Woher kommen die Themen der zwölf Rauhnächte?

Teil 5 der Rauhnächte-Reihe – zur Übersicht.

Nach alter Tradition steht in den Rauhnächten die Zeit still. Es gibt nichts zu tun. Die Hausarbeit ruht – jedenfalls die äußere. Die Menschen ziehen sich in die Stuben zurück. Sogar das Spinnrad ruht – das Spinnen war in diesen Nächten vielerorts ausdrücklich verboten – und man erzählt sich Geschichten.

Zum alten Brauch gehört auch der sogenannte Lostag: man wollte in der Zeit der Rauhnächte voraussehen, wie das Wetter des kommenden Jahres wird. Jeder Tag in den Rauhnächten steht für einen Monat des kommenden Jahres: der erste Tag für den Januar, der zweite für den Februar, und so weiter.

Die Zuordnung der zwölf Nächte zu den zwölf Monaten

NachtDatumLostag-Monat
1.24./25. DezemberJanuar
2.25./26. DezemberFebruar
3.26./27. DezemberMärz
4.27./28. DezemberApril
5.28./29. DezemberMai
6.29./30. DezemberJuni
7.30./31. DezemberJuli
8.31. Dezember/1. JanuarAugust
9.1./2. JanuarSeptember
10.2./3. JanuarOktober
11.3./4. JanuarNovember
12.4./5. JanuarDezember

Die Volkskundlerin Dagmar Hänel beschreibt es so: Die zwölf Tage »wurden für die Wetterprognose mit den zwölf Monaten analog gesetzt«. In alten Bauernpraktiken — Wetterbüchern der frühen Neuzeit — ist diese Regel überliefert. Der Brauch der Lostage ist also historisch belegt: Jeder der zwölf Tage galt als Vorzeichen für einen Monat des kommenden Jahres. Der erste Tag zeigte das Wetter des Januars, der zweite das des Februars, und so weiter. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es natürlich, wie Hänel trocken anmerkt, keinen Zusammenhang zwischen dem Wetter der Rauhnächte und dem der Monate des Jahres.

Von den Lostagen zu Thementagen

Aber das »Wetter-Orakel« der Lostage beschränkte sich ja auch vermutlich nicht nur auf das äußere Wetter, sondern ebenso auf das innere. Das heißt: symbolisch auf die »Wetterlagen« in der Familie und Gemeinschaft. Und so, wie es in der Atmosphäre gewittern kann, kann auch der Haussegen atmosphärisch aufgeladen und gespannt sein.

In modernen Rauhnächte-Angeboten ist daraus die Einladung geworden, in jeder Rauhnacht bestimmte Themen und Qualitäten zu reflektieren. Es gibt aber kein festes System oder »die« eine richtige Tradition.

Die Themen-Listen, die heute kursieren, sind also jung. Sie stammen aus der Ratgeber-Literatur aus der Zeit seit der Jahrtausendwende. Bücher wie »Vom Zauber der Rauhnächte« von Vera Griebert-Schröder und Franziska Muri (2012) haben die Idee populär gemacht, jeder Nacht ein inneres Thema zuzuordnen; viele weitere folgten. Wer die Listen zuerst aufgeschrieben hat, lässt sich nicht mehr sicher sagen — sicher ist nur: In der volkskundlichen Überlieferung kommen sie nicht vor.

Dasselbe gilt übrigens für das beliebte 13-Wünsche-Ritual. Auch dafür gibt es keinen Beleg in der Fachliteratur des Brauchtums – es ist ein modernes Ritual, entstanden irgendwo in der spirituellen Ratgeber-Welt der letzten Jahrzehnte.

Ist das schlimm?

Nein. Und das meine ich ernst – hier kommt keine Abrechnung mit den Themen-Listen und modernen Ritualen. Im Gegenteil.

Auch das älteste Brauchtum war irgendwann jung. Die Kräuterweihe, das Räuchern, die Lostage: Alles davon hat einmal klein angefangen, als Idee von Menschen, die einen Rahmen schaffen wollten für eine besonders geprägte Zeit. Dass ein Ritual jung ist, macht es nicht weniger wert. Was ein Ritual fragwürdig macht, ist etwas anderes: wenn es sich älter ausgibt, als es ist – wenn »uraltes Wissen« draufsteht, wo Ratgeber von 2012 drin ist.

Wir gehen bei barfuß+wild selbst seit 2020 gemeinsam durch die Rauhnächte – mit eigenen Themen und auch mit den 13 Wünschen in einer eigenen Lesart: Die Wünsche sind eine Übung im Loslassen und der Vergebung. Mehr dazu erfährst Du im Wegweiser.

Was heißt das für Dich?

Wenn Dir eine Themen-Liste hilft, still zu werden und wesentlichen Qualitäten Deines Lebens nachzuspüren – nimm sie. Nicht als System, sondern als Einladung. Es gibt – wie gesagt – keine Instanz, die prüft, ob Du in der dritten Nacht wirklich über Familie nachgedacht hast, und es geht auch nichts verloren, wenn Du eine Nacht einfach nur schläfst.

Denn das ist am Ende der Kern, und der ist wirklich alt: Nicht die Themen sind überliefert – die Stille ist es. Und das Nichtstun. Sabbatzeit. Zwölf Nächte, in denen die Arbeit ruht, das Spinnrad weggeräumt wird und die Zeit den Atem anhält. Was Du in diese Stille legst, darfst Du selbst entscheiden.

Die Rauhnächte sind kein Event oder ein Programm, das Du abarbeitest. Die Rauhnächte gründen in einer Haltung und in einer Qualität, die schon viel früher im Jahr beginnt. Wenn Du dafür einen Rahmen suchst: Der Wegweiser führt Dich vom Sommer bis in diese besonderen Nächte zwischen den Jahren.

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Wie möchtest Du weiterlesen?

Weiter in der Reihe – Teil 6: Was ist eigentlich ein Ritual?
Oder quer eingestiegen – Teil 2: Wie alt sind die Rauhnächte wirklich?

Zur Übersicht: Alles über die Rauhnächte

Wer hier schreibt

Jan Frerichs — Autor, Theologe und Gründer der Lebensschule barfuß+wild. Als Franziskaner (OFS) interessiere ich mich für die »Mystik der kleinen Leute«. So bin ich auf die Rauhnächte gestoßen: eine dieser Volkstraditionen, die seit Jahrhunderten das Leben der Menschen prägen — und über die selten geschrieben wird.

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Der Wegweiser in die Praxis der Rauhnächte – für einen Weg, der schon im Sommer beginnt ...

Die Rauhnächte sind nicht zwölf Rituale, die man zwischen den Jahren »korrekt absolviert«. Es geht um eine innere Bewegung. Und die beginnt nicht erst am 24. Dezember, sondern viel früher.

Diesen Weg zeichnet das kostenlose PDF-Workbook, das wir bei barfuß+wild für Dich zusammengestellt haben: Der Wegweiser führt Dich vom Johannisfest in der Sommersonnenwende bis in die Nächte zwischen den Jahren in der Wintersonnenwende.

Der Rauhnächte-Wegweiser — PDF-Mockup mit drei aufgefächerten Seiten

Du findest im Wegweiser ...

... eine Einführung in die »Spiritualität des Absteigens«
... eine einfache Naturübung zur Tradition der Kräuterweihe im August
... ein Ritual zum Umgang mit der Vergangenheit im November
... praktische Informationen zur Vorbereitung auf die Rauhnächte im Dezember.

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