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Eine Geschichte, die das Wesen wahren Königtums veranschaulicht, ist die Speisung der Fünftausend. Die wundersame Brotvermehrung ist dabei nur ein Nebeneffekt, behaupte ich.

Als die Jünger die Menschen nach Hause schicken wollen, sagt Jesus: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Mk 6,37). Die Jünger halten das für unmöglich, denn sie haben nur noch fünf Brote und zwei Fische. Die Frage, ob sie für 200 Denare Essen kaufen sollen, bringt das Problem auf die Spitze. Für das Geld hätte eine dreiköpfige Familie zu jener Zeit fast ein halbes Jahr leben können.

Jesus bleibt ganz ruhig. Er lässt alle in »Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern … in Gruppen zu hundert und zu fünfzig« (Mk 6,39–40). Die Jünger verteilen die Brote und die Fische, und es werden nicht nur alle satt, sondern es bleiben noch zwölf Körbe voll übrig.

Die Speisung der Fünftausend ist das Gegenbild zur Herrschaft des Herodes. Der versammelt zu einem Festmahl seine höchsten Beamten und Generäle (Mk 6,21). Es ist sein Geburtstag und es wird ein rauschendes Fest, bei dem nicht nur der Wein in Strömen fließt, sondern auch das Blut. Es ist eine perverse Mischung aus Gewalt und Erotik: Der erregende Tanz einer Prinzessin am Hofe bringt Herodes dazu, ihr sein halbes Königreich anzubieten, und später lässt er auf ihren Wunsch den Kopf Johannes des Täufers auf einer Fleischplatte servieren.

Herodes verkörpert den Tyrannen, der mit dem Wohl seines Volkes spielt, mit roher Gewalt herrscht und Angst und Schrecken verbreitet. Jesus verkörpert das Bild des guten Hirten, der sein Volk »auf grünen Auen« (Ps 23,2) lagern lässt. Dieses Volk hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. Es leidet unter der Besatzung und der Tyrannei. Jesu Antwort darauf ist Dienst, Hingabe und Solidarität. Nicht Jesus und die Jünger lassen sich bedienen, sondern sie verteilen die Vorräte im Volk. Sie geben, was sie haben, und gehen so mit gutem Beispiel voran.

Es braucht kein übernatürliches Wunder, um die Brotvermehrung zu erklären. Wenn alle dem Beispiel Jesu und seiner Jünger folgen und das zur Verfügung stellen, was sie als Vorrat mitgenommen haben, so gibt es mehr als genug für alle. Die wundersame Brotvermehrung ist auch ein Wunder der Solidarität.

Die eigentliche Wunderkraft liegt in der Situation und im Handeln der Leute selbst. Das Wunder geht nicht direkt von Jesus aus, er gibt vielmehr den Impuls dazu. Das ist nicht Naivität oder blindes Vertrauen. Es ist eine bestimmte Art, auf eine scheinbar ausweglose Situation zu schauen und die Möglichkeiten zu entdecken, die in ihr verborgen sind. Es braucht dafür spirituell reife, ja königliche Menschen, die Gemeinschaft zu stiften vermögen.

mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018 (überall im Buchhandel oder hier).

»Jesus teilte an die Leute aus, so viel sie wollten.«
Johannes 6,11
17. Sonntag im Jahreskreis B

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