort erheben, wo Zerstörung und Ausbeutung das Herz des Universums verletzen, so wie es Jesus tat.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018 (überall im Buchhandel oder hier)

»Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?«
Joh 6,52
20. Sonntag im Jahreskreis B

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