Wie alt sind die Rauhnächte wirklich? Eine Spurensuche

Teil 2 der Rauhnächte-Reihe – zur Übersicht.

Viele Texte über die Rauhnächte spielen mit denselben Formeln: »uraltes Wissen« unserer Vorfahren, »germanische Wurzeln«, »seit Jahrtausenden überliefert«. Ich gebe zu: Das hat mich selbst lange fasziniert. Weil ich geglaubt habe, endlich etwas Originales und Authentisches gefunden zu haben. Dann habe ich recherchiert – und tiefer gegraben. Und was ich herausgefunden habe ist »ernüchternd«. Und ich meine das positiv: Denn Nüchternheit passt sehr gut zur Qualität der Rauchnächte. Aber sieh selbst …

Oberste Schicht: die Gegenwart

Die Themen-Listen für die einzelnen Rauhnächte, die Jahres-Orakel mit Lebensbereichen, und ja: auch das wundervolle 13-Wünsche-Ritual (das wir bei barfuß+wild auch praktizieren), – also fast alles, was heute auf dem großen, bunten Markt der Rauhnächte dargeboten wird, stammt aus der Ratgeber-Literatur aus der Zeit seit der Jahrtausendwende. Das lässt sich gut nachvollziehen: In der volkskundlichen Fachliteratur kommen diese Elemente nämlich so gut wie gar nicht vor. All die modernen Formen sind jung – und entstammen einem Hype um die Rauhnächte, der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entstanden ist. Und: Das macht die Rauhnächte keineswegs wertlos. Es ist bloß die oberste Schicht an der Oberfläche, die man kennen sollte, bevor man vorschnell »uralt« sagt.

Zweite Schicht: das 19. Jahrhundert

Was mich in der Recherche am meisten überrascht hat: Auch das Wort »Rauhnächte« selbst ist vermutlich keine uralte Vokabel. Die Volkskundlerin Dagmar Hänel vom Bonner LVR-Institut für Landeskunde sagt dazu: »Ich vermute, dass das Wort erst im 19. Jahrhundert im Zuge der romantisch-mythologischen Volkskunde aufgekommen ist.«

Wir verdanken die »Rauhnächte« also der romantischen Bewegung, denn das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der die Romantiker das »Urgermanische« regelrecht erfanden. Jacob Grimms »Deutsche Mythologie« von 1835 sammelte Sagen und Bräuche und deutete sie als Überreste eines heidnischen Glaubens – ein faszinierendes Werk, auf dessen Grundlage etwa der Begriff der »Wilden Jagd« geprägt wurde. Vieles, was uns heute als graue Vorzeit erscheint, trägt in Wahrheit die Handschrift dieser Epoche: Gelehrte, die sich eine germanische Urreligion zusammenpuzzelten, oft aus ziemlich dünnem Material.

Das zu wissen, ist nicht nur eine Frage der Wissenschaft. Es gibt einen guten Grund, mit dem Etikett »urgermanisch« vorsichtig zu sein: Im 20. Jahrhundert versuchten nämlich die Nationalsozialisten, das christliche Weihnachtsfest durch ein »Julfest« angeblich germanischen Ursprungs zu ersetzen – gestützt auf eine diffuse nordisch-germanische Mythologie. Wer heute unbedacht von urgermanischen Nächten schwärmt, bedient – meist ohne es zu wissen – ein Vokabular mit dieser Geschichte. Auch deshalb lohnt es sich, die Schichten zu unterscheiden.

Dritte Schicht: die frühe Neuzeit (der feste Boden unter den Füßen)

Zur Wahrheit gehört auch: Es gibt einen harten Kern und der ist beständig bis heute. Die Rauhnächte sind also keine reine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der Brauch im Kern ist deutlich älter und lässt sich volkskundlich belegen.

Sebastian Franck beschreibt 1534 in seinem »Weltbuch« die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig so:

»Die zwolff naecht zwischen Weihenacht und Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.«

Kein Haus, das nicht täglich räuchert — gegen alle Teufel, Gespenster und Zauberei. Das ist eine der frühesten bekannten schriftlichen Erwähnungen des Räucherbrauchs in diesen Nächten (zitiert nach Hans Dünninger/Horst Schopf: Bräuche und Feste im fränkischen Jahreslauf, Kulmbach 1971, S. 24). Vor fast fünfhundert Jahren war das Beräuchern der Häuser zwischen den Jahren also kein Nischenwissen, sondern offenbar Alltag.

In dieselbe Schicht gehören übrigens die sogenannten Lostage – die zwölf Tage der Rauhnächte, deren Wetter jeweils als Vorzeichen für den entsprechenden Monat des kommenden Jahres galt. Dieses »Wetter-Orakel« ist fest überliefert in den Bauernpraktiken der frühen Neuzeit – und der kirchliche Rahmen, der das Ganze trägt, sind die »Zwölf Heiligen Nächte« zwischen Weihnachten und Dreikönig, in katholischer wie evangelischer Tradition bezeugt. Die Zwölf Heiligen Nächte werden bis heute etwa als christliche Exerzitien begangen.

Vierte Schicht: Nebel

Und davor? Hier muss die Antwort lauten: Wir wissen es nicht. Eine durchgehende Linie von germanischen Kulten bis zu unseren Rauhnächten lässt sich nicht belegen – dafür fehlen schlicht die Quellen. Dass Menschen die dunkelste Zeit des Jahres immer schon als besondere Zeit erlebt haben, ist gut vorstellbar und auch naheliegend. Aber »vorstellbar« ist kein wissenschaftlicher Beleg. Das muss klar sein. Und ändert nichts an der »Wahrheit« und am Sinn der Rauhnächte-Praxis.

Was bleibt, wenn man ehrlich ist

Fünfhundert Jahre belegtes Brauchtum, getragen vom Kirchenjahr, bezeugt von einem Chronisten der Reformationszeit – das ist eine tiefere Wurzel, als viele selbstverständlichere Traditionen vorweisen können.

Auch wenn viele Etiketten, die an den Rauhnächten kleben, jung sein mögen, das Wesentliche trägt: Der Zeitraum, die Stille und das Nichtstun zwischen den Jahren, das Räuchern – das ist alt und echt. Ansonsten gilt: Die thematische Einordnung der einzelnen Rauhnächte, viele Rituale – all das ist jung, und darf es auch sein, solange niemand »uralt« draufschreibt.

Du kannst die Rauhnächte also feiern und für Dich begehen, ohne an eine erfundene Vorzeit glauben zu müssen. Was es braucht, ist nicht der Glaube an diese oder jene Wahrheit, sondern die Bereitschaft, sich einzulassen auf die Qualität der Zeit und zu schauen, was die Rauhnächte mit Dir und in Dir bewirken.

Wenn Du das praktisch ausprobieren möchtest – jetzt schon –, dann könnte unser Wegweiser etwas für Dich sein.

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Weiter in der Reihe – Teil 3: Rauhnacht, Rauchnacht, Raunacht: Was der Name verrät
Oder quer eingestiegen – Teil 8: Christlich oder esoterisch oder beides?

Zur Übersicht: Alles über die Rauhnächte

Wer hier schreibt

Jan Frerichs — Autor, Theologe und Gründer der Lebensschule barfuß+wild. Als Franziskaner (OFS) interessiere ich mich für die »Mystik der kleinen Leute«. So bin ich auf die Rauhnächte gestoßen: eine dieser Volkstraditionen, die seit Jahrhunderten das Leben der Menschen prägen — und über die selten geschrieben wird.

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Die Rauhnächte sind nicht zwölf Rituale, die man zwischen den Jahren »korrekt absolviert«. Es geht um eine innere Bewegung. Und die beginnt nicht erst am 24. Dezember, sondern viel früher.

Diesen Weg zeichnet das kostenlose PDF-Workbook, das wir bei barfuß+wild für Dich zusammengestellt haben: Der Wegweiser führt Dich vom Johannisfest in der Sommersonnenwende bis in die Nächte zwischen den Jahren in der Wintersonnenwende.

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... eine Einführung in die »Spiritualität des Absteigens«
... eine einfache Naturübung zur Tradition der Kräuterweihe im August
... ein Ritual zum Umgang mit der Vergangenheit im November
... praktische Informationen zur Vorbereitung auf die Rauhnächte im Dezember.

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