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Es kommt häufiger vor, dass mir Menschen schreiben, sie liefen auch sehr gerne barfuß und fänden deshalb eine »Schule für’s Barfußlaufen« sei eine tolle Sache. Sie merken dann bald, dass die Lebensschule keine Vereinigung von Menschen ist, die ihre Schuhe nicht mehr benutzen wollen.

Kürzlich stieß ich auf eine kleine wissenschaftliche Arbeit* über die Barfüßigkeit als spirituelle Haltung. Die Arbeit ist insgesamt ein Zeugnis dafür, dass sich Barfüßigkeit in so gut wie allen religiösen Traditionen findet, in der jüdisch-christlichen Tradition allerdings keine zentrale Rolle spielt und mit der Aufklärung ganz verschwindet.

Das ist seltsam, weil die Barfüßigkeit für Jesus wichtig war. Nicht nur die Fußwaschung bringt das zum Ausdruck, sondern auch die Aussendung der Jünger als Wanderprediger. Die sollen nämlich barfuß gehen ohne Schuhe (vgl. Matthäus 10,10 und Lukas 10,4). Und das, so der Autor, liefert einen »tiefen Einblick in sein [Jesu] Selbstverständnis. Die Gottesherrschaft, die er verkündet, drückt sich eben auch und gerade in Besitzlosigkeit aus.« (S.43*)

Der Evangelist Markus ist vielleicht ein bisschen realistischer: Die Jünger sollten keine Kleidung zum Wechseln mitnehmen und »an den Füßen nur Sandalen« (Markus 6,9). Sie sollten also gehen ohne Absicherung, Vorratstaschen oder Geldbeutel, also: ohne Netz und doppelten Boden. Sie sollten »barfuß im Herzen« unterwegs sein, würde ich sagen.

Das ist auch der Ansatz der Lebensschule: Du kannst äußerlich Schuhe tragen, aber es geht darum, im Herzen die »alten« Schuhe, die vielleicht gar nicht mehr passen, und andere Schutzhäute einmal abzulegen und zu probieren, ob und wie es ohne sie geht. So reifen wir. Und wer in diesem Sinne »barfuß« durchs Leben gehst, muss aufmerksam gehen. Ist auch verletzlich. Wer »barfuß« geht, kann nicht schnell über alles hinweggehen im Leben.

Wer »barfuß« geht, spürt den Lebensweg unter den Fußsohlen und verlagert seine Aufmerksamkeit ganz von selbst praktisch vom Kopf in die Füße. Aus »empfindlich« kann dann »empfindsam« werden. Barfuß steht symbolisch für eine Haltung, die sich unmittelbar berühren und einbeziehen lässt und nicht in die Rolle des Zuschauers flüchtet. Diese Haltung ist die Grundlage für den franziskanischen Weg: Sicherheiten und Vorstellungen beiseite zu legen und bereit zu sein für den »heiligen Boden« (Exodus 3,5), wo Gott wartet!

Natürlich spricht nichts dagegen, tatsächlich die Schuhe auszuziehen, und barfuß durch die Natur oder durch die Stadt zu gehen. Was ändert sich? Die Erfahrung der Umgebung wird auf jeden Fall intensiver, und das deckt sich mit der Erkenntnis: »Jede Barfüßigkeit, die in der Kirchengeschichte entsteht, hatte ihren Grund in einer Intensivierung der spirituellen Praxis«, wie der Autor der kleinen Studie zur Barfüßigkeit feststellt (S.130*). Und das passt gut in unsere Zeit, die einer solchen Intensivierung bedarf, wie ich finde.

Also: Herzlich Willkommen allen Barfußläufer und Barfußäuferinnen! Und wer diesen Weg einmal praktisch ausprobieren möchte, ist übrigens herzlich eingeladen zum gleichnamigen Seminar »barfuß im Herzen« (https://www.barfuss-und-wild.de/project/barfuss-im-herzen).

* Wachinger, Gerhard, In Statu Gratiae. Barfüßigkeit als Ausdruck spiritueller Haltung im interreligiösen Kontext, Akademikerverlag 2017.
mit Auszügen aus: barfuß&wild. Wege zur eigenen Spiritualität, Patmos 2018 (überall im Buchhandel oder hier).

»… an den Füßen nur Sandalen …«
Markus 6,9
15. Sonntag im Jahreskreis B

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