NATUR UND STRASSE
Das franziskanische Basislager.

»Die franziskanische Tradition ist eine Spiritualität der Lebensweise;
sie basiert auf der Natur und nicht auf Ideen.
Alles finden wir in der Natur:
die Kreisläufe des Todes und der Auferstehung,
des Verlierens und Wiederkommens,
des Loslassens, des Schmerzes und der Liebe.
Das Seelenwissen ist in den Dingen, so wie sie sind.
Die ursprüngliche Bibel ist die Welt, die Schöpfung, die Wirklichkeit, die Natur.«

RICHARD ROHR

Zeit, sich von einem naiven und kitschigen Bild von Franz von Assisi zu verabschieden. Er ist eine Provokation. Seine Hinwendung zu den Armen auf der Straße und seine Liebe zur Natur passen nicht in die Konsumgesellschaft. Mensch und Natur stehen unter Druck: Sie müssen verbessert werden (Optimierungswahn), oder sie werden zu Objekten der Ausbeutung (Ausgrenzung und Raubbau).

Franz von Assisi war ein radikaler Mystiker. Er verbrachte sein Leben in der Natur und an den Rändern der Gesellschaft. Er nannte die Erde »unsere Mutter« und alle Menschen und Lebewesen Geschwister. Natur und Straße sind deshalb die ersten Lehrerinnen in der franziskanischen Lebensschule. Gott erwartet uns an den Rändern, Grenzen und Übergängen.

FREIHEIT
Folge der Sehnsucht.

»Es gibt in uns ein heiliges Feuer,
das von der Asche des Konsumismus, des Strebens nach materiellen Gütern
und eines von den wichtigen Dingen abgelenkten Lebens in Zerstreuung überdeckt ist.
Es kommt darauf an, diese Asche zu entfernen und die heilige Flamme wieder zu entfachen.
Und dann werden wir ausstrahlen und wie eine Sonne sein.«

LEONARDO BOFF

In der westlichen Kultur wird alles gezählt, gemessen, bewertet, beurteilt. Franz von Assisi schwimmt gegen den Strom. Nichts und niemand soll ausgeschlossen sein, ganz egal was er mitbringt. Es zählt nicht das Äußere. Franziskus betrachtet alle und alles „von innen“. Wir kennen diese Sichtweise von östlichen Traditionen.

Die franziskanische Tradition lehrt uns, die Dinge (wieder) von innen zu betrachten. Mit Barmherzigkeit. Die östliche Achtsamkeit und die westliche Barmherzigkeit sind eng verwandt. Wer achtsam und barmherzig schaut, schaut mit Liebe und Mitgefühl. Die oft noch größere Herausforderung besteht darin, die eigene Wirklichkeit barmherzig anzuschauen und anzunehmen.

FRIEDEN
Innen wie außen.

»Zunächst einmal müssen wir
den Aussätzigen und den Wolf in uns selbst entdecken.
Wenn wir es noch nicht fertig gebracht haben,
etliche Aussätzige zu küssen und etliche Wölfe zu zähmen,
dann wahrscheinlich deshalb, weil wir noch nicht
den Aussätzigen und den Wolf in uns selbst wahrgenommen haben.
Schau dich heute genau an und entdecke,
dass du selbst der arme Aussätzige bist.
Pflege und verbinde seine Wunden.
Entdecke den Wolf in dir.
Zähme ihn, indem du ihm gütig verzeihst.«

RICHARD ROHR

Die Welt ist ein Spiegel der Seele: Nichts was außen passiert, bleibt innen ohne Wirkung, und nichts was innen passiert, bleibt außen ohne Wirkung. Alles hängt mit allem zusammen. Franziskus steigt zu einem Aussätzigen herab, um ihn zu küssen. Diese Begegnung beschreibt er in seinem Testament: »So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen.«

Buße heißt Versöhnung und hat etwas zu tun mit innerem Frieden. Innerer Frieden ermöglicht äußeren Frieden. In diesem Frieden wurzeln Geschichten wie die vom grimmigen Wolf und den Bewohnern der Stadt Gubbio (Fioretti 21). Diese Art von »Buße« hat nichts mit Askese oder Weltflucht zu tun. Es geht darum, den eigenen Platz in der Welt zu finden. Was hindert dich, dein Potenzial zu entfalten und auszuschöpfen?

EINFACH LEBEN
Anders sehen. Anders handeln.

»We need to change the system.
We need to overthrow not the government,
but this rotten, decadent, putrid industrial capitalist system
which breeds such suffering.«

»Wir brauchen eine Änderung des Systems.
Wir müssen nicht die Regierung stürzen,
sondern dieses miese, dekadente, verfaulte industrielle kapitalistische System,
das solches Leid hervorbringt.«

DOROTHY DAY

Menschen wie Franz von Assisi glauben an die Revolution des einfachen Lebens. Es ist der einzige gewaltfreie Weg, dem „rotten System“ (Dorothy Day) etwas entgegenzusetzen. Für Franziskus ist das Evangelium keine Sammlung von Dogmen, die geglaubt werden müssen. Es ist eine Lebensweise. Wie kann ein einfaches Leben aussehen in unserer westlichen Kultur des Überflusses?

Der franziskanische Weg ist kein asketisches Trainingslager. Es ist ein Weg der Solidarität, der Barmherzigkeit und der Kreativität. Es geht um nichts weniger als eine »Kunst des Lebens«. Und jeder Künstler weiß, dass seine Kunst eine Frucht der Begeisterung und der Disziplin und Ausdauer ist. Dieser Weg der Liebe ist ein Weg der aktiven Kontemplation und der kontemplativen Aktion. Entscheidend ist das »und«.

»Für Franz ist Gottes Eigenschaft dem Menschen gegenüber
Noblesse und nichts als Noblesse (cortesia).
Nicht ein System der Asketik, das den Menschen vollkommen macht,
nicht eine allgemeine Menschenliebe,
nicht eine Serie von Geboten, von Moralgesetzen,
die treu und korrekt zu erfüllen sind,
nicht das Gesetz der Entfaltung,
nicht die Idee eines Persönlichkeitsideals,
nach der ich mein statisches oder dynamisches Selbstmonument zu errichten hätte,
überhaupt keine Idee von Ideologie beherrschen sein Denken und Tun,
sondern eben sein Glaube, der Antwort ist auf den
sich ihm persönlich als unfaßlich nobel offenbarenden Gott.
Nur eine Antwort ist möglich: Noblesse gegen Noblesse.«

MARIO GALLI