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Wir besitzen so viel Wissen wie nie zuvor, aber das allein hilft offenbar nicht, um Gemeinschaft zu bilden und Spaltung zu heilen. Wir brauchen auch Weisheit. Denn Menschen kommen nicht von allein zu Selbstbewusstsein, Mitgefühl, Verantwortung und Reife. Deshalb brauchen wir dringend Älteste, wenn wir überleben wollen.

Überlebenskampf?

Als ich das Lebensrad kennenlernte, fand ich nur mühsam Zugang zur Qualität des Nordens. Der Norden steht im Lebensrad für den Winter, für die Nacht und eben für das Erwachsensein. Dass wir leben, stellt schon eine Frucht dieser Qualität dar: Unsere Vorfahren haben durch Klugheit, Klarheit, Fleiß und Disziplin dafür gesorgt, dass eine Generation um die andere die Winter überleben konnte: Durch ein Dach über dem Kopf, Heizmaterial, ausreichend Vorräte. Für mich hatte das den Geschmack von Kampf, Kampf ums Überleben, Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen usw. Und so verband sich für mich der Norden mit negativem Stress.

Das ist natürlich eine Projektion. Denn keine der Richtungen im Lebensrad ist besser oder schlechter als eine andere. Keine lässt sich vermeiden oder umgehen. Und der Versuch, einen Bogen um eine der Lebensphasen zu machen, die das Lebensrad auf dieser Ebene symbolisiert, ist ein sicherer Hinweis darauf, dass irgendwo etwas noch nicht ganz »ausgereift« ist. Dann ist es notwendig, noch einmal zurück zu gehen an den Ursprung: umzukehren, wie es in der jüdisch-christlichen Tradition heißt. Wir müssen dann »nachreifen« und nichts anderes tun wir übrigens in einem Naturritual wie der Quest/Visionssuche. Aber: Eine Quest ist kein Überlebenstraining.

Leichtigkeit

Heute verbindet sich für mich vor allem ein Wort mit der Qualität des Nordens: Leichtigkeit. Das knüpft nahtlos an den vorigen Beitrag an. Spirituell reife, und das heißt: erwachsene Menschen erkennt man, meine ich, an einer bestimmten Leichtigkeit, die nicht zu verwechseln ist mit der kindlichen Unbeschwertheit des Südens. Das Leben ist ja auch nicht immer »unbeschwert«, dennoch kann es leicht sein. Die Leichtigkeit, die ich meine, stellt sich ein, wenn jemand durch die Qualität des Westens gegangen ist. Dieser Leichtigkeit ist anzumerken, dass sie das Schwere und Herausfordernde nicht meidet, sondern in bestimmter Weise aufnimmt und integriert.

Der Archetyp, der dem Norden zugeordnet werden kann, ist der König bzw. die Königin. Und vielleicht wird daran besser deutlich, welche Art von Leichtigkeit ich meine: Der gute König und die gute Königin brechen nicht unter der Last der Verantwortung ihrer Regierungsgeschäfte zusammen. Sie herrschen aber auch nicht willkürlich oder ungerecht wie Tyrannen. Sie sehen und respektieren alle Untertanen, ja haben ihr ganzes Königreich im Blick. Sie treffen Entscheidungen nicht bloß, um ihr Ego groß zu machen, sondern dienen ihrer Gemeinschaft. Sie gehen Herausforderungen nicht aus dem Weg, müssen aber nicht alles selbst können und machen, sondern sehen die Gaben ihrer Gemeinschaft. Sie kennen das Geheimnis des Lebens: Kooperation.

Wissen versus Weisheit

Der gute König oder die gute Königin stützen ihre Autorität nicht auf die Annahme, sie seien etwas Besonderes, Auserwähltes oder schlicht Besseres als die anderen Menschen. Der Unterschied liegt in der Art, wie sie die Dinge sehen. Dieses Zitat von Wendell Berry bringt es auf den Punkt: »So, wie wir sind, sind wir Angehörige von jedem anderen. Wir alle. Alles. Der Unterschied besteht nicht darin, wer ein Angehöriger ist und wer nicht, sondern darin, wer es weiß und wer nicht.«

Der US-amerikanische Landwirt, Dichter und Umweltaktivist Wendell Berry ist übrigens das, was manche einen »Öko« nennen. Er und seine Gleichgesinnten in der ökologischen Bewegung versuchen seit den achtziger Jahren dem herrschenden Paradigma, dem Patriarchat der Technik, etwas entgegenzusetzen. Wir haben zwar ungeheuer viel Wissen angesammelt, aber ohne Weisheit – wir könnten auch sagen: ohne ein Bewusstsein für das Ganze – richtet sich dieses Wissen früher oder später gegen uns selbst und wird lebensgefährlich.

Wider die Zerstörung des Lebens

Das ist es, was wir gerade erleben: Der Mensch ist in der Lage, die Ökosysteme der Mutter Erde so nachhaltig zu verändern und zu zerstören, dass er sein eigenes Überleben gefährdet. Mittlerweile sind es nicht nur die Ökos, die das sagen. Oder andersrum: Dann ist Papst Franziskus auch ein Öko, wenn er sagt: »Jedes Jahr verschwinden Tausende Pflanzen- und Tierarten, die wir nicht mehr kennen können, die unsere Kinder nicht mehr sehen können, verloren für immer. Die weitaus größte Mehrheit stirbt aus Gründen aus, die mit irgendeinem menschlichen Tun zusammen hängen. Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht« (Laudatio Si’ 33).

Eine alte Indianerlegende besagt: Wenn du stirbst, begegnest du auf der Brücke zum Himmel allen Tieren, die deinen Weg zu Lebzeiten gekreuzt haben. Und diese Tiere entscheiden, ob du weiter gehen darfst oder nicht. Das könnte unangenehm werden. Auch zur jüdisch-christlichen Tradition gehört die Vorstellung, dass falsches Verhalten früher oder später Konsequenzen hat und nicht ungestraft bleibt.

Werden wir also für unsere (Umwelt)Sünden bezahlen und dereinst in einer wie auch immer gearteten »Unterwelt« leiden? Vielleicht so wie der namenlose Reiche im Evangelium, der zu Lebzeiten glanzvolle Feste feiert, aber den armen Lazarus vor seiner Haustüre verhungern lässt. Nach dem Tod, so heißt es im Lukasevangelium, wird Lazarus getröstet, der Reiche aber leidet große Qual. Und daran ändert sich nichts, denn zwischen den beiden existiert ein unüberwindlicher Graben (vgl. Lk 16,19-31).

Die Hölle liegt in unserer Verantwortung …

Wir können die Hölle Wirklichkeit werden lassen. Und nicht erst in einer jenseitigen Welt, sondern jetzt und hier. Ich glaube, das wir die Botschaft Jesu missverstehen, wenn wir das alles nur in ein jenseitiges Wolkenkuckucksheim projizieren. Nach dem Motto: »Hier auf Erden sind wir eben verschieden – die einen arm, die anderen reich -, im Jenseits aber werden wir alle gleich sein.«

Letzteres sagte einmal die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis zu mir, als ich sie im Interview fragte, was es für sie persönlich bedeute, wenn Jesus die Jünger auffordert, all ihren Besitz aufzugeben und Papst Franziskus in der Konsequenz eine »arme Kirche« fordert. Die Fürstin gehört zu den größten Grundbesitzern in Deutschland und mit mehr als 500 Millionen Euro Vermögen zu den Reichsten im Land.

Nein, es wird nicht einfach irgendwann einmal alles gut, so wie sich das der Reiche in der Geschichte vorgestellt hat. Und wie kommt er nur darauf, dass vielleicht ausgerechnet Lazarus, den er vorher nicht beachtet hat, ihm nun in der Hölle noch als Sklave dienen und seinen schrecklichen Durst stillen könnte? Der tiefe Graben zwischen den beiden ist kein äußerer, es ist ein innerer Graben! Und wir wissen, dass man sehr, sehr reich und dennoch sehr, sehr hungrig sein kann – denn das, was die Seele nährt, kann man nicht kaufen.

… und der Himmel ist möglich.

Es gibt eine Geschichte von Nossrat Peseschkian, die die Problematik wunderbar auf den Punkt bringt. Ein Mann möchte da Himmel und Hölle erkunden und lässt sich vom Propheten Elija in einen großen Palast führen. Es duftet köstlich nach Suppe. Im ersten Saal sitzen Menschen um einen Suppentopf, aber sie werden nicht satt. Die Löffel sind aus Eisen, so lang wie sie selbst und durch die Suppe glühend heiß. Man kann sie nur an einem Holzgriff halten und mühsam führen. Aber niemandem gelingt es, den Löffel je zum Mund zu bringen. Die köstliche Suppe wird verschüttet und geht verloren. Alle hungern. Das ist die Hölle.

In einem zweiten Saal blubbert und brodelt die gleiche köstliche Suppe. Alle verwenden die gleichen riesigen Löffel wie im ersten Saal. Nur hungert hier niemand. Die Menschen sitzen in kleinen Gruppen, mindestens zwei zusammen, und füttern einander. Und wenn der Löffel zu schwer wird, kommen zwei andere mit ihrem Löffel als Unterstützung dazu. Alle werden satt. Das ist der Himmel.

Da ist sie, die Leichtigkeit des Nordens. Eine Leichtigkeit, die echte, nährende Gemeinschaft stiftet und Heilung bewirkt – ohne große Anstrengung oder gar Überforderung. Vernünftig betrachtet, gibt es kaum etwas, was einen erwachsenen Menschen aus der Ruhe und Balance bringen kann. Weisheit ist gar keine besondere Form von Wissen, sondern tatsächlich mehr eine Frage der Haltung. Das reife Wissen, dass das Leben nicht nur für uns da ist, sondern wir für das Leben.

Das Licht leuchten lassen

Der Himmel ist möglich und liegt in unserer Verantwortung. Jetzt und hier. Und die Wirklichkeit bleibt dabei immer ein- und dieselbe. Himmel oder Hölle ist das, was wir daraus machen. Deshalb brauchen Älteste und Propheten, die unseren Blick klären für das Große und Ganze, und die uns helfen, mitten in der tiefsten Nacht jenes lebendige Licht leuchten zu lassen, das alle erhellt und wärmt.

Welche Ältesten haben dich etwas gelehrt und was?
Wo bist du gefragt als Älteste oder Ältester?

»Sie haben Mose und die Propheten,
auf die sollen sie hören.«
Lukas 16,29
26. Sonntag im Jahreskreis

3 Kommentare

  1. Kathy

    Lieber Jan,
    vielen Dank für diese Zeilen, die mich wach sein lassen und dankbar ( für all die Ältesten auf meinem bisherigen Weg, die mir wegweisende Begleiter waren) und sehnsüchtig ( da es im Moment niemanden dergestalt an meiner Seite gibt).
    U.a. auch darum bin ich wohl auch so dankbar für all dein Tun und Teilhaben lassen.
    Sei gesegnet

    Antworten
  2. Pit

    Lieber Jan,
    Deine Gedanken berühren mich sehr. Danke für Deine Zeilen.
    Ich habe in den letzten Wochen immer wieder an den “frieday for future“ Demos teilgenommen. Ich bewundere, mit welcher Klugheit, vielleicht auch Weisheit, junge Menschen auf die Straße gehen und um eine gerechte, lebenswerte Welt kämpfen. Viele “Erwachsenen“ stehen am Straßenrand und geben geringschätzende Kommentare ab, sie haben Angst. Weisheit hat wohl sehr wenig mit Alter zu tun und anscheinend läßt Angst Weisheit nicht zu.

    Antworten
  3. Doris

    Lieber Jan, wieder einmal ein Beitrag mit sehr sehr viel Wahrheit.
    Es ist nicht zu leugnen das wir sehr sehr viel Wissen haben, aber ohne Weisheit und Bewusstsein für das Ganze.
    Ich kann sehr sehr reich sein und dennoch sehr hungrig sein – was meine Seele nährt, das kann ich mir nicht kaufen.
    Danke für deine bildhafte Darstellung der Geschichten von Menschen, die uns mit ihrerer Weisheit lehren und begleiten wollen.
    Gut auch, das du mir den Hinweis gibst wo ich als Älteste gefragt bin!!!!!!
    Meine Haare und mein Alter passen jedenfalls schon mal dazu und ich will versuchen meine Aufgabe zu erkennen und wahrzunehmen.

    Danke für deine “Schubsengel” Worte, die du einfach sehr sehr gut zusammenfasst!!!!
    Doris

    Antworten

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