Teil 4 der Rauhnächte-Reihe – zur Übersicht.
Seit 2020 gehen wir bei barfuß+wild gemeinsam durch die Rauhnächte. Jedes Jahr im Dezember hören wir dieselbe Frage: »Wann geht es genau los mit den Rauhnächten?« Und jedes Jahr müsste ich eigentlich, wenn ich ehrlich bin, sagen: Ich weiß es nicht. Kommt drauf an, wen Du fragst.
Das würde natürlich niemandem helfen – und deshalb haben wir uns natürlich für eine bestimmte Zählung entschieden (siehe unten).
Aber tatsächlich gibt es eben nicht die eine richtige Zählung – das bestätigt auch die Volkskundlerin Dagmar Hänel vom LVR-Institut: Es gibt mehrere Traditionen. Und jede hat ihre eigene Logik. Hier sind sie.
Die kirchliche Zählung: 25. Dezember bis 6. Januar
Die am weitesten verbreitete Zählung ist zugleich die kirchlich verankerte: die zwölf »Heiligen Nächte« zwischen dem Weihnachtstag und Dreikönig. Diese Zählung ist seit einigen Jahrhunderten christlich überliefert – sowohl katholische als auch evangelische Quellen beschreiben genau diesen Zeitraum. Wenn Du in einer kirchlichen Tradition zu Hause bist: Das ist die Zählung, die Dir vertraut vorkommen dürfte.
Die Vorabend-Zählung: ab dem 24. Dezember
Bei barfuß+wild folgen wir einer Zählung, die einen Tag früher beginnt – mit dem Heiligen Abend. Der Grund ist sehr alt: In der biblischen Schöpfungserzählung heißt es »Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag«. In der jüdisch-christlichen Tradition beginnt der Tag deshalb schon am Vorabend. Der Schabbat beginnt am Freitagabend, die großen christlichen Feste haben ihre erste Vesper am Vorabend. Und darum feiern wir ja auch in Deutschland am »Heiligen Abend« schon in das Weihnachtsfest hinein.
Wer so zählt, kommt übrigens auf dreizehn Nächte bis Dreikönig – auch das ist kein Fehler, sondern eine Folge dieser Logik.
Die Sonnenwend-Zählung: ab dem 21. Dezember
Eine dritte Tradition orientiert sich am astronomischen Winterbeginn: der Wintersonnenwende am 21. oder 22. Dezember, wenn die Sonne ihren tiefsten Stand erreicht. Diese Zählung ist vor allem in neuheidnischen Kreisen verbreitet, die die Rauhnächte an den Sonnenlauf statt an den Kirchenkalender anbinden. Neu ist das allerdings nicht: Die Thomasnacht (die Nacht zum 21. Dezember) gilt mancherorts traditionell als Auftakt.
Die vier Hauptnächte im Alpenraum
In vielen Alpenregionen wurden gar nicht zwölf Nächte begangen, sondern nur drei oder vier besondere: eben die besagte Thomasnacht, dann die Christnacht, die Silvesternacht und die Nacht auf Dreikönig. Auch das ist überliefertes Brauchtum – und ein schöner Beleg dafür, dass die Zwölf nie so fest stand, wie manche heute glauben oder glauben lassen.
Der Sonderfall Luzia: 13. Dezember
Und dann ist da noch die Luzia-Nacht. »Im Volksglauben ist der 13. Dezember eine Raunacht«, vermerkt katholisch.de. Wie kommt ein Termin mitten im Advent zu dieser Ehre? Eine verbreitete Erklärung führt in die Kalendergeschichte: Der alte julianische Kalender war über die Jahrhunderte aus dem Takt geraten – bis zur Reform von 1582 hatte er sich nämlich um zehn Tage verschoben, die Sonnenwende fiel damals auf Mitte Dezember. Nach dieser Lesart wäre die Nacht der Luzia – ihr Name bedeutet »die Leuchtende« – ein Fossil der alten Wintersonnenwende. Belegen lässt sich diese Herleitung nicht sicher; die Kalenderverschiebung selbst ist allerdings ein Fakt.
Und was ist mit dem Mondjahr?
Fast jede Rauhnächte-Seite erzählt die Geschichte von den elf Tagen: Das Mondjahr mit rund 354 Tagen und das Sonnenjahr mit 365 Tagen liegen elf Tage auseinander, und die zwölf Rauhnächte füllen diese Lücke als »Zeit außerhalb der Zeit«. Die Rechnung stimmt. Ob die Rauhnächte wirklich so entstanden sind, kann allerdings niemand sicher belegen – die Volkskunde formuliert hier ausdrücklich nur im Vermutungsmodus. Ich finde das Bild von der Zeit, die still steht, sehr stimmig und erzähle es gern – als schönes Symbol, das etwas über die Qualität der Rauhnächte sagt.
Wie sollst Du nun zählen?
Ich würde sagen: Wie es zu Dir passt. Es gibt kein historisches System, das Du befolgen müsstest. Es gibt auch keine Instanz, die Deine Zählung prüft. Die Rauhnächte sind eine »kleine Tradition« – eine Tradition der »kleinen Leute« – und es gibt kein »Lehramt« oder eine andere Autorität, die festlegt, was Du »glauben« musst.
Wir beginnen bei barfuß+wild am Heiligen Abend, weil uns die Vorabend-Logik der Schöpfungserzählung überzeugt – und weil an diesem Abend für die meisten das Weihnachtsfest beginnt.
Wie die Zeit des Übergangs ins neue Jahr gelingen kann, das erzähle ich Dir in der Podcast-Folge »Wie Du durch die Rauhnächte gehen kannst«.
Und wenn Du jetzt schon beginnen möchtest mit der Vorbereitung, zeigt Dir unser Wegweiser, wie das gehen kann.
→ Hol Dir den Wegweiser – kostenlos als PDF
Wie möchtest Du weiterlesen?
→ Weiter in der Reihe – Teil 5: Woher kommen die Themen der zwölf Nächte?
→ Oder quer eingestiegen – Teil 9: Der Weg zu den Rauhnächten




