Räuchern in den Rauhnächten: Die Geschichte einer alten Praxis

Teil 7 der Rauhnächte-Reihe – zur Übersicht.

Räuchern boomt. Es gibt Räucher-Sets im Online-Handel, Palo-Santo-Hölzer aus Südamerika, Anleitungsvideos für jede Lebenslage. Man könnte meinen, das Räuchern sei eine Entdeckung der letzten Jahre.

Dabei ist es einer der wenigen Rauhnächte-Bräuche, die sich wirklich weit zurückverfolgen lassen.

Ein Zeuge aus dem Jahr 1534

Sebastian Franck, ein Chronist der Reformationszeit, beschreibt in seinem »Weltbuch« von 1534 die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig — und was die Menschen darin taten:

»… ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.«

Kein Haus, das nicht täglich räuchert — gegen Teufel, Gespenster und Zauberei. Das ist eine der frühesten bekannten schriftlichen Erwähnungen des Brauchs (zitiert nach Hans Dünninger/Horst Schopf: Bräuche und Feste im fränkischen Jahreslauf, Kulmbach 1971, S. 24). Mich fasziniert an diesem Satz vor allem eines: seine Selbstverständlichkeit. Räuchern in den zwölf Nächten war vor fast fünfhundert Jahren kein besonderes Ritual für besondere Menschen. Es war, was man eben tat.

Der Gang durch Haus und Hof

Wie dieser Brauch aussah, beschreibt die Volkskundlerin Helga Maria Wolf bis in die Neuzeit hinein: Der Hausvater zog »betend und segnend«, begleitet von der Familie, mit dem Räucherwerk durch Haus und Hof. In der Glut lagen Weihrauchkörner, Wacholder, geweihte Kräuter — mancherorts auch Teile des Palmbuschens vom Palmsonntag.

Dieses Detail mag unscheinbar wirken, aber es erzählt etwas Schönes: Da räuchert sich das Kirchenjahr selbst zusammen. Die Zweige vom Frühjahr, die Kräuter vom Sommer, alles verglimmt in den Nächten des Winters und symbolisiert den großen Wandelweg, den alle Dinge gehen – und wir Menschen sind Teil dieses Weges. Daran erinnert diese Praxis.

Rauch und Gebet gehören zusammen

Räuchern hat vorchristliche Wurzeln und es ist biblisch bezeugt (vergleiche Teil 6). In der katholischen Liturgie ist Weihrauch bis heute Zeichen der Heiligung und Gegenwart des Heiligen; beräuchert werden Altar, Evangelienbuch, die Gaben und die Gemeinde selbst. Wer also in einer Rauhnacht eine Handvoll Kräuter auf die Glut legt, ist verbunden mit einer wirklich sehr alten Tradition.

Ein Brauch, viele Gestalten

Wie fast alles an den Rauhnächten war aber auch das Räuchern nie einheitlich. Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl berichtet etwa von der »Haupttrudennacht« am 13. Dezember, in der man in Bayern mit Schlehenholz, Wacholder und Raute räucherte — damit die Truden, die Druckgeister der Nacht, einem nicht so schwer auf der Brust lägen (Wolf-Dieter Storl: Pflanzen der Kelten, Kapitel ›Schlehe oder Schwarzdorn‹). Anderswo waren es Beifuß, Mariengras oder Tannenharz. Feste Rezepte gab es nicht; man nahm, was die eigene Landschaft hergab.

Genau das ist vielleicht die wichtigste Auskunft der Überlieferung für heute.

Du brauchst kein exotisches Räucherwerk

Denn wenn der alte Brauch etwas lehrt, dann dies: Geräuchert wurde mit dem, was vor der Haustür wuchs. Beifuß vom Wegrand, Wacholder vom Hang, Salbei aus dem Garten, Harz von der Fichte. Kein Palo Santo, kein weißer Salbei aus Kalifornien – nicht weil daran etwas Schlechtes wäre, sondern weil das Nahe genügt und die kürzeste Reise Deines Räucherwerks vom Garten bis zur Glut führt.

Die traditionelle Sammelzeit dafür liegt übrigens im Spätsommer: der »Frauendreißiger« zwischen Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt (15. August bis 8. September), die alte Zeit der Kräuterweihe. Wer im August sammelt und trocknet, hat im Dezember seinen eigenen Räucherschatz – im Wegweiser findest Du dazu eine einfache Naturübung.

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Und wie viel musst Du räuchern?

Gar nicht viel. Franck beschreibt zwölf Tage tägliches Räuchern – aber Du stehst in keinem Wettbewerb mit dem 16. Jahrhundert. Es geht nicht um Quantität und nicht um Vollständigkeit. Vielleicht räucherst Du in den zwölf Nächten ein einziges Mal, und es ist genug. Dann hat der Rauch getan, was er tun kann: einen Übergang markieren. Mehr ist nicht besser – und nicht, dass Du Dich vor lauter Räucher- und Ritual-Aktivität vom Eigentlichen ablenkst: Der Stille und dem Stillstand in der Zeit zwischen den Jahren.

Wie Du es praktisch angehst — Gefäß, Kohle, Kräuter, Schritt für Schritt — dazu mehr in Teil 6 dieser Reihe.

Und in der Podcast-Folge »Wie Du durch die Rauhnächte gehen kannst« erzähle ich mehr von diesen Nächten.

Wie möchtest Du weiterlesen?

Weiter in der Reihe – Teil 8: Zu christlich? Zu esoterisch?
Oder quer eingestiegen – Teil 6: Was ist eigentlich ein Ritual?

Zur Übersicht: Alles über die Rauhnächte

Wer hier schreibt

Jan Frerichs — Autor, Theologe und Gründer der Lebensschule barfuß+wild. Als Franziskaner (OFS) interessiere ich mich für die »Mystik der kleinen Leute«. So bin ich auf die Rauhnächte gestoßen: eine dieser Volkstraditionen, die seit Jahrhunderten das Leben der Menschen prägen — und über die selten geschrieben wird.

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Die Rauhnächte sind nicht zwölf Rituale, die man zwischen den Jahren »korrekt absolviert«. Es geht um eine innere Bewegung. Und die beginnt nicht erst am 24. Dezember, sondern viel früher.

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... eine Einführung in die »Spiritualität des Absteigens«
... eine einfache Naturübung zur Tradition der Kräuterweihe im August
... ein Ritual zum Umgang mit der Vergangenheit im November
... praktische Informationen zur Vorbereitung auf die Rauhnächte im Dezember.

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